Kenne deinen Scheiß oder: Wieso du nicht befördert wirst

Heute habe ich ein langes Gespräch über Datenschutz geführt. Eigentlich dachte ich, ich wäre im Bilde, denn Debatten diesbezüglich gibt es ja zuhauf. Zum Beispiel die allgemein anerkannte Tatsache, dass Daten gesammelt werden. Wer kennt das nicht: Sammeln Sie Punkte? In meiner Stamm-Apotheke werde ich oft gefragt, ob ich nicht endlich eine Kundenkarte haben möchte. Das würde das Leben angeblich um so vieles erleichtern. Der Apotheker hätte gleich Einsicht in alles, was man konsumiert und kann über mögliche Wechselwirkungen aufklären, nachbestellen und irgendwann bekommt man den langersehnten Rabatt oder einen tollen Preis.

Aber ich wollte bisher nie. Maßgeblich, weil ich schlicht viel zu faul bin, meine Daten vollständig auszufüllen und den Wisch anschließend auch noch wieder abzugeben. Außerdem habe ich kaum mehr Platz in meinem Geldbeutel für noch eine Karte, da ich schon vor Jahren sämtlichen Mist unterschrieben habe. Selbstverständlich, ohne groß darüber nachzudenken. Also gut, wir wissen, dass unsere Daten in irgendeiner Cloud gespeichert werden. Nicht nur Fotos und Anschrift, sondern eben auch „sonstiges“ über das sich kaum jemand Gedanken macht. Ein beliebtes Ausweichargument an dieser Stelle ist oft sollen die ruhig sammeln, ich habe nichts zu verbergen. Ich frage: Bist du sicher?

Weißt du noch, was du am 17. April 2013 besoffen gegooglet oder schlimmstenfalls gepostet hast? Was wäre, wenn jemand all deine Chat-Verläufe ausdrucken und im Supermarkt aushängen würde? Wenn deine Kollegen wüssten, was für kranken pornografischen Mist du dir rein ziehst, weil du dich in anonymer Sicherheit wiegst? Ja, deine Kamera am Laptop mag abgeklebt sein. Was wäre aber, wenn dein Chef Zugang zu deinen Unterlagen aus der Apotheke hat? Wie viel Aspirin du täglich schluckst, sagt tatsächlich mehr aus, als du vielleicht glauben magst. Wissen deine Freunde eigentlich, was du in Wahrheit über sie denkst? Stell dir vor, irgendjemand verschafft sich Zugriff auf all diese vermeintlich banalen Daten.

Dann wissen sie nämlich, dass du damals in Costa Rica bei der Happy Hour am Partystrand derart über die Strenge geschlagen hast, dass du einen Sanitäter gebraucht hast. Ja, du warst erst siebzehn. Früh übt sich, nicht wahr? Chefs wollen den perfekten Mitarbeiter, Makler den perfekten Mieter, Versicherungsheinis den perfekten Klienten. Eine Risikolebensversicherung mit Hang zum Burnout abschließen? Undenkbar! Und wenn doch, dann wird das verdammt teuer. Bankenauskunft und Schufaeinträge waren gestern.

Was sagt es schon über dich, dass dein Konto ab und zu überzogen ist. Es ist doch viel interessanter zu wissen, weshalb du über deine Verhältnisse lebst. Was du hinter verschlossenen Türen treibst. Warum du auf dem Weg von der Arbeit einen Umweg machst. Wie viele Flaschen Wein du monatlich in Wahrheit kaufst. Findest du das immer noch harmlos?

Vor einigen Monaten habe ich gehört, dass manche Arbeitgeber in den USA sich in die Fitnessdaten ihrer Untertanen eingeklingt haben, um an Informationen zu kommen, die sie im reinen Vorbeigehen und höflichen salutieren nicht bekommen. Du weißt schon; die Rede ist von Smartwatches. Oder wie wir damals sagten: Armbanduhr mit integriertem Schrittzähler. Wie ist es um dich bestellt? Ich meine gesundheitlich. Packst du den ganzen Stress oder machst du demnächst vielleicht sogar schlapp? Vielleicht steht demnächst wieder eine Beförderung an und sollte sich herausstellen, dass du dir gerne einen genehmigst, dann bist du aus dem Rennen. Aber woher sollen die das denn wissen? Du machst deine Sache doch gut; du bist stets pünktlich und höflich zu all jenen, die dich tagtäglich umgeben.

Aber plötzlich haben sie Einsicht in dein Kaufverhalten. Du ernährst dich nur von Fertigprodukten und schluckst Ibuprofen wie Bonbons. Dazu drei Flaschen Rotwein in der Woche… Auf lange Sicht bist du nicht die Aktie, in die man investieren würde. Bist du auf Wohnungssuche? Vielleicht kennst du das: Auf eine Wohnung in relativ guter Lage kommen schlappe achthundert Mitbewerber. Wer bekommt die Wohnung? Vielleicht wohnen in diesem Haus Ärzte und gut betuchte Rentner. Die mögen es bekanntlich ruhig, also muss der neue Mieter ein eben solcher sein. Am besten kinderlos und das dauerhaft. Wie gut, dass es Einsichten in Krankenakten, Chatverläufe und Kaufverhalten gibt.

Fakt oder Fiktion? Fakt jedenfalls ist, dass Datensammeln nicht nur (d)einem optimierten Kaufverhalten gilt. Fakt ist auch, dass Daten auf Vorrat gespeichert werden, um potenzielle Gefahr zu verhindern. Dabei bleibt die Frage, wie gut das bislang gelungen ist und noch gelingen wird. Ebenfalls Fakt: Du sammelst Punkte, die sammeln Daten. Deine. Das persönlichste, was du hast und unter Garantie niemals einfach ausplaudern würdest.

Wer sind die? Tja nun, hier scheiden sich die Geister. Die Bank. Großkonzerne. Mark Zuckerberg. Versicherungsgesellschaften. Die Polizei. Supermärkte, Tankstellen, Autobahnmautpassierhäuschen. Das örtliche Schwimmbad. Was bringt ihnen der sagenumwobene gläserne Bürger?

Kontrolle. Es sind ja nur ein paar Daten und ich brauche diesen Fußball wirklich dringend, den ich bekomme, wenn ich nur die fünfhundert Marke knacke. Vielleicht ist es auch ein Kasten Bier extra, immerhin bist du doch ein Alkoholiker oder warum kaufst du jeden zweiten Freitag eine Flasche Sekt? Glaubst du, du bekommst mit deiner Vorgeschichte die langersehnte Beförderung oder gar deinen Traumjob?

Vielleicht ist es am Ende auch schlicht die Tatsache, dass du ein Fan der Nine Inch Nails bist, der dich zum Scheitern bringt. Immerhin hast du sie auf Facebook geliked. Industrial Rock ist out, genau wie du. Geh mit der Zeit, sonst überrennt sie dich. Ist das alles am Ende moderne Sklaverei, die als freier Wille verkauft wird? Wohin soll das führen? Und was ist mit all jenen, die im Punkte Score schlecht abschneiden? Wo sollen die wohnen, arbeiten und an welche Versicherung sollen sie sich wenden? Ich meine, bei Ihrer Vorgeschichte…

Man sollte sich fragen, wer eigentlich davon profitiert und wer (wie meist) leer ausgeht. Auf das Internet verzichten? Nein. Nachdenken? Ja, wenn ich mal Zeit habe. Oder dann, wenn es bereits zu spät ist. Zum Glück braucht es noch ein bisschen Zeit, bis es so weit ist. Sie mögen zwar deine Daten haben, aber noch kaum passende Filter, um sie zu verwerten. George Orwell hat mit seinem Schocker 1984 jedenfalls eines nicht bedacht: Wir kaufen die Kameras selbst, die uns komplett überwachen und unsere größte Sorge ist es, dass niemand zusieht. Was für den einen die Goldmiene der Neuzeit ist, kann einem Ottonormalverbraucher schnell das Genick brechen. Ich sage: kenne deinen Scheiß, denn glaub mir, er kennt dich bereits bestens. Wie schneidest du denn im Gesamtbild deiner Datenflut ab?

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