Über Selbstoiptimierung oder: wie du deine Neujahresvorsätze garantiert umsetzt

Wer kennt das nicht: Der Jahreswechsel ist endlich vollzogen und nun geht es guten Gewissens daran, seine obligatorischen Vorsätze auch wirklich umzusetzen. Ihr wisst schon, dieser ganze new year – new me Schwachsinn, mit dem vor allem Fitnessgurus und Lifestylecoaches werben und unfassbare Umsätze einfahren. Und überhaupt… Berufe gibt’s… Freelancer im E-Comerce? Ist das überhaupt ein Beruf? Ich meine, verglichen zum Handwerk oder am Ende doch „nur“ Berufung? In Zeiten von „arbeiten, um zu leben“ ist jedenfalls nichts mehr weiter ungewöhnlich. Warum dann nicht Vollzeit ein Hater im Internet sein? Gezielt Leute und Produkte denunzieren, das wäre genau mein Ding, feixt das Teufelchen auf meiner Schulter. Ich habe mich aber irgendwann entschieden, Erzieherin zu werden. (Kindergärtner sagt man übrigens nicht. Nein, wirklich nicht. Das ist das degradierende Äquivalent zur „Tipse“) Der Kindergarten ist der Spiegel der Gesellschaft und gibt eine schwammige Ahnung auf den Bruchteil einer Zukunft, der mir Sorgen macht.

Anforderungen kollidieren mehr und mehr mit einer Welt, die sich auf einen freien Willen beruft. Freie Entscheidung zum Geschlecht, Schule, Beruf, Lebensstil. Kein Wunder, dass wir Lifestyleberater brauchen. Jedenfalls bin ich ganz ohne einen eben solchen zu dem Entschluss gekommen, dass ich meine Vorsätze mit einem ganz einfachen Prinzip garantiert und frustfrei auf die Reihe bekomme: Erst gar keine machen. Mein Vorsatz war, dieses Jahr darauf zu verzichten. Überhaupt mehr zu verzichten. Klingt simpel, ist es aber nicht. Phrasen wie: Aber du musst doch irgendwelche Vorsätze haben fallen. Nö, ich muss gar nichts. Immerhin gehöre ich zur Generation Y, die das Recht hat, Gott und die Welt zu hinterfragen. Das hat übrigens jeder; Gebrauch davon machen, tun allerdings nur die wenigsten von uns. Das war schon immer so. Das macht man aber nicht. Jeder tut es.

Gibt es denn nichts, was ich gerne ändern möchte? Doch, aber diese Dinge sind vermeintlich unabänderlich und führen dann schließlich doch wieder zu Resignation und gemütlichen Wochenenden auf dem Sofa, statt draußen in der echten Welt etwas zu erleben. Du bist doch, was du erlebst?! Und wenn ich nichts erlebe, bin ich dann nichts? Oh je. Ich bin faul, mein Wille ist schwach; wozu lügen? Für Faulpelze wie mich, sind diese Zeiten wahrlich florierende: Wenn man nicht will, muss man das Haus tatsächlich nicht mehr verlassen. Nicht einmal, um zu arbeiten, denn immerhin ist man im E-Comerce tätig und kann bequem vom Bett aus arbeiten.

Traumhafte Vorstellung, morgens nicht aufstehen zu müssen. Oder? Die NASA bezahlt übrigens wirklich solides Geld für Probanden, die einen Monat lang nur im Bett liegen müssen. Das Ergebnis ernüchtert: Langeweile macht krank und ist überaus gefährlich, vor allem für uns selbst. Tatsächlich gibt es mehrere Experimente, die etwas erschreckendes zutage gefördert haben. Die Versuchsteilnehmer wurden gebeten, einzeln in einem Raum auf einem Plastikstuhl Platz zu nehmen. Fünfzehn Minuten mussten sie aushalten, mit nichts weiter, als ihren Gedanken. Die einzige Ablenkung, die ihnen zur Verfügung gestellt wird: Stromstöße, die sie sich selbst verabreichen können, um der Langeweile zu entgehen. Schmerzen als Form der Unterhaltung? Wer denkt, das sei absurd, der täuscht gewaltig. Bereits nach fünf Minuten haben die ersten Probanden den roten Knopf gedrückt; mehrfach. Allein aus Langeweile heraus. (Ein interessanter Fakt: Männer halten diese Leerlaufphasen allen Anschein nach weniger aus, als Frauen.) Fünf Minuten ohne Bespaßung reichen also dem ein oder anderen (Männlein wie Weiblein), um sogar Schmerzen in kauf zu nehmen.

Aber was sagt das über uns Menschen aus? Sind wir derart verwöhnt, dass wir es nicht schaffen, uns selbst auszuhalten? Was wird dann erst aus den Kindern, die mit Alexa und Co aufwachsen? Alexa, spiel Musik. Alexa, erzähl mir einen Witz. Alexa, plane mein Leben. Alexa, bitte erschieß mich. Was würdest du denn bei einem Stromausfall tun, etwa um sieben Uhr abends ins Bett gehen? Vielleicht ein Buch lesen und es genervt in die Ecke pfeffern, weil es eben EIN Buch ist und nicht sieben Tabs nebenher offen stehen. Ihr wisst schon, wenn der eine Artikel mich nach drei Zeilen langweilt, schaue ich eben kurz ein YouTube Video, bevor ich die sinnfreien Kommentare lese.

Die Rede ist von der optimierten Gesellschaft. Cookies erleichtern dir dies, Alexa organisiert dir jenes und dank Google musst du so gut wie nicht mehr selbst denken. Diese grenzenlose Freiheit ist ziemlich beengend, denn kaum einer weiß damit etwas anzufangen. Warum denn auch mit dem zufrieden sein, was man hat? Ganz einfach: Das ist schließlich nicht ökonomisch. Das Geschäft mit dem Glück hingegen schon. Und genau da kommen nun die Neujahresvorsätze ins Spiel. Ich muss mir keine Ziele stecken, nur weil jeder ein Ziel hat, um irgendein Ziel zu haben. Der Fünfjahresplan zum perfekten Ich? Wisst ihr, wer damals auch einen Fünfjahresplan hatte? Nein? Dann schnell mal googlen.

Ich will nicht anderen mein Denken und Fühlen überlassen, auch wenn ich zugeben muss, dass es oft der Fall ist. Zu leicht lässt man sich beeinflussen, zu einfach gibt man nach. Leitbilder, Schönheitsideale und Normen sind im Wandel und mit ihnen auch unser Bild auf die Welt und uns selbst. Die Werbung ist allerdings kein Spiegel deiner Seele und das grüne Gras des Nachbarn auch kein Ebenmaß für einen Standard, den du zwingend einhalten musst. Hast du je an dir herabgesehen und dir gedacht: Eigentlich geht es mir gut und ich bin schön genug für diesen einen besonderen Menschen, der mich bedingungslos liebt?

Nein, denn stattdessen gehen mit den verbissenen Selbstoptimierungstrends auch unsere Vorstellungen nach dem perfekten SOLL auf unsere Umwelt über. Er oder sie könnte auch mehr tun. Für sich selbst. Im Job. Für die Umwelt.

Das ist verdammt anstrengend und irgendwie auch ziemlich anmaßend, Ideale für alle festzusetzen. Also: Weg mit den Vorsätzen, die man schmiedet, nur weil ein neues Jahr begonnen hat. Stattdessen solltest du wissen, dass sämtliche Zellen deines Körpers in sieben Jahren vollkommen neue sein werden. Im Prinzip wirst du von heute an in sieben Jahren eine ganz andere Person sein; ob du willst oder nicht. Es ist nie zu spät und bestimmt nicht an einen Tag oder Trend gebunden, damit anzufangen, auch zufrieden mit Langeweile zu sein.

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