Revolution im Kühlregal: Über Radikalismus und freie Radikale

Wein soll weniger Alkoholgehalt bekommen, bei Aldi gibt es vegane Mettwurst und Großunternehmen greifen auf unsere Gesundheitsdaten zu.

Die Zukunft ist angekommen, so wie der erste Tau auf dem frisch gemähten Rasen vor einem Einfamlienreihenhaus. Ich stehe am Bahnhof, den ich manchmal gerne mit meinem Leben assoziere und schaue verwundert den Zügen, die Trends, des Lebens beim Kommen und Gehen zu. Manchmal kann man doch einfach nur den Kopf schütteln, oder nicht?

Paradoxen, wohin das Auge blicken kann. Gesundheitswahn via intelligenten Uhren, Apps, Schrittzählern und Krankenkassen-Vorsorgeprogrammen. Ach stimmt, Krankenkassen heißen ja seit diesem Jahr Gesundheitskassen, um Stigmatisierung auszuschließen. Inklusion ist überall, auf einmal sind wir alle gleich. Und doch sind wir entfremdet wie nie.Terroranschläge und die immer wieder kehrende Bedrohung aus dem Osten. Flüchtlingsunterkünfte brennen, wo gerade noch dafür demonstriert wurde. Globalisierung ist überall, die Freiheit ist nur einen Mausklick entfernt. Einen Mausklick vom Knast vielleicht. So lange du sauber bist, kannst du gehen wohin du willst. Vorausgesetzt, du hast Geld und in dem Land deiner Träume brennt keine Flamme des Hasses.

Vor ein paar Tagen war ich im Freibad, es gab eine riesige Luftmatraze für die Kinder und es lief ziemlich schnell aus dem Ruder. Das Treiben auf dem Wasser hatte mich zynischerweise an Lampedusa erinnert und auch wenn (zum Glück) niemand verletzt wurde, wurde die Wasserspaßaktion nach wenigen Minuten abgebrochen. Das ware Drama spielt sich nie vor der eigenen Haustüre ab, dafür allerdings doch irgendwie in den eigenen Reihen. Was ist mit denen, die RTL verurteilen, selbst aber scheinbar die Fernbedienung nicht benutzen zu können, um weg zu schalten. Was ist aus dem Bildzeitungs-Boykott geworden? Warum wissen die meisten, wer die Kim K. Ist, aber nicht, wer neuer Präsident der USA werden will? Wir lästern in einem gut gepflegten, geschlossenen Kreis und sobald wir eben diesen verlassen haben, sind wir das nächste Thema. Hinter der einen vorgehaltenen Hand wird über den dauernd betrunkenen Nachbarn getuschtelt, mit der anderen zum Sonntagssektchen gepröstert. Warum auch nicht, betrifft ja immer nur die anderen. Ich finde es zum Teil wahrlich erstaunlich, wie wir andere ganz genau meinen zu kennen. Wir sehen alles und alle anderen ganz genau, dafür sind wir uns der größte Fremde.

Gesunder Egoismus heißt es, wenn es darum geht, auch mal die eigenen Belange durchsetzen zu können. Hälst du oft deine giftige Stimme zurück, die dir die fiesesten Sachen in den Mund legen möchte? Lässt du lieber anderen den Vortritt? Musst du nicht jedem deine Meinung aufzwingen? Nein, du bist nicht schüchtern und laut ICD auch nicht psychisch gestört. Du bist einfach nur freundlich. Zu freundlich- das muss behandelt werden, sonst kommst du zu nichts. Fahr den Ellenbogen raus, kauf dir den langersehnten Porsche auf pump und blockiere die linke Spur deutscher Autobahnen. Das Arschloch ist in dir, lass es raus! Oder nicht?

Die Welt war noch nie so fertig wie jetzt, streck die Hand aus und greif zu. „Wenn jeder an sich selber denkt, dann wird schon keiner vergessen.“ Und doch regt sich der Widerstand. Massentierhaltung ist schlecht, Hackfleisch für 99 Cent ist besser. Und dann gibt es vegane Alternativen, der Konsument kann endlich wieder aufatmen. Ohne schlechtes Gewissen etwas Gutes genießen und dabei auch umweltbewusst sein. Dass Palmöl und Sojaanbau auch nicht so ohne sind… Aber vegan ist nicht nur sexy- es ist außerdem auch noch gesund.

Warum dieser neue Gesundheitserhaltungstrieb in Zeiten von TTIP und CETA? Vegane Mettwurst neu im Kühlregal. Demnächst direkt daneben das Chlorhühnchen aus den vereinigten Staaten. Wein soll weniger Alkohol enthalten, weil die meisten Menschen scheinbar die gute alte Weinschorle bevorzugen. Alkoholfreie Cocktails. Saft mit Eiswürfeln für schlappe 50 Cent weniger als mit Sprit. Wir sollen leistungsfähig sein, kein Geld kosten, dafür aber wenig verdienen um noch mehr auszugeben. Irgendwie finde ich mich auf dem Bahnhof des Lebens nicht ganz so zurecht, wie ich gerne würde. Die coolen Kinds sind alle weit weg, in den großen schillernden Metropolen. Facebook posts mit veganem Schnitzel und grünem Aloe Vera Cocktail. Entnervt stelle ich das Hackfleisch ins Regal zurück und lasse mich wieder treiben mit dem Strom. Fleischeslust im veganen Zeitalter, Bierdurst am Mittag im Park wird verächtlich mit den hochgezogenen Brauen verurteilt.

Wo sind eigentlich all die Hippies und Revolutionäre dieser Welt? Wo sind die Flower Power Liebe statt Krieg Menschen, die sich an Bäume gekettet haben? Wo sind all diese Leute, die einmal so viel bewegen wollten. Und ich meine nicht die Vorstadtgarten-Revoluzzer, die ihren Rasen eine geschlagene Woche nicht gemäht haben. Sind es diese vegane Mettwurst Leute, oder sind es die, die zu Fuß zum Kippenautomaten laufen? Sind es die, die Donnerstagabend Germany’s Next Topmodel anschauen und sich dabei genüßlich Fastfood reinschaufeln? Die, die scheinbar aus den falschen Gründen auf die Straßen ziehen. Aber wo sind die, mit den aufrichtigen Gründen? Vielleicht sind sie alle wie ich, ratlos. Was genau tun? Abstumpfen und sich abfinden, oder doch große Pläne schmieden? Oder doch lieber zusehen, dass man lange genug lebt, um alles den Bach runter gehen zu sehen. Sport, Diäten und spaßfreie Zonen alias Biergärten, die um 20 Uhr schon dicht machen. Alkohol schadet den Zellen. Vorsorglich lassen manche sogar Gluten, Laktose und Fructose weg und man vergesse nicht die bösen freien Radikale. Man könnte vielleicht darunter leiden. Und trotzdem wird sich die nächste Zigarette angesteckt. Und all die guten Vorsätze sind wie dein Aschenbecher, am nächsten Morgen im Mülleimer entleert.

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