Ich denke, also bin ich: Wütend! Eine Ode an uns selbst

Wut, das Monster in uns.

Es kann jedem passieren, zu jeder Zeit und wahrscheinlich zu den ungünstigsten Zeitpunkten.

Wut ist ein Schlagwort und steht für ein esentielles Lebensgefühl. Wieso? Weil jeder wütend ist und Wut der treibende Motor zu sein scheint. Es ist mir egal, dass die Sonne scheint, mein Auto hat einen Platten. Ich habe ein neues Handy, aber die Kameraqualität ist Mist. Ich bin nicht zufrieden, weil Zufriedenheit automatisch Stillstand bedeuten könnte. Wenn aus Freude irgendwann doch Bequemlichkeit wird, dann nagt eines schönen Tages vielleicht die Frage in uns: Sind wir wirklich glücklich oder haben wir uns an die Situation gewöhnt?

Ein Beispiel: Ich war lange Zeit krank und es kam der Punkt, an dem mein Gesundheitszustand zwar instabil, aber mir nicht mehr so bewusst war. Ich hatte mich an die Schmerzen gewöhnt und kapituliert. Trotzdem war und ist mir oft permanent bewusst, was mir fehlt und was ich nicht kann, anstatt zu würdigen, was ich noch immer tun kann. Mir ist es doch egal, ob ich dies oder jenes jederzeit tun könnte, bis ich es auf einmal nicht mehr kann. Dann werde ich wütend. Und ich weiß auch nicht warum, aber Wut ist  so ein Thema, mit dem komme ich nur schwer zurecht. Aber es geht nicht nur mir so, ich habe mich zu diesem Thema umgehört und tatsächlich mangelt es der sagenumwobenen Generation Y wohl wahrhaftig an Frusttrationstoleranz. Anscheinend haben wir einfach nie gelernt, mit Wut umzugehen. Auch in Punkto Erziehung hat sich da nicht viel geändert, im Gegenteil: Wir (Erzieher) sind so darauf getrimmt, aus Deutschlands Zukunft vernünftige und selbstständige, mündige und autonome Menschen zu machen, dass Fehler heute nicht mehr Fehler sind, sondern nur ein weiterer Weg, wie es nicht geht. Dann wird es so lange probiert, bis es klappt. Positive Fehlerwahrnehmung nennt man das. Und das ist auch nicht schlimm, so lange man nicht das Gefühl vermittelt, dass es schlimm ist. Es wird erst schlimm, wenn es als schlimm benannt wird.

Generation „alles nicht so schlimm“. Ich finde das auch wirklich gut so, jedenfalls ist dieser Stil mir lieber als die gute alte Gürtel- und Schuhlöffelmethode. Man möchte eben den Kindern und Jugendlichen die Steine aus dem Weg rollen, was auch völlig verständlich ist, denn „mein Kind soll es mal besser haben als ich.“ Man hatte es ja selber nicht leicht. Die Frage ist nur, ab wann uns schließlich diese Schwere zu plagen beginnt. Am Tag unseres Auszuges, wenn wir auf einmal selbst für unser leibliches Wohl sorgen müssen? Wenn die Miete nicht abgezogen werden konnte, weil man auf zu großem Fuß gelebt hat? Wenn spät in der Nacht plötzlich keiner mehr da ist, der sich deine Sorgen und Ängste anhört? Wir sollen alle selbstständig werden, aber wie nur soll das werden, wenn wir niemals gelernt haben, mit Frustrationen umzugehen? Das Eis fällt runter, Papa kauft ein Neues. Spiel verloren, trotzdem bekommt jeder einen Pokal. Im Supermarkt schreien und hysterische Flecken bekommen, schon ist das Spielzeug im Einkaufswagen. Versucht das mal als Erwachsener, da bekommt man Hausverbot.

Aber wie gut könnt ihr mit alltäglichen Katastrophen umgehen? Handydisplay ist ein Totalschaden oder volle Kaffeetasse meets Laptop. Schon wieder mehr Miete, schon wieder kein Geld am Ende des Monats und das coole Konzert steht an. Leben am Limit- Abenteuer Bankauszug. Alltägliche Katastrophen nerven, das Handy ist ein Haufen Scherben und die Katze hat schon wieder ins Bett gepinkelt. Die Karte glüht und funktioniert im Kaufland gar nicht mehr und schon ist man geladen wie eine hundert Voltbatterie. Aber das verraucht recht schnell, am Abend denken wir nicht mehr daran, weil wieder andere Themen präsent sind. In der Tageschau schocken und verärgen dann globale Themen, die man sich abends bei einem Bier auf dem Sofa zu Gemüte führt. Aber das ist  ja weit weg, da kann man sowieso nichts machen. Persönliche Krisen sind eben die schlimmsten und manche Menschen sind lebende Brandbeschleuniger, die explodieren und fackeln alles um einen herum nieder. Aber ich rede vom Ottonormalverbraucher um die Ecke, der seit Wochen mit seinen Themen nervt und einen damit völlig in den Wahnsinn treibt.

Wut: Was mich heute wieder aufgeregt hat ist die Einstiegsschlagzeile am Ende des Tages. Beim schönsten Wetter wird über den Lernstoff geklagt, anstatt einfach die Bücher mit an den See zu nehmen. Warum eigentlich nicht? Weil sich zu beklagen doch noch immer die beste Prokrastinationsmethode ist, um die Zeit totzuschlagen.

„Du machst aus einer Mücke einen Elefanten!“

Wer diesen Satz noch nicht gehört hat, der möge einen Moment andächtig für all jene schweigen, die das allzu oft hören mussten. Wo ist die Grenze von der Mücke zum Elefanten? Sie individuell und daher absolut zur Wertung ungeignet. Es ist am Ende doch immer wieder das eigene Empfinden und Befinden schuld an einer sozialen Eskalation. Was mich nervt, das nervt andere nicht, aber dass es mich nervt, nervt andere. Dass ich angepisst bin ist der Auslöser für einen Konflikt, aber der Auslöser widerrum für meine innere Wut wird dabei völlig außer Acht gelassen. Das Leben ist ein Kompromiss, der nur für eine Partei den Zustand der Zufriedenheit darstellen kann. Das ist eigentlich schade, denn wenn man den Brandherd der Wut näher betrachtet, dann sieht man die wahren Ängste und Glaubenssätze der Menschen, die vor Wut förmlich zu rasen scheinen. Die eigenen Trigger, unsere Tretmienen zu umschiffen ist relativ simpel, man kennt sich selbst nun mal am Besten, aber andere leider nicht. Wut ist unser Schutzmechanismus und wie schon immer gesagt wurde, sei Angriff die beste Verteidigung. Indem ich über den Lernstoff schimpfe, schütze ich mich vor der Wahrheit, dass ich einfach zu faul zum Lernen war. Indem ich wütend auf die Worte meines Partners bin, gestehe ich mir in Wahrheit nicht ein, dass mein Ego mir zu wichtig ist. Lieber beschuldige ich doch die Ausländer, die mir meinen Job wegnehmen, weil ich selbst keinen Bock hatte, zu studieren. Mit dem Finger auf andere zu zeigen ist bequem, aber es ist vor allem eins: Eine Geste weg von sich selbst.

Wir nehmen uns manchmal so wichtig, dass das Gesagte und eigentlich Gemeinte völlig untergeht. Ja, der Ton macht die Musik, aber Töne variieren von Gehör zu Gehör und werden von jedem unterschiedlich interpretiert. Unsere gesamte Kommunikation wird bestimmt von unserer (fehlerhaften) Wahrnehmung, Einstellung und Biographie. Was in Deutschland an Gesten völlig normal ist, kann in der Türkei im Gefängnis enden. Und dieses Prinzip ist auf jeden einzelnen von uns umzumünzen. Sobald wir über das gesprochene oder geschriebene Wort nachdenken, messen wir ihm eine ganz persönliche Bedeutung bei, die nur wir in diesem Moment verstehen. Im nächsten vielleicht schon nicht mehr. Die menschlichen Emotionen sind so unberrechenbar wie Vulkane oder ein plötzlich Hereinbrechender Tsunamie.

Aber ohne das soziale Miteinander ist das Leben nur halb so schön und ich kann nur sagen, dass es manchmal einfach das Beste ist, die innere Stimme ernst zu nehmen, die einem wie ein kleiner Teufel ins Ohr haucht. Dem kurz zu lauschen, was niemand gerne hört. Die Wahrheit über sich und sein Lebensprofil. Denn lieber hört man es von sich selbst, als von anderen.

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