Unlust vs Narzissmus – vom Stimmungstief und Glauben

Kennst du das, du bist voll Tatendrang, drauf und dran endlich das Unmögliche zu erreichen? Und dann? Nichts. Ich seufze und lasse wieder einmal die Schultern hängen. Es hat mich wieder heimgesucht, dieses Stimmungstief. Kein Wunder, sich unzivilisiert und wie ein unzufriedenes Kleinkind zu fühlen, wenn man schon morgens um fünf keinen Bock hat. Woher kommt diese Null-Bock-Stimmung eigentlich?

Manche Wissenschaftler bezeichnen dies als das Schulgebäude-Syndrom. Klar, ich muss auch gähnen, wenn ich an meinen Geschichte Leistungskurs denke. Schon wieder Hitler, alles schon mal gehört und entschieden, darauf keinen Bock zu haben. Manchmal kommt es erst mit den Lebensjahren und bringt deinen Khan beinahe zum Kentern: Tiefgang. Jahrelang müht man sich ab, oder auch nicht, um endlich den Abschluss zu machen. Entweder du hast es früh drauf, oder du musst nehmen, was übrig bleibt.

So ähnlich verhält es sich mit dem, was folgt, wenn dir unter Tränen nach langem Schwitzen von Blut und literweise Wasser, das langersehnte Abschlusszeugnis überreicht wird. Du gratulierst dir selbst und klopfst dir für einen Moment auf die Schulter. Unbezwingbar dein Wille und unerschöpflich deine Ressourcen für eine überaus glanzvolle Zukunft. Denn ja, du kannst alles werden. Wenn du nicht gerade dein Leben durchgeplant hast, überkommt dich vielleicht dieses Gefühl. Es ist nur eine Ahnung. Erst kommt sie einmal an einem öden Nachmittag, der die Schnauze voll von träger Freizeit hat, dann vielleicht bei einem Besuch in deinem Lieblingsclub, und irgendwann kommt sie dann täglich; eben diese Ahnung. Habe ich mich richtig entschieden? Was, wenn ich es doch nicht schaffe?

Wir denken in Leveln und das ist auch richtig so. Kategorisiertes Denken ist wunderbar, denn es erleichtert die Dinge in so vielen Dingen. Ich bediene mich eines Klischees, anstatt die Wahrheit dahinter zu erkennen. Zum Beispiel habe ich mich immer auf der Naivität der Christen ausgeruht, obwohl (!) ich Mitglied nicht nur im Kirchenchor, Zeltlagern und freitäglichen Treffen am frühen Abend der Jugendgruppe gewesen bin, habe ich mich nie damit identifiziert. Mit diesen Leuten. Ihr wisst schon; eben jene gutgelaunte Botschafter, die immerzu eine ungestimmte Gitarre und einen lebensbejahenden Ratschlag parat haben, wenn man eigentlich nur jemanden braucht, der „Scheiße, was?“ sagt und einem mitleidig die Schulter tätschelt. Oder Rachepläne schmiedet, weil man gescheitert ist.

Immerhin ist man nicht Modedesigner geworden und schon gar nicht der Rockstar, dem alle hätten zujubeln sollen. Schuld sind unsere Eltern, diese Spießer. Hollywood, diese Lügner und die Werbung, diese Blender. Warum zum Teufel läuft es nicht? Muss ich vielleicht doch an Gott glauben, um endlich meinen Weg zu finden? Oder muss ich erst meinen Weg finden, um wahrhaft glauben zu können?

Es ist ein wenig wie Akte X, zumindest was mein Gottesbild betrifft: I want to believe. Vielleicht, um im großen Stil auf den Mann oder die Frau oder was auch immer da oben oder darunter zu schimpfen, wenn ich wieder meinem Stimmungstief erliege. Dabei ist alles, was ich will, mich abends glückselig ins Bett legen und darauf vertrauen, dass morgen alles gut wird. Das ist naiv und unterscheidet mich demnach kaum von den gitarreschwingenden Sonnenscheinen da draußen. Was aber nicht? Die Laune.

Kennt ihr diese verstörenden Bilder von lächelnden Menschen, die es ins Fernsehen geschafft haben, weil deren Anblick ein seltener ist? Pfeifen in ihren gewaschenen Wägen an überfüllten Kreuzungen, als wäre der Montag schlicht nichts. Eben nicht der Endboss des traurigen erwachsenen Daseins. Das macht mich wütend und je tiefer ich grabe, stelle ich fest, dass es Neid ist. Ein kleines grünes Monster sitzt auf meiner Schulter und beobachtet jene Zeitgeister, die das Leben der anderen ein wenig erträglicher machen. Ich wäre gern mehr so wie du, ein bisschen weniger wie ich, treffen es Kraftclub auf den Punkt. Bin ich auch so ein Neinsager? Keine Sorge, es folgen keine Lebenstipps.

Um es mit den Worten meiner Großmutter zu sagen: macht doch, was ihr wollt. Aber nehmt euch ein paar Minuten, um tief in euch zu gehen. Ist es normal, keine Lust darauf zu haben, keine Lust zu haben? Und wie überhaupt passt Gott in das alles? Mein Fazit: Gar nicht. Es geht um etwas, was allen Menschen innewohnt, Atheist oder nicht. Hoffnung. Das mag abgedroschen klingen, aber sieh dich einmal selbst mit den Augen des Kindes, das du einst gewesen bist. Warst du unbeschwert? Hast du dich auf Morgen gefreut? Damals wolltest du noch Geburtstage feiern. Weihnachten war toll. Ging es wirklich nur um Geschenke? Oder war es das Gefühl von Familie, das die Feiertage zu etwas besonderem macht?

Als Erzieherin habe ich oft das Gefühl, ein Animator zu sein. Mamas und Papas mögen mir an dieser Stelle vielleicht nickend zustimmen. (Übrigens nicht zu verwechseln mit Amateur, auch wenn das manchmal vollkommen zutrifft.) Egal was ich tue, es stellt immer einen gewissen Unterhaltungswert dar. Ich bespaße, um das Bedürfnis nach Unterhaltung zu stillen. Die des Partners, der Familie; eben jene Rollen, die wir uns selbst geschrieben haben oder die uns zufällig zugeteilt worden sind. Doch was, wann es nicht reicht? Wenn wir uns nicht mehr erfüllen können, sondern nur noch auf den Input von außerhalb angewiesen sind? Hallo Netflix & chill. Liebst du, was du tust?

Egal was du antwortest, der Punkt ist folgender: Es vergeht. Hin und wieder fühlen wir uns doch schlecht. Einsam, überfordert, verlassen. Eben gottlos. Da ist eben nichts in uns, der Funke will einfach nicht mehr überspringen. Wir wollen es doch so sehr, unsere Bemühungen sind doch so groß. Radikale Diäten, entschlossene Sparpläne, irrsinnige Zielvorgaben; alles führt irgendwie ins Nichts. Und selbst wenn ich morgen besser bin, was ist mit übermorgen und überübermorgen? Was will ich noch tun; nein, was muss ich noch tun, um endlich die fertige Version dessen zu werden, die irgendwann stolz doch einen kargen Raum im Keller irgendeiner stickigen Turnhalle voller Gestalten betritt, die ich seit meiner Abschlussfeier nicht mehr gesehen habe? Ich wollte doch Ärztin werden – was ist daraus geworden? Tick tack. Je älter wir werden, desto mehr fällt es uns auf. Die Zeit vergeht zu schnell, um alles zu werden. 

Das Leben ist doch irgendwie wie Level. Uni, Karriere, Ehe, Kind. Scheidung und gebrochener Freigeist, füge ich in Gedanken hinzu, denn wirklich gönnen kann ich niemanden etwas. Sie alle verbergen doch etwas; wirklich niemand kann so glücklich sein. Ich fühle mich niedergeschlagen, uninspiriert und das macht mir Angst, weil ich keinen Bock darauf habe, mich selbst nicht ertragen zu können. Wie nur soll ich mich motivieren, glücklich zu sein? Was fehlt mir denn noch?

Und dann plötzlich sah ich es. Es war ein gewöhnlicher Elternabend im Kindergarten, als ich endlich die erschöpften Mienen zu sehen bekam, die sich unter all dem großen Stöhnen einer Generation verbergen. Und dann sehe ich ihn: Ihren Neid auf die kinderlosen. Ich kann ausschlafen und habe viel Zeit, mir all diese Gedanken zu machen. Chapeau an alle Eltern, die es im Griff haben. Ihre Jobs. Ihre Finanzen. Ihre Kinder. Sich selbst.

Vielleicht muss es nicht der Glaube an Gott sein, der wieder gut macht, wo der morgendliche Kaffee gnadenlos versagt hat. Vielleicht ist das allgegenwärtige Kreuz ein Symbol für etwas anderes: Nichts geschieht durch Zufall. Aber nicht, weil Gott es so will. Dinge geschehen, weil wir gehandelt haben. Weil wir das Richtige getan und die Familie besucht oder einen alten Groll aus der Welt geschafft haben, um nachts ruhig schlafen zu können. Warum also ist Narzissmus so schlecht, wenn wir doch alle dasselbe Bedürfnis haben? Und da ist sie plötzlich wieder: Die Motivation, die regelrecht beflügelt, um doch noch darauf zu vertrauen, dass Morgen alles besser ist. Frei nach dem Motto: Ich brauch keine Revolution, ein Aufstand reicht mir schon. 

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