Grüße aus den „Corona-Ferien“ – ein Fazit

Ich hatte Pläne für den Sommer. So geht es vielen, ich weiß. Mal ganz unabhängig davon, dass wir das Land vielleicht nicht verlassen können, gibt es doch andere Dinge, die man im Sommer tun könnte. Urlaub im Spreewald oder vielleicht an der Ostsee? DDR Style – warum nicht?
Tja, darum: Corona. Können Sie es auch schon nicht mehr hören? In meinem letzten Eintrag habe ich beschrieben, wie der letzte Tag vor der flächendeckenden Schließung eines der unzähligen Kindertagesstätten abgelaufen ist. Ich bin Erzieherin und für all die, die es nicht wissen: Unsere Arbeit besteht nicht nur aus der Zeit am Kind. Oh nein. Da gibt es so viel zu dokumentieren, dass die Stasi sich gewiss ein Scheibchen davon hätte abschneiden können. Beim Stichwort Personalmangel wird jedoch klar, dass die Ressource Zeit so knapp bemessen ist, wie damals angeblich Bananen. Was all die DDR-Anspielungen sollen? Dazu später mehr.

Jedenfalls wäre jetzt die Zeit gewesen, all das aufzuarbeiten, damit bis zum Ende des Kindergartenjahres doch etwas Vorzeigbares entstanden ist. Wenn nämlich keine Dokumentation hängt, entsteht schnell der Eindruck, dass keine Bildung umgesetzt wurde. Wie, ihr habt heute nur gespielt? Weil es auch so einfach ist, das Freispiel einer alters-gemischten Gruppe, bestehend aus (wenn es gut läuft) 20 Kindern alleine zu koordinieren, nicht wahr?
Ich denke, und das meine ich nicht wertend, viele (Eltern) begreifen erst jetzt, wie essentiell diese Arbeit ist. Da ist nichts mit mal kurz Pause machen, schon gar nicht im Homeoffice, wenn es ständig an der Türe klopft oder im Nebenzimmer das Geheule darauf hinweist, dass die Situation unter Geschwisterkindern alleine nicht mehr tragbar ist. Noch einmal zur Klarstellungen: Natürlich wissen Eltern das, aber die Krise verändert nun mal die Sicht auf die Dinge, auch auf unsere Arbeit.
Unser ‚Homeoffice‘ ist unsere Verfügungszeit in einem Büro mit einem PC, den sich 8 Leute teilen. Ich verstehe, wenn Eltern sagen, dass man gefühlt zu nichts kommt, weil andauernd MAMA/PAPA durch die Flure gebrüllt wird, denn so geht es mir (nach einer heftigen Kündigungswelle 2019) seit Monaten und anderen seit Jahren.

16. März
Als uns die Nachricht ereilte, dass Kitas geschlossen werden, herrschte Unsicherheit. Bei den Eltern, ganz klar. Aber auch bei uns. Wie geht es weiter? Werden wir weiter bezahlt? Klar war nur eines: Wir haben definitiv nicht frei. Ein wenig bitter, wenn man aus dem Bekanntenkreis erfährt, wie andere Träger mit dieser prekären Situation umgehen – Freistellung bei voller Lohnfortzahlung.
Auf anfängliches Erstaunen folgte im Team die Euphorie. Ein leeres Haus mit nichts weiter außer Zeit. Reichlich Zeit. Man, was hätten wir alles tun können. Portfolios auf den neusten Stand bringen, Fotos ausdrucken, Themenkisten richten, den Garten (endlich) so gestalten, dass wieder Bildungsarbeit möglich ist, den Dachboden entrümpeln, Speisepläne überarbeiten, dem Auftrag des Datenschutzes, so lächerlich er manchmal auch sein möge, gerecht werden. Die Liste lässt sich endlos fortsetzen. Also ran ans Werk!

18. März
Die Euphorie, nach der Krise gut gerüstet in ein neues, besseres Zeitalter zu starten, zerbrach jedoch bald darauf. Wie sieht es mit Arbeitsschutz aus? Auf einmal wurden diese Themen wichtig, rückten in den Vordergrund, statt nur auf dem Papier zu existieren. Die Folge: Nur 2 Personen pro Raum, unklare Anweisungen, die Einführung von Schichtdiensten, um sich nicht unnötig zu begegnen. Dabei vergessen wurde, dass sich 8 Erzieherinnen dennoch eine Toilette teilen und dass sämtliches Desinfektionsmittel bereits übergeben wurde an jene Einrichtungen, die bereits den Notbetrieb aufrecht erhielten. Warum arbeiten wir nicht in der Notgruppe?
Überschlagen Sie mal grob, wie viele systemrelevante Menschen Sie kennen, die entweder beide dort in Vollzeit arbeiten oder ein allein-erziehendes Elternteil, das sonst keine Möglichkeit der Betreuung zur Verfügung hat. In der Summe macht das 26 Kindergartenkinder, umgerechnet auf 180 Erzieher/innen. (Wir in unserem Haus arbeiten derzeit 8:83, 3 in der Krippe insgesamt 5 Leute in Teilzeit und ganz sicher niemals immer 8, da Krankenstand, Urlaub, usw …). Der Rest soll dennoch seine Stunden leisten und Aufgaben erledigen, die immerzu protokolliert werden müssen. Man will ja nicht, dass die Leute nur Stunden absitzen, denn, wo kämen wir dann hin?

19. März
Die Anweisungen änderten sich stündlich und schürten die Unsicherheit, gepaart mit der Angst, was da auf uns zurollt. Auf uns als Gesellschaft. Die Einen waren dagegen, dass wir den Anweisungen folgten und pünktlich zur Arbeit erschienen. Die Nächsten kontrollierten das Geschehen umso schärfer, je mehr Zeit in den Einrichtungen verging. Weil man muss ja was tun für sein Geld! Dann sollten plötzlich sämtliche Überstunden abgeleistet werden, wie in vielen anderen Branchen auch. Es ist eben eine noch nie dagewesene Krise; selbst während der Weltkriege lief die Wirtschaft eifrig weiter. Also, alle verlassen mit einem Mal das Haus.

20. März
Irgendjemand muss vor Ort sein, um mögliche Einbrüche zu verhindern oder um Eltern telefonisch für Fragen zur Verfügung stehen. Und überhaupt, wer lässt die Bauarbeiter ins Haus? Das war eigentlich für die Schließtage im Sommer angedacht gewesen, aber jetzt ist es besser. Warum, erfuhren wir eine Woche später.
Ein ausgeklügeltes System musste her, #Infektionsschutzgesetz. Kollegin X leistete ihre Stunden von 8-14 Uhr, manchmal sogar mutterseelenallein bis 16 Uhr, da sie neu ist und folglich keine Überstunden angesammelt hat. Kollegin Y löste sie ab, immer mit dem Wissen im Hintergrund, dass sich in den nächsten Minuten sowieso alles ändern kann. Und wieder die blanke Panik, wenn das Telefon klingelt. Das E-Mail Postfach quoll über, Regeln über Regeln, Paragraphen von ganz oben, so wirr, als hätte Kafka selbst sie verfasst. Kafkaesk!

26. März
Die Situation wurde allmählich bizarr; eine einheitliche Regelung musste her. Es folgte etwas, das selbst ich nicht glauben wollte. Und ich habe viel gesehen. Viele Dinge, die ich an dieser Stelle lieber für mich behalte. Ich will Ihnen keine Angst machen, Ihre Kinder sind in besten Händen, #GutesKitaGesetz. Nur dass diese Hände eben nicht reichen, weil ein Mensch eben nur zwei hat. Ich will Ihnen eine Ahnung geben, womit wir es im Kita-Alltag zu tun haben und das hat nichts mit der Krise zu tun. Denn, diese kommt erst noch, wenn das erste Beben vorüber ist.
Sie (die Arbeitgeber) nennen es Solidarität. Wir (die Arbeitnehmer) nennen es Totalitarismus: Der Jahresurlaub muss jetzt auf einmal genommen werden, denn so viele Aufgaben gibt es pro Kopf angeblich nicht, um zu rechtfertigen, dass man trotzdem arbeitet. Das bedeutet: Zwangsurlaub, der übrigens nicht rechtens ist und sogar einem erfahrenen Anwalt die Sprache verschlagen hat, aber was will man machen? Unsolidarisch sein? Also, neue Agenda – alle gehen in die Betriebsferien. Wir streichen den Sommerurlaub, dafür dürfen wir ausharren in einer Zeit, in der man aufgefordert wird, grundsätzlich zuhause zu bleiben. Und was ist daran solidarisch? „Um jenen Eltern eine Betreuung zu ermöglichen, die im Sommer noch Arbeit haben werden.“ Solidarität ist ein schönes Wort, doch wird es nur real, wenn man auch einverstanden ist. Und ich bin froh, dass der Großteil der Elternschaft das auch so sieht, wie wir.

30. März
Und so verbringe ich meinen Jahresurlaub, der mir zur freien Erholung dienen soll, zuhause, weil #WirBleibenZuhause. Wenigstens ist das Wetter angenehm, kaum auszumalen, wäre es ein verregneter dunkler November. Wie gesagt, ich, wie so viele andere auch, hatten Pläne. Wenn schon nicht ein anderes Land, dann wenigstens hier. Warum denn auch nicht, wir leben in einem sehr schönen Land. Wir sollten die ansässigen Branchen unterstützen, anstatt immer nach dem Kick woanders zu suchen. (Billigflüge ab neun Euro, muss das sein?) Aber: Was sollen wir tun, wenn nichts außer systemrelevanten Geschäften geöffnet hat? Shoppen im Baumarkt, nicht bloß aus Langeweile, sondern um dem drohenden Lagerkoller aufzuschieben.

01. April
Und so vergehen die Tage, in denen ich über wie leergefegte Landstraßen düse, immer der Sonne nach, um einen Platz zum Spazierengehen zu finden, wo man nicht Gefahr läuft, gegen das Infektionsschutzgesetz zu verstoßen. Alle meine Jahresprojekte sind abgeschlossen. Die Terrasse ist geschliffen, lasiert und so schön eingerichtet, dass ich mich auf den Sommer und die paar Urlaubstage freue, die mir hoffentlich bleiben werden. Ich bin introvertiert, mein Lifestyle ist irgendwie schon immer Quarantäne gewesen. Trotzdem geht es mir an die Substanz und ich frage mich, wie es diejenigen aushalten, die von Natur aus eher extrovertiert sind. Ich gehe einkaufen, um irgendwie ein bisschen unter Menschen zu kommen, ärgere mich, dass es nicht einmal mehr Nudeln gibt, wundere mich über die neuen Regeln und leiste mir beim Bezahlen mit Bargeld immer wieder einen Fauxpas, weil es bei mir noch nicht richtig angekommen ist. Ich möchte informiert bleiben, aber gleichzeitig jeden Funken von Panik im Keim ersticken. Es ist ja schließlich Urlaub. Aber wie soll das möglich sein, wenn 80 % der sozialen Medien, sogar die Werbung sich einzig um Corona dreht? Schon wieder Tote – keine Besserung in Sicht. Ich darf meine Familie nicht sehen, weil #Risikogruppe. Ich darf meine Freunde nicht sehen, weil keine ‚unnötigen‘ sozialen Kontakte, überlege ganz genau, wie ich wann wen sehen kann. Vielleicht wie zufällig beim Einkaufen? Oder doch heimlich mit zugezogenen Vorhängen? Diesen Urlaub habe ich mir anders vorgestellt.

04. April
Ein wenig Urlaubsflair kommt doch auf. Vor meinem Haus befindet sich eine riesige Baustelle, die pünktlich zum Urlaubsstart eröffnet hat, nachdem sie ein Jahr lang brach gelegen hatte. Jeden Morgen um 7:00 legt der Verdichter los, die Wände wackeln, als wäre ich in San Francisco. Nur, dass Erdbeben irgendwann aufhören. Der Verdichter aber nicht. Es geht immer weiter, unaufhörlich, bis mir Samstagmorgen um 6:59 endgültig der Kragen platzt. Soll das Erholung sein? Wir sind gereizt, alle, keine Frage. Die Vorstellung, die Krise verlängert sich, macht mir Angst. Irgendwann werden keine Urlaubstage mehr übrig sein – und dann: unbezahlt. Es gibt keinen Ausweg, kein Entkommen und wenn doch, dann nicht für uns, die ach so solidarisch waren. Irgendwann geht das Leben nämlich weiter, wenn auch (hoffentlich) anders, als gewohnt. Wenn wir Glück haben, bleibt ein Fitzelchen übrig, sicher weniger als ein Fliegenschiss am aus Langeweile geputzten Küchenfenster, für ein verlängertes Wochenende in einem Hotel, das nicht durch die Krise pleite gegangen ist.

Was hat die DDR damit zu tun?
Ja, über die kann man schimpfen und jubeln, dass dies längst Geschichte ist. Ein totalitäres System, wo die Politik seine Bürger nicht für voll nimmt, wo große Themen über die Köpfe der kleinen Leute hinweg entschieden wird, wo man nicht frei sagen darf, was Sache ist. Wo immer die gleiche Partei regiert. Wo die Regale leer sind und man nichts weiter tun kann, und der Schwarzmarkt mit Banalitäten floriert*. Wo Grenzen geschlossen sind. Wo Nachbarn denunzieren.
Wie zum Beispiel einen Mann, der Bußgeld bezahlen muss, weil er mit seinen Kindern auf dem Spielplatz spielt. Ach halt, das war doch erst vergangene Woche in Bayern.
*Mit einem Mythos möchte ich noch gern aufräumen. Es hat in der DDR sehr wohl Bananen gegeben. Nur eben nicht aus allen Herren Ländern, mit LKWs, Schiffen und Flugzeugen gefühlt im Minutentakt geliefert, und eben nicht rund um die Uhr verfügbar, um ein trauriges Ende im Müll zu fristen, weil #Überflussgesellschaft. Es war nicht wie heute, wo China Zwiebeln aus Australien importiert und Australien Zwiebeln aus China. Sprudelwasser wurde nicht nach Italien gefahren, um dort Etiketten aufgeklebt zu bekommen. Rinder wurden nicht quer durch die EU gekarrt, um irgendwo billig geschlachtet zu werden.

Fazit:
Nach der Krise ist vor der Krise. Nicht nur wirtschaftlich, sondern auch bei uns betroffenen Erziehern. Unmut regt sich, nicht nur bei uns, auch Eltern (und dafür bin ich wie gesagt sehr dankbar) sind entsetzt. Die, die genügend Arbeit gehabt hätten und jetzt wieder mit einem Saustall starten müssen, den die Handwerker hinterlassen werden oder der sich die letzten Monate aufgrund der Gegebenheiten aufgetürmt hat? Was ist mit denen, die in diesem Jahr bereits Urlaub genommen haben? Was ist mit denen, die selbst Kinder haben? Vielleicht rollt, genau wie letztes Jahr, eine Kündigungswelle herein, weil kleinere Kitas bei kleineren Trägern attraktiver sind, denn je. #Fachkräftemangel? Für kleine Träger ist es selbstverständlich, seine Leute eben nicht in den Zwangsurlaub zu schicken, sondern tatsächlich die Chance wahrzunehmen, nachhaltig Veränderungen in den Tageseinrichtungen für Kinder zu schaffen. Und das geht eben nur mit Zeit. Die Schulen werden in den Ferien (hoffentlich) geschlossen haben. Unsere Schulkinder üben sich nun darin, was in Deutschland jahrelang wissentlich verpennt wurde: Homeschooling. Und es klappt gut. Selbstgestaltetes Lernen, eine größere Übernahme der Eigenverantwortung gibt es kaum. #SchlussMitFrontalunterricht
Die Krise als Chance wahrnehmen, lautet das Credo.  Venedig erfreut sich an glasklarem Wasser in den Kanälen. Deutschland erreicht endlich seine Klimaziele. Nachbarn helfen sich (das ist übrigens echte Solidarität). Es wird wieder regionaler gedacht. Wer etwas kleiner statt immer größer denkt, verliert die Details nicht aus den Augen. Und die Details, das sind wir. Nicht nur wir Erzieher. Es sind die, die den Wohlstand geschaffen haben und die nun nicht mehr kaufen können, weil die Läden geschlossen haben. Die kleinen Leute, ganz unten in der Nahrungskette. Wir haben die Macht, unser Stimmzettel ist das, was wir konsumieren, die Art, wie wir leben, wen wir wie wertschätzen. Berufsgruppen, die bislang kaum wahrgenommen wurden, treten plötzlich in den Vordergrund. Ich spare mir an dieser Stelle Applaus und überschwängliche Dankesreden an die Pfleger*innen, Kassierer*innen und alle anderen, die das System am Laufen halten, denn sie wissen, was sie leisten, jeden Abend, wenn es keinen Muskel im Körper gibt, der nicht schmerzt. Und sie wollen nicht unbedingt mehr Geld. Sie wollen und verdienen verdammt nochmal, was auch wir wollen und verdienen: Respekt, der sich in besseren Arbeitsbedingungen niederschlägt. Nicht nur in der Krise, sondern vor allem in der Zukunft. Und das wäre eigentlich so einfach, aber wirtschaftlich ist es leider nicht.

 

 

 

 

 

 

 

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