Corona in der Kita – ein System macht schlapp

7.15; das Telefon klingelt. Ich zucke zusammen. Bitte nicht, wispere ich leise durch die langen Flure. Die Neonröhre flackert in einem unregelmäßigen Takt, von dem ich Kopfschmerzen bekomme. Warum ist das noch immer nicht repariert? Draußen höre ich sie schon, nervös mit den Füßen scharrend und mit den Fingern gegen die Türe trommelnd. Ein wenig wie bei The Walking Dead, die Grimassen, die sie schneiden, der Beschlag ihres Atems an der Glasscheibe, weit aufgerissene Augen, die mich stumm fixieren, während ich die erste und sicher nicht letzte Hiobsbotschaft des Tages in Empfang nehme.
„Tageseinrichtung für Kinder“, melde ich mich.
Mein Puls rast, denn ich ahnte es.
Ein Rasseln, als hätte ich die Kiste mit den Instrumenten liegen gelassen. Dann ein Husten, hartnäckig wie das Trommeln von Kinderfäusten, gefolgt von einem Seufzer, tiefer als die Kluft von der Vorstellung brav spielender Kinder, die alles aufsaugen wie ein Schwamm und der Wirklichkeit absurder Wünsche, dass wir alles auffangen, was heutzutage nicht mehr üblich ist. Nase putzen zum Beispiel.
„Ich bin krank.“
Das ist mir klar gewesen und eigentlich hatte ich mit diesem Anruf schon Montag gerechnet. Wir haben Freitag und schreiben den Tag, der mir als Tag der Corona-Krise für immer im Kopf bleiben wird. Sie fallen wie die Fliegen. Schnell lege ich auf, falls noch so ein Anruf kommt, zücke den Tip-Ex, mache mich über den Dienstplan her. Drei Leute.
Die Türen schwingen auf, denn es ist 7:30. Gelächter, Getrappel, hier und da ein heulendes Kind oder eine Brotdose, die aus viel zu großen Rucksäcken fliegt. Ella* stolpert über ihre Schnürsenkel. Sie ist drei Jahre alt, wie soll sie eine Schleife binden? Was wundere ich mich; schließlich ist es mein Job. Und da wird es kritisch.
Ich liebe meinen Job, warum sonst hätte ich drei Jahre die Schulbank zu hoch komplexen Inhalten gedrückt und dafür auch noch selbst bezahlt? Ein Jahr, um mich staatlich anerkennen zu lassen. Gottseidank ist das vorbei, habe ich gedacht. Nie wieder Papierkram, endlich Verantwortung. Ich beiße mir auf die Lippe.
„Heute wird in den Räumen gefrühstückt, die Kollegin kommt gleich.“
„Ist nicht ihr Ernst?“ Ellas Mutter funkelt mich an.
Unter normalen Umständen hätte ich ihr erklärt, wieso, weshalb und warum das heute so ist. Aber es ist eben nicht nur heute so. Wir arbeiten nach einem offenen Konzept mit Bildungsbereichen. Was habe ich im Laufe meiner vielen Praktika über Gruppenarbeit geschimpft? Nicht fortschrittlich genug, erinnere ich mich. Ich fühle mich zurückversetzt in die Steinzeit, alles ist auf ein Minimum reduziert. Nicht nur, weil Leute krank sind, weil sie am Limit laufen. Das geht bereits Monate so und es ist erschreckend, wie nur eine fehlende Fachkraft das gelobte Land der Kindertagesstätte zum Wanken bringt. Und immer die Angst, dass es Corona ist.
„Schon wieder nur ein Raum auf? Wie soll mein Kind da lernen?“ Keine Ahnung, denke ich, zucke die Schultern.
7.35 und bereits 25 Kinder im Haus. Die Kollegin ist so weit, hat die fünfzehn Minuten am Morgen genutzt, um wenigstens irgendwas vorzubereiten. Verfügungszeit? Gestrichen, kompromisslos, um den Betrieb aufrecht zu erhalten. Das bedeutet, 39 Stunden am Kind (wenn es „gut“ läuft, was es nicht tut), ausschließlich, manchmal und immer öfter keine Pause, nicht einmal Toilette, denn vierzig Kinder in einem Raum, zwei Minuten ohne Aufsicht …?
Realität und die bittere Pille, die wir alle zu schlucken haben. Ja, alle. Eltern, Fachkräfte, später dann Lehrer (wo es sicher nicht anders ist), und noch viel später diejenigen, die einmal ausbilden. Was ist das für eine Welt, in der Kinder ab einem Jahr entscheiden müssen, was sie lernen wollen? Verantwortung übernehmen sollen schön und gut, aber die Realität spricht nun mal eine andere Sprache.
„Das Geficke heute fress ich nicht!“ Ach Rudi. Ich setze mich zu ihm. Jeden Tag das Gleiche; Gemüse ist der Feind, doch er steht nun mal auf der Speisekarte. Er öffnet seine Vesperbox. „Menno, nur ein Kinder Bueno?“ Dann Tränen, weil das mit den Emotionen gelernt sein will.
Um ihn herum basteln die Kinder, versuchen sich an Brettspielen oder prügeln sich um die gekaufte Knete, weil inzwischen die Zeit fehlt, selbst welche herzustellen. Ironisch, dass bald ein Flyer in Druck gehen wird, der Bildung von Anfang an beschreibt, mit Fotos aus diesem Haus, mit Bildungsprozessen wie aus dem Lehrbuch. Auch ich werde darin zu sehen sein; die treu sorgende Erzieherin, die niemals nein sagt, sich niemals aus Verzweiflung im Ton vergreift.
„Wann ist endlich ein anderer Raum auf? Mir ist so langweilig.“ Rudi pfeffert das Lego in die Ecke. Lego im Atelier – irgendwie doch Gruppenarbeit. Mit dem Unterschied, dass ich alleine bin.
8:00, ich zähle grob durch. 35 Kinder. Wo ist Ella? Bestimmt auf Toilette, rede ich mir gut zu. Ich kann nicht mehr. Mein Lächeln schmerzt, denn es ist festgefroren. „Um neun“, sage ich. „Das ist in einer Stunde.“ Ich halte einen Daumen hoch.
„So ein Geficke.“
„So etwas sagen wir nicht“, mahne ich, denke jedoch dasselbe. Nur würde es mir nie über die Lippen kommen. Verdammt, ich muss mal.
Es ist nicht so, dass diese Zustände gänzlich unbekannt sind. Sie sind sogar so transparent, dass ich mich durchschaubar fühle. Eltern wissen es. Kinder spüren es. Und dann noch dieses Corona-Virus. Wie mit Kindern besprechen, was ich selbst nicht weiß? Stichwort Händewaschen. Es erschüttert mich, dass Kinder, die ab Herbst in die Schule gehen, offenbar nicht wissen, wozu es Seife gibt. Würde ich das auch noch kontrollieren, wäre ich nur noch im Bad. Das Desinfektionsmittel geht zur Neige; alles ausverkauft und gehortet in Abstellkammern von Menschen, die es eigentlich nicht brauchen. Bestellt habe ich, doch was alle ist, ist eben alle. Wir teilen es uns ein, wägen ab, welche Rotznase wir putzen und welche wir der Kinderhand und Taschentuch selbst überlassen.  Infektionsschutzgesetz, schießt es mir durch den Kopf.
Es ist mir bewusst, in welchen Zeiten wir leben. Ist das Kind krank, kann der Elternteil nicht arbeiten. Das ist nun mal nicht wirtschaftlich rentabel und gefährdet unter Umständen den Arbeitsplatz. Aber verdammt nochmal?
Ella kehrt zurück, das T-Shirt ist nass. Elf Grad Außentemperatur und sie trägt ein T-Shirt. Mütze? Fehlanzeige. Die warme Jacke? Seit Wochen in der Wäsche. Wie, Sie waren heute schon wieder nicht draußen? Klappe jetzt! Ich werde wieder wütend und das will ich nicht mehr sein.
„Duhu …“ Ella kuschelt sich an mich. „Ich habe letzte Nacht gespuckt.“
„Das darfst du doch nicht erzählen“, wispert Lisa, die große Schwester. „Nein nein, das war der Tag vor dem gestern.“ Lieb, wie sie wiederholt, was Mama ihr ängstlich eingetrichtert hat. Macht aber keinen Unterschied, denn vorgestern waren sie ebenfalls hier, denn sie sind, wie die Meisten, immer hier.
Fiebersaft, das Wundermittel, wenn einfach niemand mehr übrig bleibt, außer die Kita. Blöd, wenn da auch niemand mehr übrig geblieben ist. Die Liste mit den meldepflichtigen Krankheiten ist lang. Jeden Morgen wie ein Mahnmal. Und jetzt auch noch Corona?
Familie Spierling tritt ein. Schnappatmung auf den Gängen.
„Die waren doch in Südtirol?“ Angespanntes Nicken. Alle Augen richten sich auf mich. Ich staune. Datenschutz, das Fremdwort des Tages.
„Na, sind Ihre Kollegen wohl krank?“ Herr Spierling drückt mir seinen weinenden Sohn auf den Arm. Ich kann ihn verstehen, dieser Tage mehr denn je.
„Außer Haus“, antworte ich knapp, denn ich bin es leid. „Wollen wir die Quarantäne-Tage mal zählen gehen?“
Er schüttelt den Kopf, zeigt mir den Wisch vom Gesundheitsamt und erzählt, wie langweilig häusliche Isolation sein kann. Dann folgt ein Lachen. Ich stimme mit ein. Surreal, wenn einem ein Kleinkind dabei ins Ohr brüllt. Sie mögen es überstanden haben, aber ich nicht. Ich bin zwar noch jung und gesund, aber auch ich habe Eltern, Großeltern, die zur Risikogruppe gehören. Wie hoch mag wohl die Dunkelziffer sein, weil aus Angst um den Job vertuscht wird?
Ich habe Schnupfen, zwar kein Fieber, aber stellen Sie sich einen Presslufthammer vor dem Büro vor, wenn sie Kopfschmerzen haben. Nur, dass der Presslufthammer aus 80 Kindern besteht und dies kein Büro ist, sondern der Alptraum jedes Arbeitsschutzgesetzes.
Ich liebe Kinder. Aber die letzten drei Wochen waren hart, verdammt hart und so lang. Nix mit 39 Stunden, die halbe Stunde Pause, die entfällt, merke ich, wenn ich den Stundenzettel ausfülle. Von Hand, jede Minute wird aufgedröselt. Wann bin ich das letzte Mal im Büro gewesen? Anfragen für Elterngespräche häufen sich.
8:30 – ich muss aufs Klo. Ich nehme all meinen Mut zusammen, wage mich hinaus in die Grauzone der Aufsichtspflicht. Die Kollegin ist früher gekommen und wird länger bleiben. Springkräfte? Träumen Sie weiter. Aber was soll’s; scheiß aufs Privatleben.
Erste Gerüchte um Schulschließungen machen die Runde. Sechs Wochen Pause, darf das wahr sein? Ist es nicht eigentlich schon zu spät, das Virus noch einzudämmen?
„Gell, alte Menschen werden sterben.“ Steven schaut mich an.
Er hat ein Bild von sich und seinen Großeltern gemalt. Ich hatte vorgehabt, das Thema in der Morgenrunde zu besprechen. Schon wieder. Und immer mit der Frage im Hinterkopf: Was kann ich sagen? Wie erkläre ich das den Kindern? Und warum wird das nicht zuhause besprochen?
„Weil die Zeit mit den Kindern möglichst schön sein soll“, erklärt meine Kollegin. Sie beißt kurz in ihr Brötchen, nutzt die drei Minuten, die ihr offiziell bleiben, um mir die Hälfte der Kinder abzunehmen. Dann hat jeder ungefähr dreißig, das ist sicher nicht richtig und definitiv nicht fair. Nicht gegenüber uns und todsicher nicht gegenüber den Kindern. Bildung, Erziehung, sogar die Basics – wir fangen auf, was andere nicht mehr schaffen können oder wollen.
„Du blöde Fotze!“, brüllt David, als Anna ihn beißt.
„Ich mach das“, sagt die Kollegin und legt ihre Vesperdose auf den Schrank. Da wird sie dann bleiben, bis zum Dienstende. Wieder protokollieren und innerlich für die nächste Beschwerde wappnen. Und wo waren Sie?
9:00 – auf den Toiletten schallt es Happy Birthday im Kinderchor. Die schnelle Version, ohne Schnickschnack. Im Vorbeigehen sehe ich, wie Mario die Toiletten mit Klopapierrollen verstopft. Bevor er spült, stelle ich ihn zur Rede.
„Mir is halt langweilig, man.“ Wo sind die Einweghandschuhe? Und wo zum Teufel steckt Ella? Rudi reibt sich inzwischen den Bauch, klagt über Schmerzen und Durchfall.
„Du kannst übrigens doch Pause machen, die Morgenrunden fallen aus.“
Ich atme auf; das ist das Schönste, das ich seit Wochen gehört habe. Die dritte und letzte Kollegin für heute übernimmt, fischt die Toilettenrollen aus dem Klo. Wir wissen, dass da mehr dahinter steckt, als chronische Langeweile. Wir wissen es und sind dennoch außer Stande, zu reagieren.
Mit ungutem Gefühl setze ich mich ins Büro. Unerledigte Arbeit in jedem Regal, das E-Mail Postfach quillt über. Wichtig, steht im Betreff. Die Mail kommt von oben, wieder neue Informationen über das Virus, die wir ausdrucken und aufhängen müssen. Doch niemand bleibt stehen, niemand liest sich wirklich durch, was andere da verfasst haben.
Von umliegenden Gemeinden weiß ich, dass sie Kinder nach Hause schicken, die Schnupfen haben. Rigoros und ohne festgefrorenes Lächeln. Inzwischen immun gegen jede Attacke, denn auch sie können nicht mehr.
Über WhatsApp sage ich meinen Großeltern ab, mache mir Gedanken, wann es an der Zeit ist, die Reißleine zu ziehen. Zu kündigen. Aber was dann? Ich erinnere mich an die Worte eine Woche zuvor, beinahe tadelnd, als säße ich einem in die Jahre gekommenen Lehrkörper gegenüber: „Woanders ist es auch nicht besser. Es wird noch schlimmer, glauben Sie mir.“ Der Big Boss meinte nicht nur mich, er sprach zu allen Erzieherinnen und Erziehern, die noch geblieben sind. Nur die Hälfte war anwesend. Das machte ihn wütend, schließlich hat er sich die Zeit ja auch genommen – lange nach Dienstende. Mit Fieber im Bett, raunte es aus dem Publikum, doch einen Kommentar wert war dies nicht.
Gespannt blicke ich auf mein Handy. Stündliche Updates, Weltuntergangsstimmung. Kafkaesk; Kinder, die aus dem Atelier ins Bad gehen, spielen auf dem Gang Zombie-Virus. Rote Farbe tropft auf den Kautschuk Boden.
11:30 – das erste Kind wird abgeholt. Früher als sonst, das macht mich stutzig.
„Wir wissen es schon“, meint Frau Bäcker und nickt eindringlich. Wohl, um sich selbst zu beruhigen.
„Ist es beschlossen?“, frage ich, beinahe hoffnungsvoll.
„Noch nicht offiziell. Aber die Schulen.“ Hastig packt sie alles ein, Wechselklamotten, Matschhose, die viel zu kleinen Gummistiefel.
Nicht, dass ich es mir wünsche. Aber verdammt nochmal, eine Pause wäre gut. Das Telefon klingelt; Order von oben: „Sie haben definitiv nicht frei!“ Gerüchte machen die Runde. Kurzarbeit?
Erste Eltern trudeln ein. „Bitte nehmen Sie alles mit“, muss ich sagen, ohne zu wissen, was das bedeutet, für die Kinder, die Familien, uns Fachkräfte.
„Kein Ding – ich schicke Frederic zu Oma und Opa.“
Unverständnis. Sind wir nicht dazu angehalten worden, die ältere Bevölkerung zu schützen? Und wieder stellt sich die Frage danach, wie weit es eigentlich gekommen ist. Was, wenn mal alle Fachkräfte auf einen Schlag den Gang zum Arzt wagen würden?
13:00 – langsam wird es offiziell: Die Schulen und Kitas bleiben bis nach den Osterferien geschlossen. Ein Gedanke jagt den nächsten. Panik wollte ich keine verbreiten, schon gar keine verspüren, aber das Getuschel auf den Gängen wird lauter. Die Angst ist nun greifbar. Die eigene Existenz wird bedroht, denn die 25 Milliarden sind nicht für Kleinunternehmer oder Alleinerziehende gedacht.
„Frohe Ostern“, wünsche ich. Im März. Komisches Gefühl. Langsam beginne ich, die Osterbücher wieder wegzupacken. Bestellungen müssen storniert, Lebensmittelzustellungen auf April datiert, der Küchenkraft abgesagt werden.
„Komm Ella, auf in die Coronaferien!“ Bilder aus Portugal schießen mir durch den Kopf,  wo sich Körper an Körper am Strand tummelt, die freie Zeit in der Sonne zu genießen. „Mensch, nun haben Sie ja 6 Wochen frei. Erholen Sie sich gut vom Spielen!“
Ich balle die Faust, bittere Bemerkungen liegen mir auf der Zunge, doch ich schlucke sie, wie ich es immer tue. Nicht noch ein Beschwerdeformular ausfüllen auf Überstunden. Notgruppen soll es geben, der Begriff Systemrelevanz fällt immer wieder. Systemrelevante Berufe, also Polizei, Ärzte, Feuerwehr, Lebensmittelproduktion, alles, um das System am Laufen zu halten. Ein wenig wie bei uns in der Kita: Der Betrieb darf unter keinen Umständen zu Ende gehen. Aber jetzt schon.
14:00 – es ist offiziell. Während alle anderen Bescheid wissen, und schon mit Taschen und Säcken bewaffnet Einzug erhalten, sind wir noch immer ahnungslos, wie es weitergehen wird. Ideen machen die Runde, denn der Optimist in uns ist unermüdlich. 6 Wochen ohne Kinder. Wir könnten den Dachboden entrümpeln, alte Schätze ausgraben, Entwicklungsbögen ausfüllen, Fotos ausdrucken. All das, das uns im Alltag abhandengekommen ist und das zu unserer Arbeit gehört, wie das Amen in die Kirche.
15:00 – die letzten Kinder versammeln sich für einen Snack. Es gibt Obst, reichlich Obst, denn es verdirbt ja sonst. Wie sage ich ihnen, dass wir uns für eine lange Zeit nicht wiedersehen? Trauer weicht Angst, denn ich liebe diesen Job wirklich. So sehr, dass ich jeden Tag bereit bin, nicht zu wissen, was kommst – auch ohne Corona. So sehr, dass ich nicht aufs Klo gehe und mich abends schlecht fühle, weil ich immer strenger werde und mein liebstes Wort Nein ist.
„Bis dann“, sage ich. Es ist 16:00; Zeit, die Schotten dicht zu machen. Fürs Erste, aber irgendwie endgültig. Geht aber nicht, denn wir warten noch immer auf die Order von oben, die uns über Dritte zugestellt wird.
16:10 – endlich ist die E-Mail da. Ein weiteres Mal macht sich Ratlosigkeit breit – was sagen wir wem und wann? Was sollen wir sechs Wochen lang tun? Was, wenn das Gehalt gekürzt wird zwecks Kurzarbeit? Meine Knie zittern, ich kann nicht mehr stehen. Ich setze mich, alles tut weh. Ich spüre jeden Muskel, jede Faser, jeden Knochen und jede Synapse, die allesamt so überlastet sind, wie unser Gesundheitssystem.
Nun ist Samstagabend und seit gestern weiß ich auch nicht mehr. Nur, dass die Lage ernst ist. Nur, dass Toilettenpapier ausverkauft ist. Ich fühle mich im Stich gelassen, ganz vorne an der Front. Ich salutiere vor den Pflegerinnen und Pflegern, den Ärztinnen und Ärzten, vor den kommenden Renigungstrupps und vor der letzten Frau an der Kasse im Aldi, die die Leute daran erinnern muss, dass Mehl die Krise nicht aufhalten wird.
Haben wir zu spät reagiert?
Ganz sicher. Aber wann?
Als wir die Digitalisierung des Bildungswesens verschlafen haben. Als wir es nicht für nötig hielten, unser Gesundheitssystem auf den Prüfstand zu stellen. Als wir vergessen haben, unseren Kindern beizubringen, was uns von den Tieren unterscheidet. Es bleibt zu hoffen, dass die ‚Coronaferien‘ uns eine Lehre sind. Dass wir sie klug nutzen können, einmal zu überdenken, was wir für selbstverständlich hielten und was davon noch übrig ist.
*alle Namen wurden geändert

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