In der City am Fenster – ein Spaziergang durch den Osten

Das ist doch gar nicht wahr.“ Normalerweise kann ich es nicht leiden, ständig unterbrochen zu werden. Doch das, was mein Großvater mir sagen will ist es wert, gehört zu werden. Wie so oft geht es um Politik, denn das ganze Leben ist nichts anderes. „Das kannst du doch gar nicht wissen, du warst doch gar nicht dabei.“ Dann folgt dieses erhabene Lächeln, das ich schon kenne, seit ich ihn kenne. Dieser Satz ist typisch von einem, der von ‚drüben‘ ist. Original dort geboren und aufgewachsen. Ich bin dort geboren, auf aufgewachsen bin ich ‚drüben‘. Das andere ‚drüben‘. Ja, wir sind die, die von ‚drüben‘ gekommen sind, um im Westen unser Glück zu finden. Doch wo ist denn dieses ‚drüben‘?

Seit ich ein Kind war, gibt es diese Grenze. Wir passierten sie oft, wenn wir ab 1991 regelmäßig zurück in die Heimat gefahren sind. „Haben alle ihre Papiere?“ wurde oft gelacht. Nachdem wir unseren himmelblauen Trabant durch einen Golf ersetzt hatten, waren wir frei. Wir waren nach all den Jahren vermeintlicher Unterdrückung endlich frei, alles tun und lassen zu können. Wir konnten fahren, wohin wir wollten. Und was taten wir? Wir fuhren beinahe jedes Wochenende nach Hause. Und da war er endlich wieder, unser Osten.

Der Zeitgeist hat sich in den vergangenen achtundzwanzig Jahren ständig gewandelt; man hat sie gefürchtet, verspottet und schließlich gehasst, diese Ossis. Doch aus Bananenwitzen wurde schließlich Ostalgie und erst mit den Jahren begriff ich, dass ich besonders bin. Dass wir Wendekinder besonders sind.

Zwei Länder, zwei Werte, zwei völlig unterschiedliche Vorstellungen vom Leben. Irgendwann hörten die regelmäßigen Besuche ‚drüben‘ auf und mein Zuhause war nun jener Teil Deutschlands, der einst stolz für Einigkeit und Recht und Freiheit gestanden hatte. 1990, um genau zu sein. Da ich bereits ein Jahr zuvor auf die Welt gekommen sind, macht mich das zu einem von ihnen. Zumindest in den Augen der anderen. Was ist denn nun dran an all den Bananenwitzen, die ich als Kind nie verstanden habe?

Das ist doch ganz einfach.“ Opa schiebt sein Glas beiseite. Gleich werde ich sie hören, die echte Wahrheit und nichts als das. „Es gab eben keine Bananen. Es hat viele Dinge nicht gegeben. So einfach ist das mit der Planwirtschaft.“ Damit tut er es ab, als wäre es nichts. Einige Gäste heben interessiert den Kopf. „Aber was die meisten Leute nicht erzählen ist, was wir alles hatten.“ Und dann erzählt er vom Sozialismus, wie man ihn nicht in den Geschichtsbüchern findet. „Der Arbeitgeber konnte einen nicht einfach so raus schmeißen. Da wurden Konferenzen einberufen, es gab Mentoren und man konnte noch miteinander reden. Um Hilfe anbieten zu können, muss man eben alle Fakten kennen. Und das nennt man dann heute Spitzel und Stasi und alles.“ Er lacht. „Wenn man sich anständig verhalten hat, ist einem auch nichts passiert.“

Was ist denn anständig?“, frage ich.

Dasselbe wie heute. Unauffällig seinen Weg geben. Im Westen gab es das auch – Jugendknast, Kinderheime. Priester haben kleine Jungs vergewaltigt und Schüler wurden noch bis in die Siebziger zur Strafe von den Lehrern geschlagen. Drüben meine ich.“ Opa meint das andere ‚drüben‘, denn wirklich angekommen sind wir vielleicht nie ganz. Zumindest, was die Werte betrifft. Er fährt fort: „Ich wurde nie geschlagen. Hier wurde sich noch um die Leute gekümmert und zur Kur geschickt. Kinder wurden regelmäßig untersucht und deren Entwicklung eben dokumentiert. Das tun die Leute heute auch – nennt sich Facebook. Jetzt ist alles genau umgekehrt und es ist erst nichts!“

Er hat Recht. In vielen Dingen war die DDR gut. Kindergärten, Elternzeit, flexible Arbeitsmodelle. Arbeit für jeden generell. Ein Pech, dass sie nur nicht richtig entlohnt wurde. „Man muss den Leuten einen Anreiz schaffen. Ein Arzt, der dasselbe verdient wie eine Krankenschwester – wo gibt’s denn sowas?“ Er zeigt den Vogel. Aber nicht mir, ferner dem System. Er ist wütend. Nicht, weil es die DDR nicht mehr gibt. Eher, weil alles verteufelt wurde. Vor allem die Faulheit. Und dann höre ich etwas, das meine Ostalgie ein wenig trübt. „Das hat den Staat schließlich in den Ruin getrieben – weil alles bezahlt wurde. Auch die Faulheit.“

Und so ist es entstanden, dieses Klischee, das die Nation nach wie vor spaltet. Die Geschichte vom faulen Ossi kennen wir schließlich alle. Doch stimmt das? Ich sehe mich um. In den wenigen Tagen hier hat mein romantisch verklärtes Bild von Heimat hässliche Risse bekommen, genau wie die Fassaden vieler Häuser. Vieles wirkt heruntergekommen und wenig nostalgisch. Als kümmert sich einfach niemand mehr darum. Plötzlich sehe ich den Alltag derer, die viele belächeln. Ob Dialekt oder nicht, die Hochhäuser flüstern das Klagelied vom Mindestlohn.

Man muss den Leuten einen Anreiz geben. Da studiert einer jahrelang auf Kosten des Staats und haut einfach ab. Weil der Lohn drüben besser ist! Was sollte man da machen – es blieb doch gar nichts anderes übrig, als eine Mauer zu bauen. Natürlich wurde man im Betrieb gut behandelt, aber das war nicht das, was die Leute wollten: Auch ein schnelles Auto, Ferien auf Mallorca und Bananen, so viel man will. Und dann war die Grenze eben dicht – einfach so. Davon haben wir uns nie erholt.“

Da war es wieder: Wir. Der Funke ist nach all den Jahren ‚drüben‘ also doch noch da. Heimaturlaub an der Ostsee, weil man es sich noch leisten konnte. Das ist Ostalgie, denn unsere Erinnerungen sind wie ein guter Wein – sie brauchen Zeit, um besser zu werden. Die lose Attitüde ist jedenfalls etwas, das geblieben ist. Ich nenne es Zeitgeist, denn es ist im Wandel und nie wirklich greifbar. Eben nur ein Gefühl.

Man muss den Leuten eben einen Anreiz schaffen. Egal ob hier oder ‚drüben‘ das ist das wichtigste im Leben – ein Anreiz. “ Ich nicke, denn er hat Recht.

Aus dem Geschichtsunterricht ist mir übrigens von vielen Dingen, Daten und Ereignissen ein Satz ganz deutlich im Gedächtnis geblieben. Und wenn ich die verlassenen Häuser und Löhne, die ins Nichts führen, so vor mir sehe, ergibt er Sinn: Der letzte macht das Licht aus.

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