Über Helden und Anhedonie, oder: Der Mensch, der zur Ziege wurde

Herzlich willkommen in der Blüte deiner Jahre, die du damit zubringst, zu überlegen, ob du die Kippe aus dem Fenster schmeißt, oder doch in den Kaffeebecher aschst. Herzlich willkommen in einer Welt voller Freude und Glück, bei der du am Rande stehst und dir wünschst, du wärst nicht hier. Herzlich willkommen in deiner Welt, in der nicht einmal du mehr das Zentrum der Mitte bist. Du weißt nicht, was ich meine? Oh, ich denke doch. Du weißt ganz genau, was ich meine. Hast du dich jemals gefragt, warum alle anderen um dich herum lachen und du nicht? Vielleicht lachen sie über dich, wer weiß. Es ist auch verdammt gut möglich, dass deine Mutter in Wahrheit stolz auf dich ist. Sie wird es dir nie sagen, dafür aber den Nachbarn. Dir sagt  sie nur, dass es bei dir läuft. Weil du dick geworden bist. Womöglich, weil sie nichts besseres zu tun hat, als dich zu kritisieren. Immerhin kritisieren wir ständig, manche schreien während eines Livespiels den Fernseher an, in der innigen Überzeugung, sie können es tausend Mal besser. Sowieso, man kann alles besser und schöner, als die anderen, es sieht nur keiner, weil wir nun mal nicht die anderen sind. Man kann anderen so viele super tolle Ratschläge geben, so obskur deren Situation auch sein mag: Von außen hat man voll den Durchblick! Bei einer Umfrage, ob man sich selbst für intelligenter als den Rest hält, antworteten erstaunliche 86 Prozent mit ja. Dabei liegen die Männer mit den Frauen gleich auf. Arroganz ist also keine Sache des „Genders“, sondern sie scheint eine nervige und absolut natürliche Angewohnheit zu sein. Wenn man also intelligenter ist, als der Rest, dann steht man bekanntlich über den Dingen und doch haut es mich immer wieder um, wie kniffelig zwischenmenschliche Beziehungen doch sind. Es sind die kleinen Dinge, manchmal reicht ein Haar aus, um die gesamte Existenz zu bedrohen. Wie? Indem man mit dem falschen Partner zusammen zieht und die Liebe implodiert wie ein alter Röhrenbildschirm nach jahrelangem Dauergebrauch.

Gibt es überhaupt den/die falsche/n Partner/in? Immerhin sieben wir unbewusst automatisch aus, was den Markt beträchtlich einschränkt. Teilweise auch im völligen Bewusstsein: Kevin mag ich nicht, der hat als Kind immer seine Popel gegessen. Dann gibt es noch die Kriterien, auf die man nun mal steht und seien wir mal ehrlich, auch wenn es oberflächlich ist, die Welt ist oberflächlich und hässlich. Ein Freund von mir meint, dass religiöse Paare bedachter an Beziehungen und an die Ehe heran gehen, als nicht religiöse Menschen. Die Heiden mal wieder… Aber er hat Recht, in deren Glauben gibt es keine Scheidung und Zitat „wo andere Paare schreiend vor einander wegrennen, fängt bei denen die Sache richtig an.“ Da wird an Problemen noch gearbeitet und überhaupt muss man sich schon verdammt sicher sein. Denn schließlich scheidet erst der Tod die Eheleute. Ich frage mich, ob Menschen vor dem Altar das richtig ernst nehmen. Nicht die religiösen, die Otto-Normalverbraucher, die da einkaufen, wo es billiger ist. Leute mit Durchblick und Plan. Sollte man meinen, aber warum ist die Scheidungsrate so hoch? Das macht doch alles keinen Spaß mehr, wenn man jederzeit jemand neues finden kann. Es muss ja niemand sein, den man bis zum Dahinscheiden ertragen muss, es kann einfach nur eine gute Zeit sein, die man verbringt. Aber war es dann schon alles?

Interessanterweise sind es immer die Menschen, die entweder mitten in einer Existenzkrise stecken, oder Menschen, die sie durchgestanden haben, die aufhören, sich das zu fragen.

War es schon was? Der Job, das Haus? Im Leben gibt es keine Bonuspunkte, die man sammeln kann, wenn man irgendeinen Meilenstein erreicht hat. Es gibt keine Prämie. Für Konsumverhalten schon, aber nicht für das, was man „leben“ nennt.

Da wird ein Unterschied gemacht, es gibt das Leben und es gibt am Leben sein. Das Leben führt man und am Leben ist man, oder man ist es nicht. Ende der Geschichte. Ich möchte gar nicht wissen (da ich die Antwort eigentlich kenne), wie viel Zeit wir alle mit bedauern verbringen und ich würde sagen, dass schlechte Dinge uns nachhaltiger im Gedächtnis bleiben, als die guten. Freude. Falsche Freude erkennst du daran, dass sie ca. 3 mal so lange andauert, wie echte Freude. Denn ein echtes sich freuen ist ein kurzes Aufblitzen, vielleicht ein wild herumhüpfen oder um den Hals fallen. Falsche Freude hingegen ist das langgezogene Lächeln und das wiederholen von „ist ja toll für dich“, so lange, bis es alle gehört haben. Verhält es sich dann vielleicht mit echter Liebe ähnlich? Sagen manche Menschen deshalb so oft „ich liebe dich“, damit sie es am Ende selbst glauben? Die meisten Leute glauben, wenn sie nur einen Tag ehrlich wären, hätten sie niemanden mehr und die Beziehung würde wahrscheinlich kaputt gehen, wenn das Gegenüber alles wüsste. Das ist eben das Traurige, heutzutage basiert alles auf Lügen und selbst die Geschichte ist eine Aneinanderreihung von Lügen, auf die man sich geeinigt hat. Schon Babys lügen, sie täuschen Hunger vor, um Aufmerksamkeit zu bekommen, weil sie gelernt haben, dass ihre Aktion eine befriedigende Reaktion auslöst. Das nennt man Selbstwirksamkeit. Im Prinzip kommen wir als Lügner auf die Welt, es liegt in unserer DNA. Aber kommen wir auch unzufrieden auf die Welt? Ist die Unzufriedenheit der Grund, warum wir lügen, um zu bekommen, was wir wollen? Es heißt, alte Menschen sind die glücklichsten. Warum: Weil sie den ganzen Scheiß hinter sich haben. Sie haben gelernt, dass es besser ist, einen Scheiß auf sonst was zu geben und konzentrieren sich darauf, ihr Leben mit Leben zu füllen. Man erkennt im Laufe der Zeit viele Dinge und erkennt ihnen vielleicht auch die Bedeutung wieder ab, die sie für einen einst hatten. Entscheidungen zu treffen ist nie einfach, vor allem nicht, wenn es Menschen da draußen gibt, die sich entschieden haben, als Ziege zu leben. Manche nehmen das „du kannst alles werden, was du willst“ erschreckend ernst. Vielleicht haben diese Menschen auch einfach die Schnauze voll von der Anhedonie, der Unfähigkeit, Freude zu empfinden. Das sind dann echte Helden: Sie haben den Kampf besiegt, indem sie eingesehen haben, dass es gar keinen Kampf gibt. Freude am Menschsein. An der Liebe. An den eigenen Entscheidungen oder denen anderer, die unser Leben nachhaltig verändern können, ohne dass wir selbst überhaupt ein Wort gesagt haben.

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