„Krieg deinen Scheiß auf die Reihe!“ Warum die anderen auch nicht besser sind: Eine Satire

Hast du dich jemals gefragt, warum du dich selbst immer nieder machst? Oder wie du an deine Freunde geraten bist? Suchst du das Abenteuer auf dem Grund deiner Flasche, oder auf dem Boden deiner neuen Ikea Salatschüssel?

Es heißt, jeder Mensch hat 3 Stimmen: Die Stimme, die alle anderen hören, wenn du sprichst. Die Stimme, die du selbst hörst, wenn du sprichst. Und die Stimme, die nur du alleine in deinem Kopf hören kannst. Dieser Tatsache muss man sich erst einmal bewusst werden, du wirst niemals hören können, wie deine Stimme tatsächlich auf andere wirkt. Es ist sogar so, dass man jedes Mal erschrickt, wenn man seine Stimme auf einer Aufnahme hört. Man fragt sich besorgt: Klinge ich wirklich so (schrecklich)?

Nein.

Denn in Wahrheit ist es so, dass man sich selbst verzerrt und prozentual schlechter, wenn nicht gar beschissener wahrnimmt, als es der Fall ist. Ein Beispiel: Du selbst kennst dein Gesicht am besten, du kennst es an guten Tagen und wahrscheinlich auch um 5 Uhr morgens völlig benebelt in der grellen Beleuchtung einer versifften Clubtoilette. Du weißt, wie du aussiehst, wenn du krank bist und du fühlst dich selbst manchmal so unbeschreiblich sexy, dass der Narzissmus förmlich weh tut. Leider immer kurz vor dem Zubettgehen, wenn keiner deiner Freunde mehr ausgehen will und du morgen früh wieder ran an den Speck musst. Also zuckst du gelangweilt mit den Schultern und gehst ins Bett. Aber wenn du dann ein Date hast oder Passfotos anstehen denkst du angewidert „Oh mein Gott“ und schmierst eine weitere Schicht Make Up auf die vermeintlichen Unreinheiten, zuckst verzweifelt mit den Schultern und verlässt den Kopf gesenkt das Haus. Oft ist es dann so, wenn man sich gänzlich unschön fühlt, mag man anderen Menschen nicht in die Augen schauen und hält paranoid Ausschau nach einem Spiegel. Autofenster, Spiegel in Waschräumen oder ein verstohlener Blick auf das Handydisplay. Angeblich sei das Quatsch, da andere einen um sagenhafte 40 % attraktiver wahrnehmen, als man sich selbst. Eben weil man seine alte Visage täglich ungeschönt in jeder Lebenslage zu sehen bekommt.

Verwunderlich wiederum, dass alle anderen konstant hübsch oder auch nicht erscheinen. Bei Wind und Wetter, fast wie bei 3 Wetter Taft. Wie kann das sein? Wenn man 24/7 in der eigenen Haut feststeckt, dann wird man unweigerlich zu seinem schärfsten Kritiker. Ob es nun die äußerliche Erscheinung in Form von einem absolut bezaubernden Outfit, oder ob es die finanzielle Bilanz am Jahresende ist, der Vergleich ist immer da. Und ohne Vergleiche gäbe es keinen Maßstab, ohne den es keine Leistungen gäbe. Und wir Deutschen stehen ja irgendwie drauf. Man fragt sich von klein auf, warum entweder alle anderen besser oder schlechter sind. In letzterem Fall bist du entweder ein arrogantes Arschloch oder ein echtes Genie, das mit dreißig spätestens alles erreicht hat. Dann Chapeau! Mich hat oft die Frage beschäftigt, ob es nur an mir liegt, oder ob wirklich alle anderen ihren Scheiß auf die Reihe bekommen.

„Alle machen was sie soll’n und alle machen’s richtig, alle machen was sie woll’n, alle nur ich nicht.“

Meine Facebook-Freunde heiraten, bauen Häuser, bekommen Kinder oder sind die reinsten Worcaholics und ich ziehe an Türen, auf denen in Großbuchstaben DRÜCKEN steht. Es gibt sogar einige, die zur Volljährigkeit nicht nur ein Auto, sondern auch noch einen Bauplatz bekommen haben. Es ist wie die Schwaben es sagen, schaffe schaffe, Häusle baue. Oder zumindest so tun, als ob. Natürlich geht jeder arbeiten (okay, nicht jeder, aber das ist eine andere Baustelle), aber die Ziele variieren. Früher hatte man ganz klassisch das Eigenheim, ein neues Auto, der Jahresurlaub auf Kreta und die Rücklagen für später und die Kinder im Sinne. Heutzutage kenne ich sogar ein paar Leute, die es sich nicht leisten können, zu arbeiten. Klingt völlig unlogisch? Nicht so ganz. Während jemand, der vom Staat Geld bezieht sich in der Regel über den Standard keine Sorgen machen muss (Wohnung, Krankenversicherung etc), sieht es in einigen Branchen nicht gerade rosig aus. Ich kenne Krankenpfleger, die wieder in das Elternhaus zurückziehen mussten, um wenigstens halbwegs klar zu kommen.

Und nun zu denen, die scheinbar alles auf die Reihe bekommen und dümmlich grinsend dem wahnsinnigen Feind namens Alltag erliegen. Alle Tassen stehen im Schrank, sie passen sogar zusammen und im Bad gibt es einen flauschigen Vorleger. Wer es premium mag, bietet seinen Gästen die eigens dafür vorgesehen, liebevoll bestickten Hausschuhe an. Diese Menschen abonnieren sogar Zeitschriften! Die Bücher sind nach Genre sortiert und jeden Samstag wird das Bad mit der Zahnbürste geschrubbt, bis die Schwarte kracht. Nachmittags wird eingekauft, die Nerven liegen blank weil komischerweise jeder von ihnen zu den Hauptstoßzeiten (12-14 & 16-18 Uhr) mit dem frisch polierten Wagen vorgefahren kommt. Wann denn auch sonst? Abends wird etwas Exotisches mit den neuen Nachbarn gekocht, weil das Abenteuer in den Adern pocht, wie das neue stupide Pop-Lieblingslied, das sie aus dem Radio kennen und beim Kochen mitsummen. Respektvoll bestaunen die neuen Nachbarn auf höchstem Höflichkeitsniveau die neue Küchenmaschine. Und so ziehen die Jahre ins Land, bis die Unruhe einen jeden Abend nervös macht. Es wird Zeit für eine Veränderung, also reißt die Mauer im Wohnzimmer nieder und macht das Eigenheim noch schöner! Es wird Zeit für mehr Esprit und Freiheit, also holt euch Feng Shui nach Hause. Nehmt eine Woche oder zwei Urlaub und gebt euch dem Samstagsalptraum namens Ikea hin. Warum denn auch eigentlich nicht und wer es ganz ausgeflippt mag, der versucht sein Glück auch Online wo man im Random-Modus blind vor Abenteuer seine Möbel zufällig auswählen kann. Natürlich soll jeder sich irgendwann erden und wer kennt ihn nicht, diesen einen Kerl der zwischen Musikinstrumenten auf einer Matratze haust und auf einen Kleinbus spart, um damit auf Tour zu gehen. Ja, der Stefan*, der noch jede Nacht zum Tag gemacht hat und der auch dann noch weiter trinkt, wenn alle schon nach Hause in die Fänge ihrer Frauen kriechen. Oder der Martin*, der einfach nur die Richtige finden muss, die auf Ewig seinen Jagdtrieb unterbinden wird. Wir alle kennen Menschen, die aus der Reihe tanzen, ganz gleich, in welcher Reihe man steht. Nach oben oder nach unten sind der soziologischen Vielfalt keine Grenzen gesetzt und so kann es schon mal passieren, dass man zum Kaffee bei Franz* eingeladen ist, dessen neuer Untermieter ein mehrfach verurteilter Sträfling ist, der nach seinem Entzug fröhlich summend für alle Socken zu Weihnachten strickt.

Dass wir jeden Menschen um uns herum kategorisieren, habe ich bereits beschrieben. Aber wie wir zu diesen Menschen kommen ist irgendwie rätselhaft. Warum gerät Anja* immer an diese komischen Männer, die ihr nach zwei romantischen Wochen im Stadtpark das Auto klauen? Warum sprechen ausgerechnet dich diese verschrobenen Gestalten im Stadtzentrum an? Strahlst du unbewusst genau das aus, was diese Leute magisch anzieht? Oft hat man das schleichende Gefühl, dass es doch wahr ist. Wenn es keine Existenzangst gäbe, gäbe es dafür auch kein Wort und es heißt ja, Nachbars Garten sei immer grüner. Was du nicht wissen kannst: Dein Nachbar ist ein Säufer, der seine Frau prügelt, nachdem er im Bordell sein Weihnachtsgeld verpulvert hat. Unsere Wahrnehmung ist so darauf geprägt, zu sehen, was wir nicht haben oder nicht sind und unter Garantie niemals sein werden. Denn die Wahrheit sieht so aus: Keiner kriegt jemals ganz seinen Scheiß auf die Reihe, der Trick ist einfach, so zu tun, als täte man es. Das, was du siehst ist eben nur die Spitze des Eisbergs und womöglich sind wir alle irre Soziopathen, ob alleinstehend oder mit dem Familienkleinbus vor dem Reihenhaus in der Vorstadt. Jeder hat seine Defizite, die sich wie ein Fehler im Strickmuster durch das ganze Leben ziehen. Die Geschichte neigt dazu, sich zu wiederholen. Auch in deinem Wohnzimmer, ob Ikea oder Sperrmüll. Es ist doch immer dieselbe Geschichte, die dich nachts wach hält und dir den Schweiß aus den Poren presst, wenn auch in einem anderen Farbton oder mit einer anderen Pointe. Das ist der Scheiß, den man auf die Reihe kriegen sollte und nicht was Anjas* Mutter denkt, was du tun solltest und ganz sicher nicht, was Film und Fernsehen uns vormachen. Fred Durst hat dazu folgende Idee: „Leben ist eine Lektion, du lernst sie, wenn du durch bist.“

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