„A Death for a Like“: Hat das Internet uns böse gemacht?

Stell dir vor, du verunglückst schwer, auf irgendeiner Straße. Was wären deine letzten Gedanken? Was wäre dein letzter Statuseintrag gewesen, der nun für immer dein Onlineprofil zieren wird? Es könnte sein, dass du dein tragisches Ende auf irgendeiner Landstraße findest. Eine Sekunde kann nämlich alles im Leben verändern. Doch jemand hält an und steigt aus. Erleichtert atmest du auf, denn die dir unbekannte Person zückt ihr Smartphone. Doch anstatt den Notruf zu wählen, wirst du eiskalt beim Sterben gefilmt. „A Death for a Like“
Die Rede ist von Gaffern, wer heute Radio gehört hat, war wahrscheinlich ebenso erschüttert, wie ich. Nicht ganz so unwahrscheinlich hingegen ist, dass dies bei Weitem kein Einzelfall war. Was ist das für eine Gesellschaft, die den Wert ihrer Persönlichkeit in Likes misst? Wie weit sinkt die Moral, wenn es darum geht, das künftig meistgeklickte YouTube Video zu drehen? Katzenbabys reichen nicht mehr, die Generation Head down weiß das. Kopf nach unten, Blick starr auf den Bildschirm eines Mobiltelefons gerichtet; junge Internetnutzer verbringen im Schnitt 3,5 Stunden mit ihrem Handy in der Hand. Täglich. Wer erinnert sich an die Zeit, in der man nachts heimlich nur noch kurz eine weitere Seite des spannenden Buches gelesen hat, die Taschenlampe zwischen den Zähnen und mit gespitzten Ohren, denn eigentlich war es längst Schlafenszeit? Heute ist es nur noch eine Folge auf Netflix, das nächtliche Märchen, das du dir selbst erzählt, bevor dir erschöpft und ausgebrannt die Augen zu fallen. Wie gesundheitsfördernd ist so ein Schlaf, mit dem Kissen direkt neben einer nicht ganz harmlosen Strahlenquelle? Wie erholsam kann das sein, jede Nacht siebenmal aus dem Schlaf vibriert zu werden? Muss ich sofort antworten, wenn mir jemand geschrieben hat? Mein Chef ist online, genau wie ich. Gespannt verfolgt man das schreibt… Symbol, hält den Atem an und schaltet das Display wieder aus. Denn du hältst es kaum aus, im Hinterkopf hast du es trotzdem.
Mit den jungen Menschen ist eben jene Generation gemeint, deren Onlineprofile bereits so manches Elternteil in höchste Alarmbereitschaft versetzt hat. Ich bin froh, dass ich damals kein Instagram hatte, denn es walten auch so schon peinliche Fotos unter den Habseligkeiten von Freunden, Familie und Bekannten. Irgendwelche Schnappschüsse eben, die nur noch auf Speicherkarten in alten Blechdosen auf Dachböden existieren. Habt ihr euch schon mal gefragt, auf wie vielen zufälligen Bildern ihr zu sehen seid? Willkürliche Touristenfotos, auf die ihr es unwissend geschafft habt? Jetzt schon, gern geschehen. Wie viele Fotos habe ich bereits geschossen, um sie mir nie mehr anzusehen? Das hätte ich auch lassen können. Statt mit einem geeigneten Filter so lange über meinem Eis zu werkeln, dass es geschmolzen war, bevor ich es genießen konnte.
Friedhöfe werden demnächst überflüssig sein, denn gedenken kann man dann jedem, bequem von seinem Zuhause aus. Das ist doch toll, wenn man alles in einem Gerät hat. Du kannst damit bezahlen, deine große Liebe kennenlernen, um sich dann nicht mehr in die Augen zu sehen, denn XY hat dich in einem Kommentar erwähnt. Diese ganzen Push-Up Meldungen treiben dich in den Wahnsinn und mich auch. Ich will das nicht und doch brauche ich es. Stellvertretend für die Älteren hebe ich an dieser Stelle nun meinen moralischen Zeigefinger und sage „na na na, früher ging das auch alles ohne.“
Ja, früher, als das Brot noch zwanzig Pfennig gekostet hat. Das wäre fantastisch, für zehn Cent beim Bäcker einzukaufen und eine Familie satt zu bekommen. Wenn es ein gutes Pfund Kaffee für unter einem Euro gäbe, dann das wäre das doch mal was! Bei diesen Anekdoten wird jedoch eines immer unterschlagen: Der Durchschnittsverdienst lag in den 1950ern umgerechnet bei 181 €. Früher war trotzdem alles besser. Punkt, aus Ende der Diskussion. Lamentieren ist jedoch eine altbewährte Strategie, um den Dingen grundsätzlich aus dem Weg zu gehen. Man schiebt die Tatsachen von sich, indem man auf eine andere Zeit verweist, in der ganz andere Thematiken die Welt in atemloser Spannung versetzt haben. Beschwerden, nichts als Beschwerden. Das Aussterben der guten alten Zeitung; Quotenrückgänge bei vielen Sendern sind nur die harmlosen Folgen des medialen Zeitalters. Man könnte sich fragen, warum manche lieber Netflix statt GEZ bezahlen? Warum ohne mit der Wimper zu zucken Unsummen für monatlich kündbare Streamingdienste ausgegeben werden, anstatt die lächerliche Rundfunkgebühr zu überweisen?
Ja richtig, die GEZ ist keine Entscheidung des freien Willens. Sagt ja auch schon der Name, gesetzliche Einzugszentrale. Der freie Wille ist es, was den Menschen ausmacht. Dich, mich und all die anderen. Leider haben viele das nur vergessen, denn man hat im Grunde immer eine Wahl. Mich per Gesetz zu etwas zu zwingen, das ich nicht möchte, ist gegen das Gesetz. Andererseits, wer von euch zahlt gerne Steuern?
Das ist auch nichts weiter, als Piraterie, wenn auch mordern. Denn die Zeiten haben sich  geändert, aber die Menschen doch nicht.  Das Internet ist auch für all jene zum Sprachrohr geworden, die sonst keines hatten. Was heute das Darkweb ist, ist in manchen Teilen der Erde bitterer Alltag. Gewalt, Drogen und Sex, wenn wir es diese Dinge nicht gäbe, würde es uns nicht derart gut gehen. Denn seien wir mal ehrlich, uns geht es gut. Wir leben in vergleichsweise ruhigen Zeiten, Terror und Krieg waren immer da, genau wie Hass und Gier. Entscheidend ist die Wahrnehmung, die großen und sehr gierigen Unternehmen haben das erkannt. Angst macht süchtig, das ist kein Geheimnis, sondern ein Fakt. Gewalt erregt sogar noch mehr Aufmerksamkeit, als unzensierte Brüste einer Fünfzehnjährigen. Deswegen wird mit dem Handy auf einen sterbenden Mann gehalten, minutenlang und das auch noch, ohne mit der Wimper zu zucken.
Man kann sich streiten, ob so viel Zeit im Internet nun sinnvoll ist oder nicht. Aber unbestreitbar ist vor allem eines: Du bist nur einer von Millionen Nutzern und so uninteressant, wie eine zweitklassige Morgenshow, die in einem der öffentlich rechtlichen Sendern ausgestrahlt wird. Manchen reicht das nicht aus, heutzutage ist es so einfach, online nach den Sternen zu greifen, dass man ganz unversehens zum Mittäter werden kann. Warum nicht eine Tragödie zum eigenen Vorteil nutzen?
Weil es unangebracht ist, ganz einfach.
Gebt trotzdem nicht dem Internet die Schuld daran. Ich bin für mehr Medien in Kitas und Schulen, als Prävention und Chance, unsere Zukunft da abzuholen, wo sie gegenwärtig nun mal steht. Einen Fisch für seine Flugleistungen benoten zu wollen, ist grundsätzlich nicht richtig. Vielfalt schön und gut, aber bitte nicht in unseren Klassenzimmern ist die Devise vieler Schulen. Das ist schade und führt zu Irritationen, denn wenn ich es nie gelernt habe, wie soll ich es dann besser wissen? Und es heißt nicht umsonst, was Hänschen nicht lernen würde, würde Hans nimmermehr lernen.

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