Das Spiel des Lebens, eine Zeitreise

Stell dir vor, dein Leben hätte einen Filmtitel, der beschreibt, wie du so geworden bist. Wäre es ein schwarz weiß Film? Oder eine Animation? Wenn du zurückreisen könntest, welche Passagen würdest du in deinen Film aufnehmen, welche sogar umschreiben als Audiokommentar? Unterteile deine Filme in 3: Kindheit, Jugend und heute. Betrachte diese Teile getrennt und gib auch den Übergangsphasen einen Namen. Welche Symbole waren besonders prägend und wann habt ihr euch richtig geschämt? Machen all diese Teile einen Sinn und beschreiben sie, was du nun bist und wer du versuchst zu sein?

Wisst ihr noch damals, als ihr noch jung und blöd sein konntet. Wisst ihr noch, wie super peinlich oder super cool ihr gewesen seid? Aber trotzdem plagte einen bereits damals die Frage, was wohl später sein wird. Man konnte es gar nicht abwarten, aus den Fängen der sozialen Quälerei zu sprinten und als erwachsenes, selbstbewusstes Individuum heraus zu ragen. Geld verdienen und tausend paar Schuhe besitzen, endlich keine Schrottgurke fahren und endlich mal keine Ferien in im Zeltlager mit Rotwein aus dem Pappkarton. Endlich aufatmen, wenn man auszieht und voll abräumt im Leben.

Ein trockenes Lachen entwischt mir, wenn ich an all meine „erwachsenen „ Freunde denke und all diejenen, die wahrlich therapiereif sind. Oft denke ich, ich bin die Einzige die die Spielregeln nicht begriffen hat. Ich stehe jeden Morgen auf, leiste meinen Beitrag (der leider nicht so gewürdigt wird, wie er wirklich sollte) und gebe mein Bestes. Und trotzdem habe ich keine tausend paar Schuhe. Nicht, dass ich das dringend brauchen würde, die Prioritäten haben sich nun mal geändert. Und das ist auch das schöne, wenn man erwachsen wird: Vieles ändert sich doch. Mutti hatte doch Recht, damals, als sie meinte, dass du drüber hinweg kommen wirst. Dass du nachts um drei eben nicht mehr Fastfood essen können wirst, ohne es zu bereuen. Oder sowieso irgendetwas ohne Reue und schlechtes Gewissen tun, auch wenn man weiß, dass was man tut ist zwar echt scheiße aber es wäre so verdammt cool. Doch abends noch in die Kneipe hocken, ohne Sonnencreme auf die Wiese chillen und überhaupt „chillen“ sagen wie die coolen Kids. Ein Eis essen, ohne so zu tun, als hätte man keine Zahnschmerzen. Mit Fremden einen Schnaps trinken, ohne vor Ekel die Miene zu verziehen. Man geht doch auf die Party, von der man weiß, dass  sie einem wirklich keinen Spaß machen wird, weil man vielleicht etwas verpassen könnte. Aber das kennen wir alle und ich entscheide mich meistens für etwas verpassen. Da ich den Abend bequem auf Facebook und Co. Rückverfolgen kann, ohne mich dabei für meine verlaufene Mascara und meinen Affen im Gesicht schämen zu müssen. Außerdem kostet dieser Spaß Geld, davon haben Erzieher ja bekanntlich wenig. Und als zusätzlicher Student noch viel weniger. Ich denke mir, wenn ich schon leben muss wie ein Grieche, warum dann nicht wie Griechenland schön am Meer?

Aber darum geht es nicht. Es geht um Zeitreisen, die jeder von uns mal mehr mal weniger durchlebt. Im Buddhismus heißt es, man solle vor allem in der Gegenwart leben. Aber die Gegenwart lebt von dem, was die Vergangenheit erschaffen hat und es ist wohl kaum Möglich, dem zu entfliehen. Du kannst deine grundlegende Persönlichkeit nicht ändern, egal wie viel Mühe du dir gibst, bei der nächsten Gelegenheit tapst du doch wieder in die Falle namens Gewohnheit. Und das ist auch okay, immerhin stehst du nun da, wo dein Weg dich verschuldet oder auch nicht hingeführt hat. Hätte, wäre, wenn… Das ist so ein Erwachsenending. Eines schönen Morgens bei einem Kaffee zischt plötzlich eine miesgelaunte Stimme in deinem Ohr: Was machst du da eigentlich mit deinem Leben?!

Wir wollen immer, was wir definitiv nicht haben können, das ist so eine Ego-Nummer noch aus Kindertagen. Wahrscheinlich liegt der Grund darin, dass man sich als Kind wie der Nabel der Welt fühlt, mangelnde Empathie hat und den Umgang mit Handlungsdruck und Emotionen erst erlernen muss. Ich frage mich manchmal, ob das ein lebenslanger Prozess ist, oder ob da bei manchen vielleicht einfach etwas schief gelaufen ist (mich mit eingeschlossen). Über die tausenden Optionen, die es uns zusätzlich schwer machen, habe ich bereits geschrieben. Aber was ist mit den Dingen, die uns ganz tief innewohnen, wie kleine Dämonen. Immer noch weiter kommen zu müssen und einfach nicht zufrieden sein zu können. Ich habe mir sagen lassen, dass es wohl für dieses Phänomen ein Wort gibt: Ehrgeiz. Aber schon Oscar Wilde sagte, Ehrgeiz sei die letzte Zuflucht des Versagers. Und Geiz ist auch eigentlich kein Attribut, mit dem man persönlich gerne in Verbindung gebracht werden möchte. Geizig sein ist nicht so schön, auch wenn die Werbung einst suggerierte, Geiz sei geil. Da wir allerdings alle brave Konsumenten sein sollen, die unsere Wirtschaft mit unserem sauer verdienten Geld am Leben erhalten, ist Geiz etwas schlechtes. Man soll mit Reizen nicht geizen und Großzügigkeit ist irgendwie fast dasselbe wie Barmherzigkeit. Charity bei Promis zum Beispiel. Letztes Jahr habe ich zu einem Kind gemeint, es müsse die Farbe auch mit den anderen teilen, damit wir alle zusammen ein Bild malen können. Das war meine praktische Prüfung und tatsächlich wurde mir meine Wortwahl angekreidet. Ich darf nicht das Wort „müssen“ verwenden, weil es zu negativ sei. Kinder sollen alles aus Freiwilligkeit heraus tun und wenn nicht, dann soll man ihnen pädagogisch das Gefühl geben, dass sie es trotzdem selbstbestimmt tun, auch wenn wir sie geschickt überlistet haben. Ein Prinzip, an dem sich auch der Staat bedient hat. Steuern sind auch für euch gut, also wäre es für alle gut, ihr würdet sie bezahlen. Und das ist genau der springende Punkt: Ich soll Kindern nicht sagen, dass sie teilen müssen. Aber es kommt der Tag, da sagen es andere und das nicht mit diesem irre freundlichen Lächeln und dem Zeigefinger.

Ich fühlte mich so völlig unvorbereitet auf das, was auf mich zugekommen ist und bin es immer noch. Ich weiß nicht, was mich erwartet, wenn ich dreißig bin. Als Kind war es meine größte Sorge, dass ich später mal nicht wissen würde, wie ich eine Reise im Reisebüro buchen würde. Ich habe mich nicht getraut, ein Brötchen beim Bäcker zu bestellen, aus Angst, es versteht mich niemand. Heute weiß ich nicht, wie ich meine Reise bezahlen soll. Und ich habe eher Angst, dass es ferner die Worte sind, die mich zu einem unverständlichen Wesen sind, sondern mein inneres Erleben. Ich will mich nicht öffnen, um zu sehen, dass ich nicht normal bin. Ich bin auch froh, nicht ganz normal zu sein, sonst hätte ich keine verrückten Geschichten und viele meiner Freunde nichts zu lachen. Ich wüsste nicht, wer ich bin. Und manchmal weiß ich auch das nicht.

Früher dachte ich, das legt sich. Man wächst heraus aus seinen kleinen Problemchen, die man in seiner Jugend so hat oder raus aus der wahren Hölle hinein in eine starke Persönlichkeit, die auf alles eine schlagfertige Antwort hat. Weil man dann endlich einen Plan von allem hat. Man kann adäquat mit Leuten umgehen und vor allem mit denen, die man nicht leiden kann. Man bricht nicht mehr wegen jeder Kleinigkeit in Tränen aus und hat seine Emotionen vollständig im Griff. Heute weiß ich, dass viele Erwachsene vor allem eines haben: Die Flasche im Griff, aber nicht die Probleme. Weil Probleme nicht einfach verschwinden, in der Sekunde, wenn die Uhr deinen 18. Geburtstag einläutet. Und eines Tages findest du ein paar alte Fotos. Du lachst über deine schreckliche Frisur und findest deinen Style einfach nur ätzend. Du kannst nicht verstehen, wieso du dich so unfassbar cool gefühlt hast. Vielleicht siehst du aber auch zum ersten Mal, wie  schön du eigentlich bist. Du hast es nur nie gesehen. Jetzt bist du älter und du wünschtest, du könntest die Zeit zurückdrehen. Einfach nur, um dir selbst zu sagen, dass doch alles nicht so schlimm ist. Die echten Probleme warten nämlich noch.

Letztens fragte mich eine deutlich jüngere Freundin, ob ich es auch kennen würde, dass sich jeder Tag wie derselbe anfühlen würde. Man kommt aus dem Lernstress nicht mehr raus, die Wochenenden sind auch fast identisch, die Gespräche dieselben, die Probleme auch, wenn auch abgewandelt. Es sei manchmal alles wie ein Hamsterrad und alles was sich ändern würde, wären die Handymodelle und die Jahreszeiten. Sie sagte, sie habe Angst, dass sich es nie ändern wird, dass sich nichts ändert. Als ich sagte, ich kenne es nur zu gut, die aufregenden Tage seien nun mal vorbei, fragte sie mich, ob es das nun ist.

Das Erwachsensein.

Dass man feststellt, dass es feststeht. Du stehst quasi fest auf dem Boden, oder du liegst darauf. Egal wie, du stehst jetzt da und die Welt dreht sich nicht mehr um dich, sondern du dich mit ihr. Ihr Blick war das traurigste daran. Sie hatte sich, genau wie ich mehr versprochen. Aber es ist doch noch nicht zu spät. Alle sieben Jahre haben sich all deine Zellen komplett erneuert und deine Synapsen bilden sich um. Das Gehirn programmiert sich um, was wirklich faszinierend ist. Das kann die Chance sein. Du wirst zwar niemals mehr werden, was du einst gewesen bist, aber du kannst noch besser werden.

Ein Kommentar zu „Das Spiel des Lebens, eine Zeitreise

  1. Cool 😎, dann gibt es ja noch Hoffnung für mich und dank Deiner Zeilen muss ich mir nun nicht immer sagen, ich muss in der Gegenwart, bzw. im Jetzt sein. So quasi im Dalai-Lama-Stil. Irgendwie fand ich es ja schon immer blöd, hab es aber geglaubt, weil es überall gepredigt wird.

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