Mit Schwung in die Beziehungs-Kiste, oder vom Schwung daneben: Über Eltern und ihre Kinder

Wo fängt eigentlich Empathie an und wo hört sie auf? Natürlich machen wir alle einen Unterschied zwischen „betrifft mich“ und „bestrifft mich nicht“. Ich bin 26 Jahre alt und eigentlich dachte ich, ich könnte inzwischen gut differenzieren. Freund-Feind, Liebe-Hass, Schwarz-Weiß und all den Unsinn.

Heute möchte ich mich dem Thema Bindung und der Eltern-Kind-Beziehung widmen. Anlass dafür ist zum Einen das leidige Thema Weihnachten und der alljährliche Horror vor dem Tribunal. Denn mal ehrlich, war das Jahr nicht schon beschissen genug, brauchen wir wirklich noch ein weiteres persönliches und ungefragtes Feed Back? Noch so einen blöden Kommentar über die neue Frisur, dass man zu dick geworden ist, oder dass man nun schließlich auch nicht mehr jünger wird. Es ist schon erstaunlich, dass je älter man wird, die Familie dazu neigt, die Zahl immer früher aufzurunden. Ich bin im August „erst“ 26 geworden und meine liebe Mutter rundet jetzt schon auf 27 und damit auf fast dreißig auf. Wie man sich alt fühlt in nur drei Sekunden? Mama kann das. Und noch viel mehr. Es ist ein Fakt, dass die elterliche Fürsorge mit dem Auszug in elterliche Sorge verwandelt. Immerhin hat man nicht mehr jeden Schritt im Blick, es gibt keine Schulzeugnisse mehr zum Unterschreiben und was nicht gesagt wird, bleibt ungesagt. Und ungesagtes regt die Fantasie so gewaltig an, dass man wahrscheinlich schon nach wochenlangem Schweigen in der Leichenhalle vermutet wurde. Oder im Knast, je nachdem, wie man so drauf ist. Vielleicht ist das einfach nur der Versuch, die mangelnde Kontrolle wieder auszugleichen, indem man nörgelt. Geht das denn nur mir so? Ich kenne viele, bei denen läuft das ganz ähnlich und das Nörgeln kommt in Etappen. Hat man seinen Job im Griff, wird das Privatleben analysiert. Ist beides im Normbereich, dann der obligatorische und narzisstische Selbsterhaltungstrieb, mit der Frage nach den Nachkommen. Immerhin muss die DNA weitergeführt werden. Oder so ähnlich. Scheinbar soll dies dem Ansporn dienen, es zu mehr zu bringen. Keine Macht dem Stillstand, je schneller du mit allem durch bist, desto schneller darfst DU eines Tages auch deinen Senf zu allem dazu geben.

Ich war heute zufällig auf einem Forum unterwegs, da ging es eigentlich um Schlafstörungen. Und wie das so ist, klickt man sich durch die Schlagworte durch, bis man entweder bei künstlicher Befruchtung von Katzen heraus kommt, oder bei etwas, was einen wirklich interessiert. Und da war ich nun. Das Thema ist wie alles im Internet eigentlich irrelevant, wirklich spannend sind die Kommentare und die darauf folgenden Diskussionen. Da hat man ja schon Pferde kotzen sehen und hätte es zu Zeiten Stalins schon Internet gegeben, wer weiß, wer den kalten Krieg erst in einen heißen Shitstorm auf Twitter und dann in einen Bomenhagel verwandelt hätte. Zum Glück war dem nicht so und zum Glück gibt es keinen „hau drauf“ Button neben dem Daumen hoch. In den Diskussionen ging es um die Eltern und deren Erziehung als Auslöser alles Schlechten im erwachsenen Leben. Klar, viele werden jetzt denken, dass so eine Aussage wahrscheinlich nur eine Ausrede darstellt, anstatt sich mit der Wirklichkeit des eigenen Versagens auseinander zu setzen. Wie viel Wahrheit steckt nun also in dieser These?

Fest steht auf jeden Fall: In den ersten Lebensjahren wird der Bindungstyp eines Menschen geprägt, was man in einem Experiment sehr gut nachweisen kann. Die Mutter oder die Bezugsperson verlässt den Raum, das Verhalten des Kleinkindes wird nun beobachtet. Je nachdem, wie sich das Kleinkind verhält, kann man auf den Bindungstypus schließen, der aus vergangenen Ereignissen resultiert ist, zum Beispiel Missbrauch, Vernachlässigung, Überbehütung, psychische Krankheiten der Eltern, oder aber auch: Dem Kind geht es super, es ist bestens angepasst. Man kann also wirklich sagen, unser ganzes späteres Leben, Vertrauen und Verhalten, Fühlen, Denken und die Selbstwahrnehmung baut auf den ersten drei Jahren unseres Lebens auf, an die wir uns tragischerweise nicht einmal mehr erinnern können. In der Kindheit passiert danach grob gesehen ohne gravierenden Einfluss nicht mehr viel, bis wir an den Kern allen Übels stoßen: Die Pubertät. Hässliches Wort, hässliche Phase. Und gespickt mit Fallen, Tretminen und Überfallkommandos. Im Rahmen meiner Ausbildung habe ich mit einem Psychologen zusammen gearbeitet, der dem Team erklärt hat, wie man beispielsweise einen 15 jährigen in nur drei Monaten „platt macht“, ohne elterliches Zutun. Und ja, das geht. Und ja, es kommt vor.

Warum? Weil der Mensch mit einem freien Willen gesegnet wurde, der es ihm ermöglicht, sowohl gute als auch schlechte Entscheidungen zu treffen. Der Witz daran ist nur, dass unser freier Wille gar nicht so frei ist, wie wir glauben. Wir sind geprägt und wir prägen. Sozialisation. Jemand, der als Kind schwer misshandelt wurde und später selbst zum Täter wird, inwieweit war das der freie Wille? Hat man denn jemals eine freie Wahl? Immerhin werden die meisten Menschen an die 18 Jahre lang permanent beeinflusst. Nicht nur durch die Eltern, aber größtenteils schon: Religion, Kultur, Politik und persönliche Vorlieben werden auf das Kind übertragen (Jedenfalls ist das der Grund, warum ich im Stillen ein großer Modern Talking Fan bin). Es heißt nicht ohne Grund, der Apfel würde nicht weit vom Stamm fallen. Und selbst wenn es eine Birne ist, die an einem Apfelbaum hängt, wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Birne weit weg vom Stamm landen wird? Wir sagen uns alle, dass wir es mal besser machen wollen, aber wie können wir das, mit dem Echo der Vergangenheit, das noch immer nachhallt. „Ganz der Papa“ und „ganz die Mama“. Sind wir am Ende nur verfälschte Kopien unserer Eltern?

Erziehung hat DEN  ausschlaggebenden Einfluss, nicht unsere DNA. 1930 wurden Zwillinge getrennt zur Adoption frei gegeben, der eine wurde als Nazi aufgezogen, der andere als Jude. Die Tatsache, dass beide Eineiige Zwillinge waren, hat ihnen ihr Weltbild zerstört und erst lange nach dem Krieg, konnten sich Beide ein Herz fassen und Freundschaft schließen. Die Tücken und Chancen der Erziehung. Mein Kollege meinte einmal zu mir, dass er eigentlich keine Kinder will, nachdem er nun theoretisch weiß, wie man Kinder versaut. Immerhin hatten wir ein Jahr frühkindliche Bildung und Psychologie als Hauptfächer. Danken wir an dieser Stelle all den Erziehern und Erzieherinnen, dass sie tagtäglich mit fundiertem Wissen die kleinen und großen Schäden des Alltags zu kompensieren versuchen. Es ist nicht leicht.

Wo fängt Empathie an und wo hört sie auf? Bei den eigenen Kindern? Bei völlig fremden Menschen? Gar nicht? Tun wir nur alle so als ob, um das Miteinander zu ermöglichen? Wenn es möglich ist, dass Kinder ihre Eltern hassen, ist es umgekehrt auch möglich, seine eigenen Kinder zu hassen? Es gibt nichts Absoluteres, als den Anspruch, dass eine Familie ein Netz aus wohligen Gefühlen, Barmherzigkeit und Schutz zusammenhält. Babys zumindest kann man nicht hassen, da hat die Natur mit dem Kindchenschema vorgesorgt. Aber Kinder werden älter, der elterliche Gottstatus nutzt sich ab. Ein Fan, der täglich mit dem Subjekt der Bewunderung verkehrt, merkt eines Tages dann doch, dass die verehrte Person auch nur ein Mensch ist. Ebenso wird ihnen plötzlich bewusst, dass auch sie selbst Menschen sind. Eigenständige Personen, die noch eine Identität für ihr Dasein benötigen. Sie beginnen nach anderen Vorbildern zu suchen und probieren andere Verhaltensweisen, andere Kleidung und andere Hobbies aus. Das kann ganz schön am Ego der Eltern nagen, wenn man sich von ihnen abwendet und doch nicht den RICHTIGEN Weg einschlägt.

Macht euch das vor den Feiertagen noch einmal klar: Ihr habt eure Eltern nicht enttäuscht, weil ihr doch nicht in der Bank oder sonst wo arbeiten wolltet. Vielleicht hatten sie einfach nie den Mut, es auch nicht tun zu wollen.

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