„Das Leben ist kein Kindergeburtstag“: Zwischen Alltagsdramaturgie und der Kunst, Nein zu sagen.

Es ist mal wieder so weit, ein Haufen Arbeit steht an. Ihr kennt das doch alle, man hat es wiederkehrend bis zum bitteren Ende gnadenlos hinausgezögert und zitternd wie Espenlaub wird einem klar, dass morgen Montag ist. Aber nicht irgendein Montag, sondern der Montag. Wolltest du nicht am Montag mit irgendetwas anfangen, aufhören oder etwas in Angriff nehmen? Rasenmähen. Keine Lust, ich bevorzuge es sowieso wildromantisch. Manche Ausflüchte könnten es zu echten Bestsellern bringen, würde man sie niederschreiben. Sind Lügen nicht die ergreifendsten Geschichten? Das Märchen, das wir anderen erzählen und die Illusion, in die wir all unsere Mühe, Zeit und viel Geld investieren, damit wir einen gewissen Status haben…. Du weißt nicht, was ich meine? Oh, ich denke schon. Bestimmt kennst du jemanden, der wen kennt, der das teure Auto nur fährt, um etwas zu beweisen. Denn, wenn Nachbars Garten leider grüner ist, ist mein Mercedes Benz eben größer.
Wir wollen unbedingt mithalten, die Rezension der anderen kommt scheinbar dem Urteil eines Scharfrichters gleich. Über die Hecken der Reihenhaussiedlungen hinweg, ist dies nichts Ungewöhnliches: Der Tratsch hinter hervor gehaltener Hand. Hast du schon gehört, hast du schon gesehen? Das ist stille Post für Erwachsene; jeder gibt Informationen über einen anderen falsch weiter und wundert sich über eine vermeintlich böse Wahrheit, die ans Licht kommt. Der Unterschied zur Kinderversion ist, die Erwachsenen tun es bewusst. Dabei ist es auch schlicht und ergreifend egal, wenn sich jenes an den Haaren herbeigezogene Gespinst aus Gerüchten als Ente entpuppt: Ein Zweifel bleibt immer. Ein Mythos ist geboren, deine Legende unsterblich. In einer Kleinstadt will man nicht unten durch sein, vor allem nicht auf dem Dorf. Was ist mit den Halbwahrheiten, die sich wie Dreck unter deiner Fußmatte ansammeln? Du gibst vor, dass alles im Grünen Bereich ist, während deine Tankanzeige sich gefährlich dem roten Bereich nähert. Schon seit Tagen. Aber das ist irrelevant, denn du fährst einen Audi. Es ist nicht auszuschließen, dass bei dir alles summa cum laude, genau wie dein Uniabschluss, läuft. Fakt aber ist, dass es nicht immer so sein wird. Irgendwann wirst auch du in den Haufen Scheiße treten, den man schlicht mit „Tja, Pech gehabt“ belächeln wird. Auf diesen Moment haben charakteristisch viele Menschen gewartet, all deine Neider werden sich die Hände reiben. Es passiert schnell, dass man abgezockt, verarscht, verlassen, vollstreckt oder per Haftbefehl gesucht wird. Man steckt da nicht drin, es sind die Irrungen und Wirrungen des Lebens, die unseren Charakter formen. Charakterfestigkeit. Ist das ein Kompliment oder ein Euphemismus für Arschloch?
Es ist jedenfalls kein Kompliment, eine Geduld wie ein Esel zu besitzen. Esel sind 
Nutz- und Lasttiere und in aller Regel nicht viel wert. Dann stehen die Chancen gut, unter die Absätze einer eifrigen Gesellschaft zu geraten. Vielleicht bist du jemand, der anderen die Tür aufhält, weil du gut erzogen bist. Wo ziehst du die Grenze? Nach fünf Personen, sieben, zehn? Wenn dich nun noch ein Kollege bittet, an den Wochenenden für ihn zu arbeiten? Es ist zu viel, dabei wolltest du lediglich freundlich sein, die Welt ein kleines bisschen besser machen. Du reichst ihnen den kleinen Finger, sie fressen dich bei lebendigem Leibe. Zusätzlich zu dem Druck der Medien, perfekt sein zu müssen. Hallo Burnout und auf Nimmerwiedersehen ruhige Nächte. Das Leben ist kein Ponyhof. Und seien wir ehrlich, das ist auch gut so. Ponys machen Mist und tatsächlich keine unerhebliche Menge Arbeit. Auch so ein Klassiker, den man immer wieder hört: Das ist eben kein Kindergeburtstag.
Diese Leute machen sich keine Vorstellungen, wie ein Kindergeburtstag heutzutage abläuft. Da sind Eventplaner von Nöten und man braucht quasi Flügel, um das alles zu managen und zu koordinieren. Jeremy-Finn-Riley-Andrew Sir der III* is(s)t vegan, Prinzessin Leia-Cinderella-Philomena* und Asia-Orchidee* vertragen kein Gluten. Die eine aus Mode, die andere wirklich. Wie soll das gehen, mit nur einem Ofen? Dann soll das Zuhause auch nach etwas aussehen, wer weiß, was die Kinder ihren Eltern im Anschluss erzählen. Da wird ein Laserschwertkampf mit aneinandergeklebten Klorollen zu einem Grund für eine Klage. Dieser Unfug enthält Gewalt und traumatisiert. Überhaupt, Klorollen sind out. Man muss den Kindern schon etwas bieten. Eine Show, mit Umfang der MTV Awards. Früher gab es einen Kuchen und es wurde gegrillt. Es war nett, überschaubar und gemütlich. Heute braucht es Einverständniserklärungen für waghalsige Stunts im Abenteuerkletterwald und eine Kreditkarte ohne Limit, denn die Geschenke müssen wohlüberlegt sein. Nein, nicht die, die das Geburtstagskind erhält. Die Rede ist von sogenannten 
Give-Aways. Noch nie gehört? Dann hast du was verpasst. Das sind kleine Geschenktüten. Man will ja die Gäste schließlich nicht mit leeren Händen wieder nach Hause schicken. Auf dem Spielplatz macht das dann nämlich schnell die Runde. Schlimm genug, dass man dich in Jogginghose gesehen hat. Ja, Mütter haben es heutzutage nicht leicht. Väter im Übrigen auch nicht.
Aber zwischen diesen Figuren unserer Alltagsdramaturgie gibt es Bernd. Einen wie Bernd gibt es überall, schau dich um, du wirst ihn finden. Bernd ist tiefenentspannt, er will von diesem Firlefanz nichts wissen. Bernd wird auch respektiert, wenn er oben ohne in der Sonne schwitzt und Bier trinkt. Seine Ratschläge sind gut, denn er erteilt sie selten. Bernd findet, dass Quantität gegenüber Qualität einen viel zu hohen Stellenwert hat. Was hat Bernd, was viele andere nicht haben? Das, was wir unbedingt von Kindern lernen sollten: Nein sagen können, ohne an die Konsequenzen zu denken.
Ein Beispiel: „Lädst du mich zu deinem Geburtstag ein?“
Antwort: „Nein.“
Eine kurze Phase der Enttäuschung später, ist alles wieder in Butter. Ich fragte: „bist du gar nicht mehr sauer?“
Antwort: „Nein. Nächstes Mal dann.“
Mehr nicht, denn wozu auch. Vielleicht ist es gar nicht so, dass Kinder immer nur von uns lernen müssen und ihr Verhalten adaptieren, um in unsere Welt zu passen. Vielleicht ist es sogar so, dass sie von Anfang an alles intuitiv richtig machen. Nicht alles, aber alles, was Emotionen und Sozialverhalten betrifft. Sie sagen Nein, weil sie nicht wollen. Weil es ihnen nicht guttut, denn warum etwas tun, was im Prinzip Unsinn ist? Warum soll ich jemanden einladen, der unter Garantie meinen Tag ruinieren wird? Das Urteil der anderen, denke ich und seufze. Das ist zu vielen Dingen der Schlüssel. Ein bisschen Bernd tut uns doch allen ganz gut, denn Bernd ist im Kontakt mit seinem inneren Kind. Sind wir ihm böse, wenn er Nein sagt? Nein.
In diesem Sinne: Halten wir inne und sind dankbar, dass das Leben kein Ponyhof ist, auf dem regelmäßig Kindergeburtstage statt finden. Das Leben ist eine weiße Leinwand, du willst bloß nicht malen, weil du die Kritik zu sehr fürchtest.

*Namen sind (so weit ich Kenntnis habe) reine Fiktion.

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