Die Nein-Sager: Auf Konfrontation gegen die Veränderung und warum Selfies die Welt verändern können

Wir alle ärgern uns, ob berechtigt oder nicht. Über den Nachbarn mit seiner unfassbar lauten Musik. Muss es denn Schlager sein? Über online geführte Diskussionen am frühen Morgen und die unverschämte Unfähigkeit der anderen, einzusehen, dass man selbst Recht hat und die anderen nicht. Wir alle haben unsere Meinung und wollen diese auch vertreten dürfen. Das nennt man Meinungsfreihet. Wir alle haben unsere Ansichten, Geschmäcker und ein ästhetisches Befinden. Das dürfen wir auch alle, so weit ist das vollkommen in Ordnung. Kritsch wird es nur, wenn unser Weltbild mit einem anderen kollidiert. Wahrhaft ausgeglichene Menschen können es ertragen, dass Meinungen einfach nur Meinungen sind. Es ärgert uns alle, wenn unser Gegenüber auf seinen „Schwachsinn“ pocht und die Grenze zur Unsachlichkeit rückt immer näher, wie ein drohendes Unwetter nach einem heißen Sommertag. Unsachlichkeit ist in wie nie und das war schon in Kindertagen so: Wer am lautesten Schreit, bekommt, was er will. Warum Frauen so oft Diskussionen gewinnen ist nicht, weil ihre Argumente einfach stärker sind, sondern weil Männer irgendwann keine Lust mehr haben, sich darauf einzulassen. Und auch das ist nicht genug, ich will nicht nur gewinnen, ich will, dass der andere verliert. Und noch besser, das auch tatsächlich zu gibt. Es scheint, als wäre es manchmal unmöglich, einfach die Klappe zu halten und aus einer online gestarteten Diskussion kann schon mal schnell ein hitziges Duell aus Beleidigungen entstehen. Warum? Weil ICH das letzte Wort haben will, meine Argumente sind gut und deine sind invalid.

Wir neigen dazu, alles auf die Bühne der persönliche Ebene zu zerren, wie in einem dramatischen Theaterstück und dies vor dem bizarr emotionalen Gericht namens Beziehung auszufechten. Jedes Wort wird auf die Goldwaage gelegt. Unsere Wahrnehmung spielt dabei einen großen Faktor: Selektive Wahrnehmung. Unser Gehirn kann nur eine bestimmte Anzahl von Reizen auf einmal bearbeiten, daher filtert es gezielt Reize heraus, die unsere Wahrnehmung bestimmen. Bekanntes wird eher aufgenommen, als Unbekanntes. Deshalb sind Muster schwer zu durchbrechen, hat unser Gehirn sich einmal für eine Schiene entschieden, fahren wir diese Spur so lange, bis sie mit einem starken Reiz kollidiert. „Da prallen Welten aufeinander“ heißt es und wir schützen uns, indem wir die Arme verschränken und auf unseren Standpunkt beharren. Immerhin sind wir die Summe dessen, was wir gelernt und angenommen haben, für uns bewertet und als die Wirklichkeit akzeptiert. Es war ein langer Weg bis zu dieser Meinung, ob sie nun begründet ist oder nicht. Warum also meinen Posten verlassen und mich auf eine andere Wirklichkeit einlassen? Wir filtern also viel heraus, was uns persönlich völlig unbekannt ist. Aber Neues baut auf Altem auf. Wo noch keine Synapsen in diesem Bereich zu finden sind, da kann nichts anknüpfen. Wir wollen, dass Bekanntes sich bestätigt, wir sehen nur was wir sehen wollen und das ist biologisch und soziologisch tief begründet. Wir kategorisieren Menschen, um Gefahr einschätzen zu können. Oder um eine gemeinsame Ebene zu finden und Freundschaft zu schließen. Der erste Eindruck eines Menschen hält sich hartnäckig und wir werden nur auf die Punkte achten, die diesen bestätigen. Für alles andere sind wir zum größten Teil blind. Das muss man sich mal klar machen, wie 10 Sekunden eines ersten beschissenen Eindrucks den weiteren Verlauf mit Menschen bestimmt. Vielleicht hattest du an diesem Tag einfach schlechte Laune und warst deswegen pampig, weil dir jemand ins Auto gefahren ist. Andere nehmen dich als arrogantes Arschloch wahr. So, nun steckst du in einer Schublade fest und sobald du etwas äußert, dass dem Anfangsverdacht erhärtet, öffnet sich diese Schublade und ein Stigma klebt wie eine Art Post It auf deinem inneren Foto. „Hab ich es nicht gesagt, dieser Typ ist so ein Arschloch!“ Nur Schlagworte werden aus dem Kontext genommen, was du eigentlich gesagt hast, das bleibt vollkommen außen vor. Das nennt man den Pygmalion Effekt, oder Rosenthal Effekt. Besser bekannt als „selbsterfüllende Prophezeihung.“ Viel von dem negativ Erlebten wollten wir, wenn auch unbewusst leider genau so haben.

Wir sind alle so geprägt und auf irgendetwas fokusiert, dass wir die meiste Zeit für den Rest der Welt völlig blind sind. Das ist in der Umsetzung gerade in Politik stark zu spüren. Und wie soll Demokratie funktionieren, wenn man selber eigentlich gar nicht weiß, was man will? Es ist schwierig, in einer Welt zu leben, in der sich jeder offenbaren kann. Dank dem Internet gibt es zwar kleine Nischen, in die man sich einbetten kann, weil man sich selbst bereits als Freak abgestempelt hat, aber in der echten Welt ist das schwierig. Man kann den Menschen nur vor den Kopf schauen und oft stimmt das gesprochene Wort nicht mit dem eigentlich Gemeinten überein. Oder umgekehrt: Man glaubt, man wird verarscht. Wir sind permanent auf der Suche nach Bestätigung unserer persönlichen Wahrheit, dass es schon fast körperlich weh tut. Wir suchen die Nadel im Heuhaufen und sind permanent skeptisch. Überall lauern Verschwörungen und am Ende sind all diese Verschwörungen die wahre Verschwörung, uns von der Realität abzulenken. Am Ende bleibt uns dann nur noch übrig, die Welt intuitiv wahr zu nehmen und anderen einfach zu vertrauen. So viele Beziehungen scheitern an der permanenten Bestätigungssuche. Mit Absicht Eifersuchtsszenzen inszenieren oder einen Streit zu provozieren, um Recht zu bekommen. Recht in was? Dass niemand uns je lieben wird? Wir können die liebenswürdigste Person der Welt sein, aber wenn unser Grundvertrauen einen Knacks hat, dann ist unsere Wahrnehmung aus Selbstschutz auch befallen von dem „die Welt ist scheiße“ Virus. Wie können wir also unserer eigenen Psychologie entrinnen, ohne uns völlig zu Tode zu analysieren? Wir wollen alle funktionieren und alle so sein, wie die anderen. Nicht auffallen, ein ganz normales Leben führen. Oder wir wollen das Gegenteil und aus der Masse herausstechen, wie ein rostiger Nagel an einer Leiter. Es ist alles nicht so einfach. Aber wenn man sich im Klaren darüber ist, dass wir alle in erster Linie Opfer unseres Selbst sind, dann lassen wir vielleicht die verbalen Waffen sinken. Und anstatt die anderen ins Kreuzverhör zu nehmen und so lange zu sticheln, bis man die gefürchtete Antwort bekommt, sollte man sich selbst in den Zeugenstand rufen. Warum will ich unbedingt erreichen, dass es eskalliert? Was will ich mir damit beweisen?

Es ist nicht schön, der Protagonist eines andauernden Dramas zu sein. Niemand ist perfekt, das wissen wir alle. Ich habe schon einiges über Bindungsstörungstheorien gelesen und darüber, wie eine perfekte Sozialisation ablaufen sollte. Doch die Rahmenbedingungen sind utopisch und wir sind alle das Resultat einer Generation, die zu viele Hoffnungen in uns gesteckt hat. Wir wissen das und wollen es besser machen, wie schon alle vor uns. Es heißt, die Geschichte neigt dazu, sich zu wiederholen und eine einheitliche Erziehung gibt es nicht (mehr). Die Bedingungen, in Frieden mit sich und der Umwelt zu leben sind schlecht geworden: Wir schauen alle nach uns selbst und danach, dass wir vorwärts kommen. Vorwärts kommen, das heißt, ein sicheres Leben zu haben. Wie genau das im Einzelnen auszusehen hat, ist kulturell bedingt. Stellt euch mal vor, in Indien ist es in manchen Kreisen eine Straftat, eine Frau zu bitten, sie zu heiraten, wenn man nicht mindestens ein Haus besitzt.

Wir fühlen uns ständig provoziert und im Zugzwang, den anderen etwas zu beweisen. Bestes Beispiel findet ihr auf Facebook. Die unglaublichen Fotos der anderen, von ihren Urlauben und tollen Partynächten. Und man selbst saß wieder Zuhause und hat sich einen Film gegönnt, wahrscheinlich schon zum X. Mal den selben Film. Und das ist auch gut so, aber dann schaut man auf Facebook und der Neid frisst einen auf. Man ärgert sich, dass man nicht doch mit auf der Party war, weil die Fotos echt abgefahren sind. Wie gerne würde man selbst auf diesem Foto lächeln und der Welt damit zeigen, dass man ein ausgeglichenes Sozialleben hat. Andererseits sagt dieses Foto nicht mehr aus, als es ist: Eine gestellte und gefilterte Montage, eine Manipulation, dich genau das glauben machen zu wollen. Selfies sind die moderene Repräsentanz all jener, die nirgendswo sonst wiederzufinden sind. Nicht in Realityshows und nicht in Klatschmagazinen, auch nicht in der Politik. Sie sind die Antwort auf Hochglanzzeitschriften, die den perfekten Körper vorgeben und alle anderen daran erinnern, dass sie selbst unvollkommen sind. Sie sind wichtig, sich als Mosaiksteinchen in einer riesigen Welt zu zeigen und damit zu signalisieren, dass es sie gibt. „Und ich bin doch wichtig!“ Menschen wie du und ich machen ganz gewöhnliche Dinge und das ist beruhigend: Ich esse auch Laugenbrötchen mit Nutella ich bin kein Freak. Sie trauen sich vor allem dann, einen Bikini zu tragen, obwohl sie wissen, dass sie nach ästhetischer Norm nicht perfekt sind. Und das ist wunderbar, traut euch, eure virtuellen Stimmen zu erheben und zeigt, wie individuell schön die Welt doch sein kann!

Selfies können die Antwort sein: Sie drücken nicht nur aus, was man sein möchte, auch was man will oder nicht will. Facebookprofilbilder werden mit Regenbögen und politischen Motiven verziert, man gibt einer großen Menge ein einzelnes Gesicht und sieht dabei auch noch hervorragend aus. Außerdem kann man mit Selfies erste Eindrücke widerlegen: Sind wir einst im Fokus eines schlechtes Gespräches über andere Leute, werden wir auch online belauert. Mit Selfies kann ich mich so modellieren, wie es mir gefällt. Ich manipuliere gezielt ein Bild von mir, das sich manifestieren soll. Es hat auch politische Konsequenzen: Indem man sich permanent mitteilt, wissen auch alle, was der kleine Mann von nebenan gut findet oder nicht. Man muss nicht mehr auf die Straße, wenn man seinem Ärger gezielt in Kommentaren Luft machen kann. Man kann bequem ein Statement Zuhause im Bett abliefern, seinen Senf dazugeben und anschließend offline gehen. Wenn Trends sich so schnell verbreiten, dann können es doch Meinungen und Ideen auch, oder nicht? Vielleicht sind Selfies die Revolutionäre unserer Zeit, ohne dass wir es bemerken.

Das ist gut so, so lange man sich nicht provoziert fühlt oder daran erinnert wird, was man selbst nie tun würde. Und da wären wir wieder am Anfang, dass wir uns alle über irgendetwas ständig ärgern, weil wir das Zentrum der Sonne sind. Anstatt Chancen wahr zu nehmen, stürzen wir uns auf die Shitstormflut, die jedes noch so solide Argument hinweg spült. 24 Stunden Kita: Kindeswohlsgefährdung? Medien in Kindertageseinrichtungen? Sollten Kinder wirklich schon so früh wie möglich Medienkompetenzen erwerben? Ich sage ja, sollten sie. Früher war das nicht so, das hat uns nicht geschadet, höre ich dann oft. Doch ist es vielleicht genau so: Was früher der Fall war, war ganz früher nicht eben auch tatsächlich ein verschrienes Thema? Wir haben alle Angst vor großen Veränderungen und in 50 Jahren werden wir sehen, dass es gut oder schlecht war. Dann sagen WIR: Früher, da war das so. Unsere Zeiten ändern sich so schnell, dass manche gar nicht hinterher kommen. Was heute noch verpönt ist, wird morgen vielleicht zu dem neuen Trend. Wir lauern in den dunklen Ecken und warten auf unsere Sternstunde, auf unsere Zeit. Auf das Thema, bei dem ich endlich meinen aufgestauten Frust in die Massen hinaus blasen kann oder auf die Meinung, der ich schon immer war: Ich habe es ja immer gesagt! Veränderungen sind nicht so schlecht, nur in Zeiten des blühenden Narzissmus ist es eine Kettenreaktion von sich unverstanden und missachtet fühlen. Es betrifft mich zwar nicht direkt, aber ich bin aus Prinzip dagegen. Viele glauben, so lassen sich drohende Veränderungen aufheben und der wichtigste Beitrag war es, nein zu sagen. Nein zu Atom aber ja zum neuen Smartphone. Nein zu Großkonzernen, ja zu Amazon. Man solle erst einmal die eigenen Probleme im eigenen Land anpacken, deswegen sollen Flüchtlinge draußen bleiben. Aber spenden für die Erdbebenopfer anderswo ist widerrum okay, weil es woanders passiert ist. Nur lassen sich die eigenen Probleme nicht mit einem ständigem Nein lösen, denn die Welt gehört nicht nur denen, die sie so eigentlich gar nicht wollen, sondern vor allem denen, die noch auf eine echte Zukunft hoffen!

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