„Alle Männer sind Freaks“ – wie wir uns die Chancengleichheit verbauen

Heute ist so ein Tag, der begann für mich schon nicht so gut. Zugegeben, ich bin generell kein Morgenmensch, die Vorstellung, um fünf Uhr morgens bei irgendeiner Frühschicht antreten zu müssen, bereitet mir Bauchschmerzen. Zum Glück habe ich zurzeit Urlaub. Zeit, Dinge zu regeln. Längst überfällige Zahnarztbesuche wahrzunehmen zum Beispiel. Auch dort hatte ich viel Zeit, bestimmt habe ich ein Jahr meines Lebens in sämtlichen Arztpraxen dieses Landes gewartet, abgegriffene Zeitschriften gelesen und dabei die Augen verdreht. Deswegen heißen sie auch so, Zeitschriften. Neben Fliegen schlägt man mit ihnen die Zeit tot, die einem in solchen Praxen wie eine Ewigkeit vorkommen.
Jedenfalls bin ich dort auf eine Kolumne einer bekannten Frauenzeitschrift gestoßen. Früher habe ich diese Magazine gerne durchgestöbert, auf der Suche nach einem Rat, der einem hilft, als Frau gut durchs Leben zu kommen. Das ist augenscheinlich auch ganz einfach. Wenn du schlechte Laune hast, dann liegt das daran, dass du die falsche Farbe trägst. Themen wie „habe ich genug Sex in meinem Leben“ und „welche Diät ist die beste für mich“ kotzen mich allerdings inzwischen an. Das ist Heuchelei, ihr Frauenmagazine predigt allen ernstes die Faustformel, wie ich mich in meiner eigenen Haut endlich wohl fühlen kann, nämlich die, in fünf Schritten zu lernen, mich zu akzeptieren, wie ich bin. Toll, denke ich, ein warmes Gefühl breitet sich in meiner Brust aus. Dann blättere ich um, schaue mir die neueste Bikinimode an und staune über diese spindeldürren Models. Drei Seiten weiter finde ich dann tolle Rezepte, die endlich schlank machen, in sieben Tagen. Ja genau, dachte ich und musste lachen. Eure Ideen sind so simpel, dass sie einfach funktionieren müssen. Das ist doch totaler Schwachsinn, das ist so ambivalent, wie beleidigend. Wieso bin ich noch nicht früher darauf gekommen, jeden Tag eine Tasse von diesem speziellen Tee, zu einem überzogenen Preis, macht also glücklich? Mist, so einfach hätte es sein können. Diese Magazine verkaufen sich gut, denn sie bedienen sich schamlos an den Klischees und das hat bekanntlich schon immer funktioniert.
So auch diese Kolumne, die heute Morgen meine Zornesfalte ein kleines bisschen mehr modelliert hat. Männer sind Freaks, denn sie stehen nicht zu ihren Gefühlen. Das ist eine Wucht. Früher hätte ich genickt und „ja genau“ gemurmelt. Männer bedienen sich also an Ausreden, haben für alles einen Vermerk, um darauf hinzuweisen, dass das, was sie tun, so abwegig auch wieder nicht ist. Dann zitieren sie aus „Männersendungen“ und nehmen sich Homer Simpson als Beispiel. Okay, denke ich, ich sollte meine Chromosome untersuchen lassen, wenn ich schon beim Arzt bin. Das, was die liebe Redakteurin den Herren der Schöpfung nämlich unterstellt, mache ich auch. Sie nannte es unreif, ich nenne es kreativ. Denn, wenn jemand Zusammenhänge erstellen und mit seiner Lebenswelt verknüpfen kann, sich die Mühe macht, sein Handeln mit etwas zu begründen, das einem wichtig ist, dann zeugt das meiner Meinung nach nicht von Ignoranz. Ignorant hingegen ist es, als Stimme einer ganzen Generation von Frauen dafür zu sorgen, dass die festgefahrenen Klischees nicht aussterben. Was soll das denn?
Da braucht man sich nicht wundern, wenn Männer dicht machen. Ich würde auch lachen, würde meine Freundin aus so einer Zeitschrift zitieren. Denn ich bin mir sicher, dass diese Kolumnistin das Zuhause auch tut. Ihr Handeln mit abgegriffenen Sprüchen und scheinpsychologischen Fakten begründen, denn sie hat darüber gelesen, was kann daran falsch sein, wenn es eine Diplompsychologin verfasst hat?
Nein, ernsthaft. Viele verstehen das mit dem „Genderwahnsinn“ einfach falsch. Natürlich sind manche Dinge einfach nicht so prägnant wie andere, die Frage, wie viele Geschlechter es gibt, wo Transsexuelle zur Toilette gehen sollen, hat in meinen Augen keinen so hohen Stellenwert, wie der Frage nachzugehen, was wir mit der Kinderarmut in Deutschland machen sollen. Vielleicht sollten diese Kinder auch die Aroma-Therapie ausprobieren? Geht nicht, weil kein Geld.
Genau das ist der Punkt. Bei Gender-Mainstreaming geht es nicht um „Gleichmacherei“, um das gleich vorweg zu nehmen. Es geht um Chancengleichheit, im Alltag, Beruf und im Leben. Gleiche Chancen für alle, unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Alter oder sonstigem. In der Sozialpädagogik lautet unser Auftrag also, allen Kindern einen Zugang zu allem zu ermöglichen. Wie soll das aber gehen, wenn die Kinder schon von vornherein in die berühmte blau-rosa-Falle tappen? Das mag an und für sich nichts Schlimmes sein, aber mal ehrlich, schaut euch das Kinderspielzeug doch einmal an, das angeboten wird. Es hat sich nicht viel verändert, Mädchen spielen mit Puppen, lesen diesen Modemist, schauen Germany’s next Topmodel und Jungen dürfen nicht weinen. Indianer kennen keinen Schmerz. Aha, aber Eskimo darf ich nicht mehr sagen?
Was sollen wir denn dagegen tun, würden nun manche Fragen. Aufhören, diesen Mist zu Befürworten:
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Vielleicht müssen wir auch gar nichts tun, uns dessen erst einmal bewusst werden, welche weitreichenden Folgen das, für uns und unsere Rolle innerhalb der Gesellschaft, hat. Geschlecht und Herkunft als Makel? Es ist wahr, Vorurteile sind immer da, aber die Fähigkeit zur Selbstreflexion leider nicht. Warum auch darüber reden, das war schon immer so, was ist denn schlecht daran?
Wirklich bemerkenswert finde ich, dass eine gestandene Frau in ihren besten Jahren von drei (!) Männern darauf schließt, dass alle Männer Freaks sind. Das schreibt sie dann auch so, ärgert sich darüber, wenn Männer dumme Sprüche aus dummen Sendungen zitieren, beruft sich aber mit ihrer Aussage auf Sex and the City. Denn, schon Carrie hat das gesagt, dass alle Männer Freaks sind. Da konnte ich nur den Kopf schütteln, ehrlich. Ich möchte diese Zeitschriften jedoch nicht abwerten, die Verkaufszahlen sind gut, aber mit einem Zwinkern darauf hinweisen, dass wir leider noch weit entfernt von „Chancen für alle sind“.

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