O du fröhliche Rotznase: Zwischen Vorweihnachtsbasteln und Zwangsschließung

„Ich glaube, mir geht’s nicht gut“, sagte ich noch.


Eigentlich wäre jetzt die Zeit, sich über die Weihnachtsdeko Gedanken zu machen. Wer wird den Nikolaus spielen? Wann wollen wir backen? Der Dezember ist bald, da ist Planung nötig. Aber diese Fragen sind eher zweitrangig, wenn auf politischer Ebene weiterhin Uneinigkeit herrscht wegen des Singens im Morgenkreis. Ihr wisst schon, die berühmte Infektionskette, die mit dem Nichtsingen unterbrochen wird. Es ist ja nicht so, dass Kind X sich die mit grünem Sekret verschmierte Nase mit bloßer Hand abwischt, um dann nach dem Spielzeug zu greifen, das Kind Y gerade noch im Mund hatte.
Wie gewöhnlich das doch war, Kinder mit Rotznase in die Kita zu bringen und wie ungewöhnlich es plötzlich wurde, als ein Wort, ein leiser Verdacht, ja gar blanke Angst immer lauter geworden ist: Corona.


Aber von kranken Kindern möchte ich heute nicht erzählen.


Wir Deutsche gehen gern zur Arbeit. Wir sind effizient, nichts lieben wir so sehr, wie eingehaltene Deadlines. So sagt man jedenfalls. Und damit das Uhrwerk weiter fleißig tickt, wird schnell ignoriert, was derzeit schlimmer in den Medien grassiert, als an der Supermarktkasse: die ersten Anzeichen einer Krankheit. Im Herbst ja nichts Ungewöhnliches, oder?
Mal rumort es im Bauch, mal kratzt der Hals. Was solls – war eben das Essen nicht mehr gut oder das Fenster im Auto zu lange auf. Dann quält der gute Arbeitnehmer sich – krank sein kann man auch in der Freizeit.
Und tatsächlich: Wie oft werden wir am Wochenende krank? Wir kurieren uns im Schnellverfahren aus, dass es Montagmorgen wieder geht. Eben gerade so. Geht ja nicht anders, wir sind unverzichtbar. Und überhaupt, was sollen die anderen sagen? Dann wird doch im Flur getuschelt: schon wieder krank? Also in den gesunden Apfel beißen oder ab zur Apotheke, wo noch für jedes Wehwehchen ein hübsches Werbeversprechen lockt. Die Branche Nahrungsergänzungsmittel boomt, Titel wie ‚Super Human‘ rangieren auf den höchsten Bestsellerlisten und gesunder Schlaf war noch nie so wichtig. Schnell bekommt man den Eindruck, es doch irgendwie selbst in der Hand zu haben. Selbst schuld zu sein, wenn aus dem langsamen, aber stetigen Kratzen plötzlich ein Brennen und das Schlucken von wohltuendem Tee zur Unmöglichkeit wird. Hättest du eben mehr Sport getrieben, auf deine Ernährung geachtet, Stress vermieden, wärst früher ins Bett gegangen …
Die Liste mit den Selbstbeschuldigungen ist endlos.


Und war da nicht noch etwas mit Abstand halten? Hände waschen? Maske tragen?


Seit April bestimmt das Bild der Maske unseren Alltag und es fühlt sich seltsam an, Filme zu sehen, in denen die alte Realität uns unverblümt in die maskenbedeckten Gesichter grinst.
Vieles hat sich geändert, vielleicht viel mehr, als uns jetzt klar ist.
Aber eines sicher nicht: Die Unverzichtbarkeit am Arbeitsplatz.
Ich bin Erzieherin, ich weiß, wovon ich rede.

Nichts ist mehr gefürchtet, als der morgendliche Anruf. Kollegen und Kolleginnen fallen wie die Fliegen. Sätze wie „du sahst gestern schon nicht gut aus“ fallen gleich mit. In Wahrheit ist es nämlich so, dass wir vieles einfach wegstecken, aushalten, aussitzen, über uns ergehen lassen. Kranke Kinder markieren dabei erst den Anfang einer langen Reihe, über die in den Medien kaum gesprochen wird. Weil Kinder keine Infektionstreiber sind. Viel wird derzeit getan, um den Regelbetrieb aufrecht zu erhalten. Maskenpflicht im Unterricht, wenn er nicht digital stattfindet. Aber Maskenpflicht in der Kita? Eher nicht. Dann lieber nicht singen und bei kühlen Temperaturen in alten Gemäuern das Fenster offen lassen. Immerhin haben wir gesehen, was passiert, wenn dieses System ausfällt. Noch mehr wird derzeit getan, um (arbeitende) Risikogruppen zu schützen. Diese gehen ins Homeoffice oder sind (zu Recht!) freigestellt. Es gibt viele Erzieherinnen, die sich stetig dem wohlverdienten Ruhestand nähern; Babyboomer. Wir alle wissen um unseren Fachkräftemangel, beklagen ihn und zählen die Jahre, bis sich die düstere Prophezeiung endlich erfüllt.
Nun kommt es mir so vor, als wären die Probleme (zu Recht!) ins Homeoffice vorverlegt worden. Die Personalnot ist groß, die Ansage der Politik aber klar: „Der Betrieb muss weiter gehen.“ Dumm nur, dass unser Produkt den Sprung im Rad nicht einfach wegstecken kann. Weil es Kinder sind. Eure Kinder. Unsere Zukunft.
Was also tun, wenn der Hals den dritten Tag infolge kratzt, der Kopf gleich springt, mit dem Wissen, dass bereits zwei andere krank sind? Ihr ahnt es sicher. Sprichwörtlich abwarten und Tee trinken. So lange, bis die anderen wieder fit genug sind, den Regelbetrieb aufrechtzuerhalten, wenn man selbst nicht mehr kann oder es eben vorher gar nicht mehr geht.

Und dann?


„Ich glaube, mir geht’s nicht gut“, sage ich an einem Donnerstagmorgen mit dem schlechtesten aller Gewissen, das tief in mir nagt und jäh die Übelkeit verscheucht, die mir brodelnd in die Kehle steigt.
Die Kollegin drückt mir meine Tasche in die Hand, verabschiedet mich noch mit Sorgen in ihrem Blick. Wahrscheinlich Magen Darm, geht ja gerade rum, denke ich und lege mich schlafen. Sieben Stunden später wache ich auf, mit meinen neuen besten Freunden: Fieber und Husten.
Freitag Nachmittag gehe ich zum Abstrich, weil die Symptome inzwischen quälend sind.
„Aber gerade so“, sagt der Doc und unterrichtet mich lächelnd, die Teststrategie habe sich geändert. Primär nur pflegerisches und medizinisches Personal. Die anderen mit Symptomen, die sollen halt einfach daheim bleiben, sich auskurieren.
Es schmerzt. Sind wir Erzieher/innen die anderen? Haben wir denn nicht über Wochen zehrend festgestellt, systemrelevant zu sein?
„Das Ergebnis kommt aber erst so gegen Dienstag, vielleicht Mittwoch. Die Labore sind …“
„Überlastet“, seufze ich und denke an all die Dinge, die ich mir seit März verkniffen habe, damit andere Systeme nicht überlasten. Unter anderem unseres.


Eben weil wir systemrelevant sind. Weil wir wichtig sind. Weil wir Verantwortung tragen, dass es läuft. Weil wir es wollen müssen, weil wir sozial sind.


Dienstags fühle ich mich etwas besser, matt noch und erschlagen, bekomme kaum Luft, wenn ich die Treppen empor steige, denke, das bilde ich mir sicher ein. Ein Kaffee, vielleicht ein weiterer super green Smoothie, etwas Ruhe und morgen bin ich wieder fit. Immerhin steht eine Teamsitzung an, da wollen wir doch die Vorweihnachtszeit besprechen. Wie absurd mir das im Moment vorkommt. Doch ich schiebe den Gedanken beiseite, bleibe positiv. Morgen bin ich wieder da. Bereit, meinen Dienst an der Gesellschaft zu erfüllen. Denn das tue ich, und das aus Liebe.
Doch es kommt anders. Und plötzlich wird aus meiner Einstellung ein Befund:

Positiv.


Ich bin nun eine von diesen derzeit 15.000, die das Land in spannungsvollen Atem halten. Der Atem, der mir seit Donnerstag irgendwie fehlt. Ich denke an die Kinder und deren direkte Angehörige, die nun in Quarantäne müssen. Hätten meine Kolleginnen und ich uns gleich aus einem diffusen Unwohlsein heraus krank melden sollen? Gelte das für jedes Mal, wären die Straßen morgens sicherlich leer.
Aber dann überlege ich, rechne nach, wo ich mich bei wem hätte anstecken können. Die Kontaktliste ist nicht lang; der eigene Haushalt und der Betrieb, der doch unbedingt am Laufen hatte bleiben sollen.
Der Rattenschwanz beginnt, wo war ich wann mit wem, wer muss in Quarantäne, wer nicht? Datiert ist die Wiedereröffnung des Betriebs auch schon, ohne zu wissen, wen es noch erwischt hat und mit welchen Konsequenzen.


Ich wünsche es keinem.

Gut geht es mir nur, wenn ich ganz ruhig da sitze. Sobald ich in Bewegung bin, muss ich schnaufen, brummen wie ein Maikäfer, der sich aufbläht, aber nicht mehr fliegen kann. Spaßig ist das nicht, gleichzeitig vor Hitze einzugehen und zu frieren. Zu husten, als würde ich wieder zum ersten Mal rauchen, was ich vor 4 Jahren aufgegeben habe. Den Kindern zu liebe. Du stinkst, haben sie gesagt. Recht haben sie gehabt.


Ich bin nicht für flächendeckende Schließungen, das ist ungerechtfertigt. Aber ungerechtfertigt ist ebenfalls, Restaurants, Saunen und Sonstiges zu schließen. Die haben gute (und überwachte) Hygienekonzepte. Ich würde meinen, bessere als so manche Kita. Hier kommt nämlich niemand und kontrolliert, wie gut wir das bisschen umsetzen, das wir noch in der Hand haben.

Ich bin für mehr Achtsamkeit, Respekt, ein wenig Verständnis, dass die Welt auch für uns aus den Fugen geraten ist. Dass Elternabende leider ausfallen müssen. Dass Ausflüge, Sankt Martin und Weihnachtsfeiern anders ablaufen, wenn überhaupt. Dass Kinder in neue Gruppen aufgeteilt wurden. Dass Betreuungszeiten eingeschränkt wurden. Dass Elterngespräche sich anfühlen, als säße man auf Station. Dass Eingewöhnungen unter Pandemiebedingungen irgendwie seltsam und deshalb vermeintlich weniger herzlich sind. Dass aus dem netten Tür- und Angel-Gespräch kurze Abrisse des Tages und Post im Täschchen mit spärlichen Informationen geworden sind. Dass wir schließen müssen, weil dieses System eben nicht, wie von oben diktiert, unfehlbar ist.

Aber wir tun auch weiterhin unser Möglichstes.
Für die Kinder.
Unsere Zukunft.
Für euch und für uns.

Ein Kommentar zu „O du fröhliche Rotznase: Zwischen Vorweihnachtsbasteln und Zwangsschließung

  1. Du sprichst mir aus der Seele. Unsere Kita ist z.Zt. auch wegen einer Covid 19 Erkrankung geschlossen. Eine Gruppe und das Personal sind in Quarantäne., die restlichen Kinder zu Hause, da es kein Personal gibt.
    Und schon sind wir wieder da, wo wir auch im März 2020 waren …..

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