Wie wir wurden, was wir sind: Die Ironie der Sozialisation

Ganz oft, und wer kennt das nicht, frage ich mich schon, wie man so geworden ist, was man im Moment für andere oder sich selbst darstellt. Die berühmten Fragen: Wo kommen wir her, wer sind wir denn und wo gehen wir hin. Es gibt ganz oft Tage, da weiß man eigentlich gar nicht, was oder wer man ist. Man ist nicht so recht ein Teil vom Großen und Ganzen, gehört aber irgendwie schon dazu. Immerhin ist man Arbeitnehmer/geber, Kollege, Freund, Feind, Partner, Mutter, Vater, Tochter […] und was immer einem im Moment so einfällt, was man glaubt, zu sein. Ich musste mal eine Mindmap zum Thema “Rollen innerhalb meines Umfelds” erstellen und ich kam auf ganz schön viele. Also, wer einmal sinnvolle Prokrastination betreiben möchte, kann das gerne auch mal ausprobieren.

Vielleicht reicht auch schon der Wunsch, etwas zu sein, aus um etwas Derartiges auszustrahlen; aber schauen wir mal hinter die Maske des Vortäuschens und stellen uns die Frage: Was sind wir? Schon klar, Menschen, aber was für welche?

Es ist ja so, rein statistisch gesehen ist jeder Raucher, der stirbt, egal woran, ein toter Raucher. Wird man da nur als Raucher gesehen? Egal woran du gestorben bist, du bist ein Raucher gewesen. Jeder kennt diese Polizeimeldung: Ein Fahrradfahrer kam in irgendeiner Nacht zum… ums Leben. Es ist ein toter Fahrradfahrer, nicht Max Mustermann. (Und überhaupt, wer ist dieser ominöse Max Mustermann?!) Zum Todeszeitpunkt wird man auf das reduziert, was man zuletzt gewesen ist. Man wird zu einem Mann oder zu einer Frau, der irgendetwas widerfahren ist. „Frau am Bahnhof überfallen“. Also, ob nun tot oder lebendig, in der Zeitung verliert man seinen Namen und seine Persönlichkeit. Aber nicht nur da: Im Supermarkt sind wir schließlich auch nur Kunden. Aber Kunde ist König, also besteht noch Hoffnung auf den sozialen Aufstieg, wenn ich nur genug konsumiere. Und wer nicht konsumieren kann oder will?

Wer nicht das neueste Auto fährt, dem mangelt es offensichtlich an Geld, das bedeutet wahrscheinlich Armut und somit ganz unten am Boden der westlichen Hierarchie. Ein namenloser Kunde geht zum Konsumieren raus und wird somit zum König. Nur schade, dass wir in der Servicewüste Deutschland leben. „Der Kellner war wirklich unverschämt“ und die „Kassiererin wäre fast eingeschlafen“. Die Grenze vom Individuum zur namenlosen Bezeichnung der Tätigkeit verschwimmt, wenn wir den Namen der betreffenden Person nicht kennen. Beschreibt man eine Person, dann tauchen die W Fragen auf: Wer ist das (Name, Alter, ist genau wie du mit Max Mustermann befreundet), wie sieht die Person aus, was tut sie (hier gemeint ist was tut sie für ihren Lebensunterhalt), wo wohnt sie… Aber nicht “wie” ist sie, denn man hat schon ein grobes Bild vor Augen. Aber da ist die Evolution schuld, wir müssen innerhalb von Sekunden entscheiden, ob Gefahr droht oder nicht.

Also muss alles innerlich interpretiert und bewertet werden, kann man sich riechen oder nicht? Kann ich mit dieser Personenbeschreibung persönlich Sympathie aufbauen oder drücke ich XY einen Stempel auf? Kategorien, Normen und Vorschriften, so weit das Auge reicht. Ein Leben zwischen Karriereleiter und Stimmungsbarometer. Es wurde sogar versucht, zu messen, wie glücklich verschiedene Länder sind. Und es sind bestimmt nicht die Reichen, die besonders zufrieden sind. Ich denke das liegt zum Großteil daran, dass man uns grenzenlos wachsenden Wohlstand versprochen hat. Es wird uns immer noch besser gehen, wartet es nur ab. Das wurde mir schon früh in der Kindheit eingebläut: Du sollst mal mehr Möglichkeiten haben, als ich. Und die haben wir auch: Viele Arten, Schulden zu machen, tausend Möglichkeiten aus Milliarden von Dingen etwas zu finden, was uns glücklich macht und doppelt so viele, um an unserem eigenen Wohlstand langsam zu ersticken. Mit dem Wandel der Gesellschaft und den vielen Problemen da draußen ändern sich auch die Ziele und Prioritäten. Doch es ändert sich alles immer schneller und sobald man einmal seinen Sozialisationsprozess abgeschlossen hat und sich als aufgeklärter und mündiger Mensch fühlen sollte merkt man, dass man nie fertig wird. Und dann bleibt die eigene Individualisierung auf der Strecke und wir kommen zurück auf die Frage, wie wir so geworden sind, wie wir heute sind. Nach der ersten Identitätsfindungskrise in der Jugend kommt man oft sofort ins Berufsleben oder entscheidet sich für einen Studiengang und muss erst mal sehen, wie man klar kommt.

Sei wie eine Maschine: Immer zu noch mehr Leistung bereit und unzerstörbar, denn wenn du es nicht bist, dann wirst du wirklich von einer Maschine ersetzt. Der Druck wird immer größer und ein bisschen ist es wie “Reise nach Jerusalem”, denn die guten Plätze werden immer weniger. Obwohl es uns eigentlich an gar nichts fehlt, erlebe ich bei so vielen Leuten immer wieder Existenzangst. Als würden sie fürchten, dass ihr Leben in Gefahr wäre. Ellenbogengesellschaft, der moderne Bürgerkrieg. Das sind die Rahmenbedingungen, in denen wir Leben müssen und so richtig glücklich ist keiner. Ist da etwas schief gelaufen? Wie konnten wir nur so unglücklich und unsicher werden, was die Zukunft wohl bringen mag.

Also, nochmal auf Anfang: Wie man geworden ist, was man ist. Irgendwer oder irgendwas hat uns zu dem gemacht. Kann man dann der Generation vor uns die Schuld geben, dass unsere Bedingungen heute so fragil sind? Die Richtung, in die man gezogen wurde, ist das Resultat der vorherigen Richtung, in die zuvor gezogen wurde. Erst wird man von klein auf sozial gemacht, dann wird man sozial und erwirbt kulturelle Basisfähigkeiten und dann wird man im Zusammenhang mit den anderen Prozessen zu einem einzigartigen Individuum. Mündig, verantworungsbewusst, demokratisch und frei, sein Leben individuell zu gestalten. So zumindest wird der Begriff „Erziehung“ definiert. Aber es spielen noch weitere Faktoren mit, wie wir letztendlich werden. Unsere Umgebung, das System und unsere Veranlagungen, Interessen und Fähigkeiten. Aber wer hat all das erschaffen? Und nach Freiheit klingt das auch nicht wirklich, wenn man sich seinen Platz im Leben erkämpfen muss.

Was also bringt einem das “Sozialsein”, wenn man gar nicht die volle Befriedigung der eigenen Bedürfnisse zu spüren bekommt. Denn wurde uns nicht das vorgelebt: Als gäb’s kein Morgen mehr. Und genau das ist die Ironie, Sozialwerden in einem System, das auf gegenseitiger Ausbeutung beruht. Jeder ist sich selbst der Nächste. Wird man also sozial, das heißt fähig, in einer Gesellschaft zu leben, um dann asozial zu werden, nur um sich selbst den eigenen Vorteil zu verschaffen, weil es ja jeder so macht und schon immer gemacht hat? Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott.

Nein. Man hat immerhin die Wahl, ob man ein guter Mensch sein möchte oder eben nur ein Mensch, der ganz normal denkt. Da wären wir wieder bei dem Thema Kategorie. Wer bestimmt unsere Normen und Werte, die ebenfalls dazu beitragen, was letztendlich aus uns wird. Was ist gut und was ist böse? Jeder hat die Wahl: Mache ich da mit oder nicht. Gehe ich meinen eigenen Weg und zieh mein Ding durch oder passe ich mich an. Macht es mir etwas aus, was die anderen sagen oder nicht? Generation warum; warum soll ich dafür denn arbeiten gehen und warum bitteschön soll ich mich nicht da raus halten? Immerhin ist es nicht meine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist. Es wäre nur meine Schuld, wenn sie so bleibt, sagte schon Farin Urlaub und Kraftklub sagen es ebenfalls treffend: Ich ziehe in den Krieg, aber keiner zieht mit. Den Krieg gegen die unsinnige Depression, der sich viele nicht stellen wollen, die eines schönen Tages kommen und uns holen wird.

Wie eingeschränkt oder wie frei sind wir in unserer Persönlichkeitsentfaltung heutzutage wirklich? Immerhin hat man heute nicht mal mehr die uneingeschränkte Wahl, ob man eine Familie gründen möchte, oder nicht. Das wird bestimmt vom Nettoeinkommen und zu berücksichtigen ist außerdem, dass Kinder das Armutsrisiko erhöhen. Bleibt die Frau Zuhause, verringert sich das Einkommen und Abzug in der Rente gibt es auch noch. Immer das leidige Thema Rente… Apropos Rente. Wer zahlt uns später eigentlich die Rente, wenn wir auf Kinder verzichtet haben, um fleißig Karriere zu machen, damit wir beruhigt in den Ruhestand gehen können…?

Was kann man zusammenfassend sagen über unsere Sozialisation: Sie ist das Produkt unserer Geschichte und den Erfahrungen, die sich daraus ergeben haben, die an die nächste Generation weitergegeben wird. Ein Teilwerden mit dem Teilgewordenem, eine Basis für die Individualisierung eines jeden Menschen. Im Rahmen dessen, was möglich ist und eines Tages möglich sein könnten werde. Es liegt an uns.

Denn das Schöne daran ist, die Kultur und das System prägt uns nicht nur stumpf wie kleine Münzen, denn auch wir prägen das, was uns allgegenwärtig umgibt. Also, macht euch das ruhig einmal bewusst: Die Welt ist nichts als eine Wechselwirkung zwischen Milliarden Individuen und deren Umfeld. Bleibt nur noch zu klären, was für ein Individuum wir sein wollen, abgesehen vom Namen und Sozialstatus.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s