Sommermärchen 2018: Zwischen Mauern und Kulturen- ein Comeback?

Ein Ossi klagt vor dem stuttgarter Landesgericht und verliert. Der Grund ähnelt einem schlechten Witz, den ich mir als Kind schon anhören musste. Besagte Person landete aufgrund ihrer Aussprache (stellt euch hier nun den ostdeutschen Dialekt vor) statts in Porto in Bordeaux, Frankreich. Kein Witz. Ist das nun eigentlich Diskriminierung, denn diese Person muss den Flug nun doch selbst bezahlen, nach eingehender Sprachüberprüfung? Immerhin scheitern täglich viele Menschen, ob ostdeutsch oder nicht an der Sprachbarriere. Sprache ist der Schlüssel zur Welt, zumindest unserer Kommunikativen. Wenn es auf der verbalen Ebene nicht klappt, wo dann? Dann kommt man eben in Frankreich raus, ist nicht so tragisch, aber teuer. Ich war vor ein paar Tagen bei alt eingesessenen Ur-Schwaben am Arsch der Welt zu Kaffee und Kuchen eingeladen und ein bisschen wie ein Ausländer habe ich mich schon gefühlt. Nicht nur, weil ich aus Gesprächsfetzen, die ich verstanden habe mir den Kontext der Unterhaltung selbst zusammen reimen musste, sondern auch weil die Kultur doch ein bisschen fremder ist, als ich es gewohnt bin. Ich kenne viele Schwaben, jedenfalls die richtigen Originale, die Dart spielen und sich beim Stammtisch über Frau Merkel ärgern. Wo Spätzle und Soß noch ein Stück Heimat bedeutet und Bausparen nicht nur ein Werbeslogan ist. Tatsächlich gibt es nichts über das Eigenheim, Dreh und Angelpunkt einer jeden Familie. Und wo ein Haus steht, da gibt es Nachbarn. Und wo ein Nachbar ist, ist der Ärger nicht weit. Es gab schon Fälle vor Gericht, da hat ein Nachbar sich von der Farbe eines Vorhangs provoziert gefühlt. Manche bauen widerrechtlich Mauern auf, um das sagenumwobene Arschloch nicht mehr sehen zu müssen, das nebenan sein Unwesen treibt.

Ja, Mauern. Vor 25 Jahren fiel sie nieder, unter großem Jubel und Freudentränen. Das Volk war endlich wieder vereint und fiel sich herzergreifend in die Arme. Schon bei dem Gedanken daran, bekommt man feuchte Augen und das schwarz rot goldene Herz in der Brust schwillt vor Stolz und Einheit an. Sollte man meinen. Denn nur 25 Jahre später hört man hinter vorgehaltener Hand im Schutz der dichten Hecken, die vor dem neugierigen Blick der Nachbarn schützt, den Wunsch nach dem Wiederaufbau der Mauer. Natürlich ist das nur Stammtisch Gemunkel, aber so richtig lachen sieht man da keinen. Da geht mir auf, die meinen das bitter ernst! Eine zweite Mauer muss her, am besten gleich und für immer. Denn geändert hat sich schließlich nichts. Sollen Schandall (Chantal) und Ronny doch drüben bleiben. „Schaffen tun die ja eh nix, gell“. Rassentrennung im eigenen Land, wo gibt es denn sowas? Sollen doch die, die nichts arbeiten wollen oder können, zurück in den Osten gehen… Und, ich bin ja kein Rassist ABER, sollen die die Flüchtlinge gleich mitnehmen. Da schlackern einem die Ohren. Es scheint, als würde ein zweiter eiserner Vorhang sich erneut durch Europa ziehen. Die Länder machen ihre Schotten dicht und Deutschland mitten drin. Wo ist der WM  Einheits-Stolz von 2006, unser Sommermärchen? Endlich konnte man die Nazi Vergangenheit hinter sich lassen und die Flaggen hissen, so ganz ohne schlechtes Gefühl in der Magengrube?

Und nun sollen wir ebenfalls die Schotten dicht machen, am liebsten einmal quer durchs Land. Ich bin ja kein Rassist, aber… Ich mache auch vor meinen eigenen Landsleuten keinen Halt? Ohje. Die Begründung ist simpel und liegt wie immer in der Vergangenheit. Damals, ja genau das damals, als das Brot noch zehn Pfennig gekostet hat. Da haben die Flüchtlinge aus Polen und Tschechien noch mit angepackt, statts tausende Euros vom Staat zu bekommen. Das war nach dem Krieg, als es noch Aufschwung und Hoffnung gab. Nie wieder, hat man sich geschworen, nie wieder würde es so etwas geben! Und dann kamen nach dem Mauerfall die Flüchtlinge aus dem Osten. Die Wirtschaft war am Boden, die Rentenkassen sind nun leer. Und was ist nun? Im Osten sind sie alle arbeitslos. Erzählt man sich zumindest.

Verständlich, dass nun die Angst vor der Flüchtlingsflut stetig weiter wächst. Was soll nur werden, wenn die alle ihre Familien nach ordern? Die werden bestimmt nie mehr gehen, unsere Gastarbeiter von nach dem Krieg sind ja schließlich auch noch alle da! Ich sage, Mut zur Zukunft, wir brauchen immerhin mehr Kinder, denn wer zahlt sonst die Rente? Aus pädagogischer Sicht kann dies durchaus eine Bereicherung sein. Festgefahrene Strukturen lockern sich vielleicht auf und wer antike Möbel mit Popart kombiniert, der braucht keine Angst vor Kopftuch mit Sauerkraut haben. Und wenn schon ein studierter Diplom Ingenieur Angst haben muss, dass jemand ohne Sprachkenntnisse und ohne jeden blassen Schimmer ihm den Job weggenehmen könnte, was sagt das über unser Bildungssystem aus? Alles für die Katz! Wird auf jeden Fall Zeit, dass sich was dreht. Und damit meine ich nicht nur den Ball bei der nächsten WM. Wenn wir alle zusammen legen, können wir die uns nämlich erkaufen. Jeder in Deutschland gibt zwei Euro, Problem gelöst. WM 2018 in Berlin, die Welt blickt auf Deutschland, welches erneut in schwarz rot gold erblüht. Menschen jeder Hautfarbe liegen sich in den Armen und fühlen sich zutiefst verbunden miteinander, denn ihre Mannschaft hat gesiegt. Das wahre Sommermärchen.

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