O du Fröhliche?

Es ist wieder einmal so weit. Bereits Mitte September haben die Auslagen der Supermarktwaren die frohe Kunde verkündet: Weihnachten naht. Ich spare mir an dieser Stelle meine Meinung zu diesem verfrühten Unsinn. Eine Frage aber bleibt. Wen zum Teufel hat mitten im Altweibersommer schon je das unstillbare Verlangen nach Lebkuchen gepackt? Eben.

Ich könnte lamentieren, wie schnell die Zeit wieder vergangen ist. Was, schon bald Silvester; ich soll schon wieder neue Vorsätze schmieden? Verdammt, ich habe mich noch nicht einmal an meine Alten gehalten! Ich brauche Zeit, vielleicht eine Schonfrist. Aber nicht nur, was den Kalender betrifft. Nein, mich plagen ganz andere Ansätze, die ebenfalls mit der Zeit zu tun haben.

Auch wenn es niemand konkret sagt und es auch nicht in Stein gemeißelt ist: Es gibt gewisse Zeitpläne, an die sich jeder halten muss. Auch du, ob du es willst oder nicht. Zum Beispiel eine gewisse Planung, was den Nachwuchs betrifft. Mit 60 fängt man/frau ja auch nicht mehr damit an. Ab 30 schwinden deine Aussichten auf einen astreinen Kredit, also lege den Grundstein für deinen Hausbau möglichst mit Mitte zwanzig. Ach so, wenn du mit dreißig aber noch immer studierst… Tja, was soll ich dazu groß sagen? Wahrscheinlich nicht das, was deine Familie dir am heiligen Abend wieder vorwerfen wird.

Mensch Kind, das Jahr ist schon wieder fast um!“ Ja, die Betonung liegt auf fast. Jahresrückblicke sind ja Anfang Dezember zumeist sehr beliebt. Man findet sie auf Facebook, im TV oder generell im Internet. Zumindest dort, wo die Netzneutralität noch gewährleistet wird. Netz was? Das solltest du schleunigst googlen, damit du auch ja „up to date“ bist. Was passiert eigentlich, wenn der Flughafen BER zwei Wochen nach Ausstrahlung dieser sentimentalen Jahresrückschau-Sendungen eröffnet wird, weil Aliens urplötzlich die Hauptstadt erobern und denen da oben beibringen, anständig mit unseren Steuern zu wirtschaften? Nein. Anfang Dezember ist gut, denn ändern wird sich sowieso nichts. Wir haben noch immer keine neue Regierung und es wird auch weiterhin über dasselbe geschimpft und diskutiert.

Läden sollen heilig Abend geschlossen bleiben? Was? Wir sind verloren, alle! Ich gehöre ja auch mit Leidenschaft zu den Drückebergern und all jenen, die sich nur im roten Bereich wirklich zuhause fühlen können. Du weißt schon, das ungute Gefühl an einem gemütlichen Sonntagabend auf der Couch, weil du die ganze Woche wieder ein fauler Sack gewesen bist. Überhaupt, ich fordere mehr Wochenende für alle! Jeder fordert doch irgendetwas. Ich bin für mehr Gnadenfristen und statt verlängerten Öffnungszeiten debattiere ich für verlängerte Erholung. Ja genau, damit Bummelanten wie ich seelenruhig weiter prokrastinieren können, bis die Sprungfedern des Sofas knarzen.

Nachdem das geklärt wäre, zurück zum Thema. Warum geht jemand an heilig Abend Geschenke shoppen? Das habe ich früher auch gemacht und es sogleich bereut, denn aus einer stillen und besinnlichen Zeit wird es nichts, wenn die Schlange bis raus auf die Straße reicht. Die Apokalypse naht. Und dann gab es vor einigen Jahren eine Zeit, da war ich selbst ein unbedeutendes Zahnrad in der riesigen Maschinerie, die sich konsumorientierte Wirtschaft nennt. Ja, ich habe im Einzelhandel gearbeitet; auch am heiligen Abend. Nach diesen vier längsten Stunden meines Lebens habe ich jedoch eines begriffen. Es heißt heiliger Abend, weil den Leuten um diese Zeit rein gar nichts heilig ist. Da wird sich selbst um ein abgelaufenes Stück Fleisch geprügelt und im Namen des Herrn geflucht, geschimpft und ein heiliger Kreuzzug an der Geschenkeverpackungsstation geführt. Zugegeben, es spart erheblich viel Zeit, sein unter härtesten Bedingungen erstandenes Hab und Gut für seine Liebsten gleich an Ort und Stelle einpacken zu lassen. Wenn da nicht eine halbe Stunde Wartezeit wäre. Ich sage nur panische Hamsterkäufe. Macht ja angeblich keiner und trotzdem passiert Jahr um Jahr dasselbe. Fünf Packen XXL Toilettenpapier wegen drei freien Tagen? Wer das übertrieben nennt, sollte sich den Spaß am Tag vor den Feiertagen ruhig einmal machen. Aber nimm Zeit mit und stell ein Bier kalt. Du wirst es brauchen.

Aber ich will nicht meckern. Ein gutes Jahr, genau wie es ein beschissenes war, neigt sich salutierend dem Ende zu. Hinterfotzig, launisch und extrem anstrengend. Selbst anerkannte Bummelanten wie ich kommen von Zeit zu Zeit in Stress und ich muss sagen, dass es dieses Jahr sogar ziemlich unverhältnismäßig gewesen ist. Woran mag das liegen? Vielleicht komme ich in ein Alter, in dem viele Dinge urplötzlich Sinn ergeben. Wenn eine leise Stimme dir ins Ohr flüstert, das Mama doch Recht gehabt hat. Wer sich nicht früh kümmert, der hat später nun mal verschissen. Zumindest wird es schwieriger, je länger man wartet. Die Erwartungshaltungen steigen nämlich trotzdem, auch wenn du wieder mal versagt hast. Sagen wir es so; was Hänschen bis Dezember nicht erledigt hat, wird Hänschen eben mit ins neue Jahr schleppen. Und aus einem sorglosen Hänschen wird irgendwann ein erwachsener Hans, dem entweder längst alles scheiß egal ist oder er unter Ängsten leidet, die er zum Teil selbst mit zu verantworten hat.

Schöne Scheiße. Vielleicht hat Hans 2017 auch endlich entschieden, sein Geschlecht endlich in Kühlschrank ändern zu lassen. Ich frage mich schon, was uns in den nächsten Jahren bloß erwarten mag. Zum Glück arbeite ich auf dem Land; ich bekomme nicht viel von diesem Diversitäten-Wahnsinn mit. Ein Hoch auf unsere toleranten Zeiten, wo Leute wie ich auch zu Wort kommen können. Aber sind wir nicht ein wenig zu weit gegangen? Wenn jeder sich angegriffen fühlt, sobald etwas gesagt wird, dann bringt dieser ganze humanistische Verständnis-Gendermainstream-Irrgarten doch ein ganz anderes Problem mit sich: Stille. Posten ist Silber, beleidigt sein Gold?

Ursprünglich ging es in dieser ganzen Gender-Debatte um die Frage, ob und vor allem wie alle Menschen die gleichen Zugänge bekommen (können). Männlein, Weiblein und Kühlschrank. Es geht um soziale Ungerechtigkeit und die falsche Verteilung von Ressourcen. Grundlage des Ganzen ist mitunter, dass jedes fünfte Kind von Armut betroffen ist. Ja, Kinder gewöhnen sich an alles, mögen manche denken. Aber es sich im Erwachsenenalter wieder abzugewöhnen, den mühsam erlernten Habitus, ist viel schwerer, als man glaubt. Und überhaupt völlig unverhältnismäßig zu den steigenden Erwartungshaltungen an unsere Generation. Ihr habt doch alle Möglichkeiten; warum nutzt ihr sie denn nicht?!

Für welche Eissorte entscheidest du dich, wenn fünfhundert Sorten im Angebot sind? Genau. Viele Menschen, die sich einen Planeten teilen und sich gegenseitig nieder machen, weil sie sich angegriffen fühlen. Politisch korrekt ist wohl das neue koscher. Jemand, mit dem ich in diesem Jahr gearbeitet habe, sagte mir: „Wir züchten da eine Generation von Weicheiern heran. Wie sollen die denn eine normale Ausbildung absolvieren, wenn sie ständig Ausreden parat haben? Generation emotionale Persönlichkeitsstörung oder was?“ Ha. Daraufhin fiel mir nichts ein, außer eines. Das habe ich aber lieber für mich behalten. (Zumindest bis jetzt.):

Vielleicht sollte das System sich ändern. Ist es denn fair, das Gleiche zu verlangen unter völlig anderen Voraussetzungen? Nein. Gleichheit bedeutet eben nicht Gerechtigkeit. Jeder, der mir erzählt, wir wären alle mit denselben Chancen geboren worden, der ist ignorant oder in den Fünfzigern hängen geblieben. Wie kann es sein, dass manche Menschen auf einen Standard verzichten müssen, um Schritt halten zu können? Und ich rede hier nicht von Standards wie Essen, Strom, etc. Was ist mit Kindern, einer gelingenden Ehe und einem schönen Zuhause, das zudem auch noch erschwinglich ist? Wie gesund kann es sein, dauernd nur auf Pump zu leben? Ist das die Welt, die wir unseren Kindern hinterlassen wollen? Basierend auf Schulden, leeren Versprechungen und Problemen, die wir immer schon vorgesehen haben? Wer Wind sät, wird Sturm ernten.

Nein. Kein ich sagte es dir bereits vor zehn Jahren mehr. Wer besinnliche Festtage sucht, sollte sich vor allem auf eines fokussieren: Obgleich du Schuld an der Misere hast, die dich umgibt oder nicht. Wenn es dich stört, dann hilf. Nicht länger reden, sondern tun. Du siehst, jemandem geht es schlecht? Du hast doch zwei Hände oder etwa nicht? Die Zeit mag vielleicht auch deshalb derart schnell vergehen, weil wir nicht einmal wissen, was wir tun sollen, wenn der Strom ausfällt. Wer immer alles gleich, sofort und prompt bekommt, braucht sich nicht über Ungeduld beschweren. Und geben wir es an dieser Stelle doch einmal ruhig zu: Wir sind ungeduldig und vermutlich auch die Art Mensch, die eine hochschwangere Maria und einen völlig erschöpften Joseph abgewiesen hätten. Sorry, heute ist es ganz schlecht. Meine Schwiegermutter ist zu Besuch.

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