Über Freundschaft und das Trauma unserer Generation

Wir alle kennen das Gefühl, einsam und verloren zu sein. Die einen mehr, die anderen weniger. Wie oft haben wir uns schon mit Gesellschaft umgeben, die wir gar nicht schätzen, um uns weniger isoliert zu fühlen. Wir reden uns ein, dass alles, was wir tun auch gut so ist.

Das Besäufnis am Wochenende, die Drogeneskapaden der Jugend oder die Beziehung, die wir führen, um wenigstens eine Konstante im Leben zu haben. Wir klammern uns alle an etwas, manche suchen die Antwort am Grund einer Flasche, wieder andere ergründen die weite Welt mit einem Rucksack und einem zuversichtlichen Lachen und verewigen sich in den weiten des Internets mit Selfies am Strand von irgendwo. Auf der Suche nach Antworten und nach Sicherheit bestreiten manche Menschen die seltsamsten Wege und es ist bilogisch begründbar, warum wir nicht alleine sein können. Es heißt, alles was du tust, sei nicht legendär, wenn nicht wenigstens ein Freund dabei war. Nur dann scheinen deine glorreichsten Momente auch real zu werden. Als bräuchte man einen Beweis für seine Existenz oder nur eine Form von Bestätigung. Wahrnehmung ist Wirklichkeit und es ist nicht verwunderlich, dass der Spiegel deiner Umwelt deine Persönlichkeit nachhaltig prägt. Wie du dich selbst siehst ist nur das Endprodukt unserer Gesellschaft. Vielleicht findest du dich zu fett, weil du nicht in Size Zero passt oder du fühlst dich ausgeschlossen und deiner Möglichkeiten beraubt, weil du nicht dieses wundervolle Leben führen kannst, was dir in Film und Fernsehen vorgelebt wird.

Wenn dir zwei Personen sagen, dass du ein Alkoholproblem hast, wirst du vermutlich Lächeln und da weiter machen, wo du aufgehört hast. Aber wenn die ganze Welt dir sagt, dass es so ist? Wer kennt es nicht, dass man sich manchmal wie der letzte Verlierer fühlt und alle anderen es ach so besser auf die Reihe bekommen, als man selbst? Wie gut, dass man seine Freunde hat, die es womöglich auch nicht viel weiter gebracht haben. Auch sie sind unverheiratet und wahrscheinlich genauso verrückt wie du. Und in diesem kleinen Kreis fühlen wir uns wohl, alles andere scheint fremd und weit weg. Es ist schwer, sich vorszustellen, wie all die Fremden da draußen ihr Leben gestalten und manchmal sind auch Entscheidungen von langjährigen besten Freunden kaum für einen persönlich nachvollziehbar. Man soll sich auch nicht mit anderen vergleichen, weder, um zu bedauern, was man nicht hat, noch um zu legitimatisieren, was man nicht sein sollte. RTL sollte keine Sproße auf der Messlatte sein, nur um sich einen kurzen Moment zu bejubeln, dass es so schlimm nun auch wieder nicht ist.

Am Ende hängt es davon ab, von wem wir uns spiegeln lassen wollen und von wem nicht. Welches projizierte Selbstbild am Ende zählt und welches nicht. Es ist alles eine Frage, die vom eigenen Kopf abhängt. Es ist heutzutage nicht so einfach, herauszufinden, wer man ist. Vor allem nicht dann, wenn es Millionen Variablen gibt, von denen wir von Geburt an betroffen sind, oder eben nicht. Am Anfang steht die Frage, wer man eines Tages sein möchte. Als Kind wird man gefragt, was man mal werden möchte, wenn man groß ist. Das ist der Grundstock und spätestens mit 16 sollte man eine grobe Richtung im Kopf haben. Die Jugend ist so kurz, wenn man bedenkt, wie lange unser Leben sein kann. Ist man so jung überhaupt in der Lage, sich einen Beruf auszusuchen, der einem im besten Falle sicher bis zur Rente durchbringt? Meiner Meinung nach ist es verdammt schwierig, da das Gehirn sich alle sieben Jahre sowieso umprogrammiert. Synapsen werden neu gebildet, verlegt oder sterben ab. Man kann also keinen konstanten Weg fahren, wenn man selbst nicht konstant ist. Aber irgendetwas beständiges brauchen wir alle.

Eine Struktur oder einen Plan, an dem wir uns festhalten, um nicht verloren zu gehen. Und wir sind alle geprägt und gezeichnet von Brüchen. Wenn ich mir überlege, dass Deutschland bei meiner Geburt noch geteilt war und meine Mutter unter Sichel und Hammer groß geworden ist, staune ich nicht schlecht. Während manche unserer Vorfahren unter Hitler marschiert sind, werden Kinder heute in das digitale Neuzeitalter hineingeboren. Wir haben keine Ahnung, was in zehn Jahren sein wird und das ist das große Trauma. Wir werden mit veraltetem Wissen erzogen, das Ziel soll ein mündiger und unabhängiger Mensch sein, der in der Lage ist, diese Welt weiter zu tragen. Und doch sind wir abhängiger denn je.  Abhängig vom W-Lan, guter Laune und Cocktails. Beständige und gute Beziehungen sind für ein glückliches Leben unablässlich und ist es nicht schade, dass man digital innerhalb von Sekunden abserviert werden kann? Nummer blockieren, Account sperren und dann ist man plötzlich unsichtbar in einer Welt der überfluteten Durchsichtigkeit. Mit Nichtachtung gestraft werden ist schlimmer als jede Beleidigung, denn es wird immer eine Frage unbeantwortet bleiben: Warum?

Wir sind Generation Y: Generation Warum. Warum arbeiten gehen, einfach gar nicht mehr auftauchen und das nicht Erscheinen für sich sprechen lassen. Warum eine Beziehung eingehen, wenn man im Internet unzählige willige Menschen findet, die scheinbar keine moralischen Standards mehr haben? Warum sich mit etwas zufrieden geben, was austauschbar geworden ist. Ich habe selbst mehrfach miterlebt, wie gute Freundschaften auf Eis gelegt und Menschen sogar aus Profilbildern weg retuschiert worden sind. Einfach so. Und es geht so erschreckend einfach. Die Antwort war neben wochenlangem nicht Antworten: So ist es eben. Mit der Globalisierung kamen abertausende neuer Möglichkeiten und auch wenn wir zum Glück unter keinem Krieg in diesem Sinne leiden müssen, so ist es zum selbsterklärten Krieg geworden, gegen die Austauschbarkeit anzukämpfen, die über uns allen schwebt, wie ein großes Schwert.

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