2020 – ein Nachruf

Ich weiß noch genau, wie ich am 02. Januar 2020 morgens zwischen Müdigkeit und dem eigenen Ärger, nicht Urlaub eingereicht zu haben, zur Arbeit gefahren bin. Die Nachrichten waren noch spärlich gespickt von einer unbekannten Lungenkrankheit, die sich langsam aber stetig in China ausbreitete. Ich weiß noch wie ich scherzhaft dachte: So fängt es also an. Das Ende.

Ich lüge, wenn ich sage, ich hasse Jahresrückblicke. Die Kitschigen schon, so mit Blümchen-Filter, Herzen und dem Gedöns, das einem Jahr wie jedes andere auch eine ganz besondere Note verleihen soll. Dieses Jahr ist allerdings anders, als die anderen, so viel steht fest. Dieses Jahr erwarten uns nicht wie üblich Montagen abenteuerlicher Urlaubsreisen, grandioser Zusammenkünfte, vermeintlich sinnbefreiter Feiereien. Stattdessen verpatzte Frisuren, an denen selbst Hand angelegt worden war, versteckt unter winterlichen Wollmützen, frisch gestrichene Wände, weil Baumärkte das frühlings Highlight waren. Keine Kinder in gruseligen Kostümen an Halloween. Leergefegte Straßen, in denen kein Gesang zwischen einsam illuminierten Weihnachtsbäumen hallte. All diese Dinge kommen euch bekannt vor, ich muss sie nicht aufzählen. Aber irgendwie doch, denn es hat mich berührt, irgendwo tief da drinnen.
Von der ganz persönlichen Seite war dieses Jahr ein Arschloch. Aber vielleicht tue ich ihm auch Unrecht, diesem Gauner, getarnt als Jahr. Vielleicht auch nicht; schließlich gab es Krankheit, Verzweiflung, Neid und den Wunsch, die Zeit zurückzudrehen.

Aber auf welches Datum? Der letzte Urlaub vor Covid? Die süße Unwissenheit, was da auf uns zukommt? Aber liegt die Schönheit einer Erinnerung nicht tatsächlich darin, dass sie längst vergangen ist?


Und genau so ist es. Manchmal erkennen wir Schönheit nicht, auch wenn sie direkt vor uns liegt. So oft gehen wir achtlos vorbei an Menschen, die uns eigentlich nur ein freundliches Lächeln schenken wollen, ignorieren die Anrufe unserer Freunde, weil es gerade nicht passt. Einmal, zweimal. Einmal zu oft. Dann werden sie zu Bekannten, die wir schließlich zwischen Erinnerung und Vergessenheit wiederfinden. Endstation Einsamkeit. Es heißt, es sei so einfach, neue Freunde zu finden. Man muss nur rausgehen. Und dann spazierte Covid19 durch die Tür, machte es befangenen Erwachsenen noch schwerer, Kontakte zu knüpfen, riss verheilt geglaubte Wunden auf und lachte einer überzivilisierten Gesellschaft auch noch frech ins Gesicht.

Und das war’s dann mit dem ohnehin schwierigen Neujahresvorsatz, neue Bekanntschaften zu knüpfen. Kinder haben es da etwas leichter. Es reicht ein Hallo. Selbst während einer Pandemie. Apropos Kinder.


Das wollte ich lange schon klarstellen: Sind Kinder die Verlierer der Pandemie? Das ist doppelt ungerecht. Sie sind angeblich keine Treiber, nun aber sogar die Verlierer? Beschämend, dass ausgerechnet jetzt das Schlagwort Kindeswohl auf den blank polierten Tellern der Politiker als das heiße Tagesgericht serviert wird, waren doch Kinder aus prekärem Verhältnissen jahrzehntelang nur eine nicht erwähnenswerte Beilage im strukturellen Wandel, in der lieblos herumgestochert wurde, sobald der Blick darauf fiel. Und jetzt ganz ehrlich: Schämt euch.

Aber davon mal ganz abgesehen; zuhause mit den Kindern sein, ist das wirklich so schrecklich? Sind Eltern tatsächlich nicht imstande, ihre eigenen Kinder zu betreuen? Provokante These, ich weiß. Aber öffentlich wurde sie in diesem Jahr tausendfach diskutiert und unverfrorenerweise mit „wie in der DDR“ betitelt. Die Mehrheit meiner Kindergarten-Eltern meldete mir in diesem Sommer jedoch zurück, wie angenehm die Zeit mit den Kindern daheim doch gewesen sei. Nochmal wie Elternzeit.

Aber der Ruf der Gesellschaft ist lauter als das leise Flüstern von verunsicherten Frauen, zwischen den Vorwürfen, der Emanzipation nicht genüge zu tun und dem verzweifelten Wunsch nach finanzieller Unabhängigkeit. Der Vollzeitjob ist zu wichtig, ihn aufzugeben. Supermärkte besitzen zwar die Frechheit, Geld zu verlangen. Aber ist der ganze Luxus sonst nötig? Und müssen wir uns 2020 immer noch fragen, ob eine gesicherte Rente für jeden wirklich Luxus ist? Tja, zum Glück gibt es den Fortschritt und den Frauen steht es angeblich selbst frei, welchen Weg sie nehmen. Und der ist doch so bequem. Und so kam das mit den Kitas, die 2020 plötzlich ihre volle Bedeutsamkeit entfalteten, wie die Flügel einer Motte im Licht der LED Straßenlampe.

Kitas blieben plötzlich geschlossen, Erzieher wurden scharf kritisiert, Eltern wurden endlich laut. Die Politik stimmte schließlich mit ein und begann ein Mantra zu beten, das selbst den vermeintlichen Verlieren alsbald sehr auf den Sack ging: Bildungsstätte bleiben offen. Bildung (auf einmal) als Grundrecht der Kinder. Aber um jeden Preis?
Ich, wie viele andere Erzieher*innen fing mir Covid ein, begann sogar streckenweise selbst zu beten. Bitte lass es aufhören. Lass es irgendwann wieder normal werden. Aber normal ist eine Illusion. Ganz wie vorher ist es noch immer nicht und darüber bin ich erstaunlicherweise froh. Corona legt nicht nur die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Defizite bloß, sondern auch die persönlichen. Mein Leben vor Covid war geprägt von einem ewigen Rennen, dessen Ziel mir nie ganz klar gewesen ist.

Wir arbeiten uns halbtot, weil wir vermeintlich unverzichtbar sind. Optimieren uns unaufhörlich selbst, um neben all der Arbeit und den lästigen Verpflichtungen, die das als Kind so eilig herbeigesehnte Erwachsensein mit sich bringt, noch Energie für ein Quäntchen überbewerteten Spaß zu haben. Für all die schönen Dinge, die wir gar nicht vermissen, wenn es wirklich drauf ankommt. Meine Ärztin stellte die entscheidende Frage: Sind Sie nicht müde?
Oh, und wie ich das bin.
Um wirklich zu 100 % zu funktionieren, hörte ich im August auf, die von der Gesellschaft akzeptierte Dosis Alkohol zu trinken. Mitten in einer globalen Pandemie verzichtete ich auch noch darauf. Nicht, dass es unbedingt nötig gewesen wäre. Das bisschen ist doch nicht schlimm? Aber Selbst reflektiert, wie ich nun mal bin, stellte ich mir die entscheidende Frage: Wie unterbewertet cool ist Nüchternheit?


Und die Antwort lieferten mir, wie so oft schon, die Kinder. Kinder sind so unbeschwert, dass ich mich manchmal dabei ertappe, wie ich sie im Stillen um dieses rosige, liebenswerte, gelöste Wesen beneide. Kinder konsumieren keinen Alkohol, sie netflixen nicht den ganzen Tag, rauchen nicht und denken keineswegs über die allgegenwärtige Schwere des Lebens und des darauffolgenden Todes nach. Sie sind einfach. Selbst in einer richtig beschissenen Krise sehen sie in einem simplen Stock das begehrenswerteste Objekt der Welt. Und das macht sie zu den echten Gewinnern, immer.


Ich verzichtete also auf meinen Freitagabend und mein Bier. Ich befürchtete das Schlimmste: Langeweile. Das Gegenteil trat ein und ganz ehrlich; gelangweilt habe ich mich eigentlich nicht. Eigentlich. Aber es liegt in unserer Natur, gelegentlich eine Leere zu spüren, die wir unbedingt zu füllen versuchen. Mit den schönen Dingen oder großmütigen Taten, bis wir feststellen: Sie vergeht nicht. Nicht wirklich jedenfalls. Doch wenn wir sie akzeptieren, als Teil des Menschseins wirklich annehmen, dann verändert sie sich. Dann sehen wir, was wirklich zählt. Nicht das Shopping in der City. Nicht die Restaurantbesuche. Nicht die Filter, die wir suchen, um den Strand von den vielen anderen abzuheben. Und genau da begann ich die Schönheit zu sehen, die zwischen all den aufregenden Posts, dem vermeintlich verpassten Leben und dem kleinen Scheiß untergangen waren, über den ich mich viel zu oft beklagt habe und der über die Jahre schlicht in Vergessenheit geraten war.


Die Sprachnachrichten einer Kollegin, die in der Krise zu einer echten Freundin geworden war, die mir lebhaft von ihrem Tag berichtete. Das häusliche Stiefkind, der karge Balkon, der plötzlich erblüht, weil man die Zeit für ihn hat (und keine andere Wahl). Das Lachen der Mama, das sie sich in schwerer Krankheit bewahrt hat und das plötzlich zum Leuchtfeuer in der Nacht wurde, das mir zeigte: Das will ich auch.

Und so kehre ich ab vom Arschloch und sage Danke 2020.

Du hast mir gezeigt, das bin ich auch. Wenn ich nur will. Vielleicht, weil ich keine andere Wahl hatte, als das Beste aus dem herauszuholen, das ich habe. Und das ist großartig, weil ich es mir selbst irgendwann sogar ausgesucht habe. Und wie stark ich bin. Ich hatte es nur vergessen, weil ich es so bequem hatte. Danke, dass ich erwachsen geworden bin. Weil ich es musste.


In diesem Jahr habe ich gegen die Drachen einer eingeschlafenen Bürokratie gekämpft. Gegen die Ungerechtigkeit, dass die vielen Überstunden einfach im Lockdown verschwunden sind. Gegen die Vorurteile, dass Erzieher lieber zuhause bleiben würden, als zu arbeiten. Gegen Urgesteine, die nicht wahrhaben wollen, dass die Zeiten sich geändert haben. Dass meine Generation auch eine Stimme hat, die nicht nur Unsinn postet.


Ich habe verloren.


Daraufhin habe ich gekündigt. Meine Wunden geleckt. Die Situation neu bewertet. Es wird immer jene geben, die lieber Schweigen, als sich den Tatsachen zu stellen. Und dann gibt es jene wie mich, die das Schweigen innerlich zerreißt. Aber nicht dieses Jahr, diesmal nicht. 2020 habe ich meine Wut auf das Jahr zusammengekratzt und ordentlich auf den Tisch gehauen. So geht es nicht – nicht mit mir, nicht mit uns! Es ist nicht fair, unter den Erwartungen des guten Kita Gesetzes zu arbeiten, den der Personalschlüssel selbst in guten Zeiten nicht hergibt. Es ist ungerecht, Tyrannen zu dulden, nur weil sie lauter sind. Es war zu spät; meine Entscheidung, woanders neu anzufangen und diesmal einfach den Mund zu halten, gefällt.


Die ehemaligen Kollegen, von denen manche inzwischen meine engsten Freunde geworden waren, zogen mit, prangerten ebenfalls an, was nicht länger stillschweigend hinzunehmen war. Dass sich die Dinge daraufhin tatsächlich änderten, bewies mir, dass nichts so starr und unveränderlich war, wie ich immer angenommen hatte. Weil ich den Anfang gemacht habe. Und dann alle zusammen. Dass alte Systeme wohl zusammenbrechen können, wenn man nur bestimmt und gezielt genug an ihnen rüttelt. Zusammen.

Und so kam ich, 2020 sei Dank zu einem neuen Ethos, dass das Gras auf der anderen Seite eben nicht grüner ist, nur weil es sich um unbekanntes Territorium handelt. Ich weinte, aber nicht aus Bedauern. Diesmal aus Überzeugung. Ich nahm meinen Mut und meine Hoffnung auf ein neues, besseres Jahr zusammen und bat, wieder nach Hause zu kommen. Denn nach allem, ist diese Kita genau das für mich geworden. Zuhause.

Und plötzlich ist alles möglich. Denn wir sind viele, eine Gesellschaft, vereint in Solidarität, die 2020 das schönste Comeback überhaupt erlebt hat. Wir sind nicht nur Kitapersonal. Wir sind Kita.

Und so begrüße ich ganz ohne Feuerwerk ein neues Jahr, voller Chancen, alten Freunden und der Demut, nicht aufzugeben. Niemals.

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