Bad Habits: Selbstkritik, Neurosen und ein idiotensicherer Datingtip

Wer kennt das nicht: Schlechte Angewohnheiten, verrückte Ticks oder einfach nur eine hässliche Macke, die wir vor anderen versuchen, geheim zu halten. Jeder hat irgendein Manko, etwas, was man an sich selbst nicht leiden kann. Manche können nicht hinreichend mit Geld umgehen, wieder andere ziehen sich nach Mitternacht am Kühlschrank Pudding rein, ein paar können die Finger nicht vom Schnaps oder den Drogen lassen. Es gibt aber andere, nicht ganz so offensichtliche Missstände in uns, wie zum Beispiel Selbstkomplexe, oder eine neurotische Störung, die das Zusammenleben mit anderen Unmöglich macht. Stellt euch beispielsweise mal vor, in eurer Wohnung haust ein schlecht gelaunter Mitmensch mit verkappten, passiv-aggressiven Ansichten. Wie ein Geist, der mit seinem verborgenem Hass auf sämtliche Kreaturen dieses Planeten das wohl behütete Feng Shui verpestet. Ich glaube, jeder hat so ein Beispiel in seinem Leben. Wie die christliche Freundin, die früher super gerne feiern gegangen ist mit euch. Und nun kommt sie nur noch mit, um Vorträge über die Gefahren des Alkohols und des Rauchens zu halten. Die dauer-mies gelaunte Exfreundin, deren bloße Anwesenheit jede Küchenparty gesprengt hat.

Das Erstaunliche daran, so scheint es zu mindest mir: Diesen Leuten ist diese Tatsache entweder nicht bewusst, oder wohl bewusst und wird zu Recht mit der „so bin ich eben“ Phrase vertreten. Natürlich ist jeder Mensch, wie er nun mal ist. Von Grund auf gut oder schlecht. Na ja, ganz so einfach ist es dann doch nicht. Dazwischen liegt ein weites Spannungsfeld und immer wieder kracht es gewaltig. Menschen sind wie Wolken, manchmal kommt Hagel dabei raus, manchmal Hurricane Kathrina. Und das in einer Zeit von ständigen Selbstverbesserungstrips. Gesundheitswahn und ja, es ist wieder diese schöne Jahreszeit, da frohlockt die Werbung mit Sport-Guru Internetseiten und Apps, tollen Programmen, um sich nächstes Jahr nicht wie ein aufgeblähtes Schwein im Frauenkostüm zu fühlen. Tolle intelligente Uhren sorgen dafür, uns rechtzeitig ins Bett zu schicken und den eigenen Konsum peinlich genau im Blick zu halten. Das ist ja auch alles schön und gut. Aber wie wäre es denn, wenn es eine App gäbe, die Alarm schlägt, wenn wir uns verhalten wie ein Arschloch? Es gibt gesellschaftliche Konventionen, die unumgänglich sind. Dann gibt es kulturell unterschiedliche Parameter für den Spannungsbogen zwischen netter Mensch und neurotischer riesen Arsch. In einer Welt voller Selbstverbesserung, warum zählt das Miteinander nicht mehr? Es wäre wahrlich viel einfacher, wenn man ganz alleine leben würde. Ich meine, wirklich ganz alleine. In gewissem Maße tun wir das sogar. Wir leben in unserer eigenen Welt und es war nie so einfach wie heute, sich abzuschotten. Emotional, gesellschaftlich, sexuell. Wie auch immer. Das Smartphone ist immer mit dabei und ich habe schon Leute Zuhause gesehen, die sich lieber Nachrichten geschrieben haben, als echte Kommunikation zu führen. Vielleicht ist das der Grund, warum viele Menschen nicht mehr wissen, wie man sich in Gesellschaft verhält?

Wenn auf alles „So bin ich eben“ die Antwort ist, ist das dann gesunder Narzimus, oder Kritikresistenz. Und wer definiert überhaupt, was bei anderen ein Fehler ist und was nicht? Der Punkt, bei dem es in Beziehungen immer recht spannend wird, ist die erste Phase des Zusammenlebens. Man möchte ehrlich sein, aber die verrückten Eigenschaften nicht ans Tageslicht zerren. Was für den einen normal ist, ist für alle anderen vielleicht  ein Dealbreaker. Eine Freundin hat einmal gesagt, in Beziehungen müsse man sehr schnell zusammen ziehen, damit man sieht, ob es wirklich klappt. Unsinn oder nicht? Stellt euch mal den Anfangsalptraum einer gemeinsam bewohnten Ein- oder Zweiraumwohnung vor. Fußnägel auf dem Couchtisch, eine Toilette in Hörweite und absolut keinen Platz, um sich aus dem Weg zu gehen. Muss man sich denn aus dem Weg gehen?

Es gab da vor einiger Zeit einen klugen Artikel einer Zeitschrift, wie man sie im Wartezimmer in der Notaufnahme findet. Abgegriffen, veraltet und absolut nutzlos. Darin stand, dass es hilfreich wäre, die guten von den schlechten Partnern zu trennen, wenn man beim allerersten Kennenlernen gnadenlos ehrlich sei. Zuhause solle man einfach einen Katalog mit allen positiven und negativen Eigenschaften erstellen. „Schön, dass wir uns mal treffen. Bevor du was sagst, lies dir das mal durch. Hier, Abschnitt C, ich habe Blähungen und esse nur rote Früchte.“ Könnte durchaus interessant sein. Man kann diesen „Flyer“ auch an potenzielle Kanditaten versenden, wer sich daraufhin meldet, mit dem zieht man dann zusammen. Peng, es kann so einfach sein, wenn man ein bisschen kreativ ist!

Nur nicht so nüchtern… Ähm, schüchtern.

Vielleicht muss man aber auch gar nicht all seine neurotischen und bescheuerten Eigenheiten aufgeben, die wir verzweifelt seit dem ersten Date zu verstecken versuchen. Wir können sie auch einfach ein Zimmer weiter ausleben.

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