Über den Zauber der Liebe & Leben wie im Knast, oder: warum ich niemals groß werden wollte

Früher, als ich noch ein kleines Kind war, habe ich mich über die Post gefreut. Ich durfte sie von draußen holen und fand es super, dass wir so viele nette Briefe bekommen haben. Meine Mom jedoch sah das anders. Sie hat sich nicht gefreut, im Gegenteil und hat mir erklärt, dass das zumeist Rechnungen seien.

Rechnungen, was ist denn das?

Das sei etwas, was man bezahlen muss, weil man im Gegenzug dafür etwas erhält. Eine Wohnung oder eine Versicherung. Das habe ich damals nicht verstanden, hatte aber ab diesem Zeitpunkt keine Lust mehr, die Post oder anders genannt „den ganzen Mist“ hereinzubringen. Uns ging es nicht schlecht, aber ich wusste damals schon, Rechnungen sind scheiße.

Und heute ist es nicht anders, ich freue mich, wenn der Briefkasten mir mit gähnender Leere entgegen strahlt. Die Ruhe vor dem Sturm. Viele Dinge, die man als man jung war noch absolut gefeiert hat, entpuppen sich Mitte Zwanzig als völliger Schwachsinn. All die Dinge, die man für voll genommen hat weichen eines Tages der bitteren Realität. Aber nicht von heute auf Morgen, es ist ein schleichender Übergang und eines Tages erinnert man sich dunkel, warum einen der Wehmut packt, wenn man unbesonnene Kinder im Dreck spielen sieht.

Man hat getanzt, wann und wo einem danach war. Eine Bekannte hat mir erzählt, dass sie als kleines Kind auf der Beerdigung ihres Großvaters angefangen hat zu tanzen, als die Musik eingesetzt hat. Ihr war einfach danach. Oder man hat einfach in den ernstesten Situationen angefangen zu lachen. Jeder verzeiht es einem, schließlich ist man ja noch ein Kind und weiß es nicht besser. Nun bin ich „erwachsen“ und weiß es irgendwie immer noch nicht besser. Warum soll ich still sitzen und mich belehren lassen, draußen ist schönes Wetter und vielleicht habe ich Lust, den Garten umzugraben, anstatt regelkonform meinen Teil zum gesellschaftlichen Leben beizutragen. „Da muss man halt durch, Lehrjahre sind schließlich keine Herrenjahre, Kind.“

Aber ernsthaft, hören diese Lehrjahre irgendwann auf oder werden sie einfach nur zu Jahren voller Leere?

Ich hatte jahrelang keine Lehrstelle, dafür eine leere Stelle in meinem Lebenslauf, die ich bei jedem Vorstellungsgespräch irgendwie entweder umschifft habe oder schön ausgeschmückt. Vielleicht habe ich ehrenamtlich in Afrika Brunnen gegraben, vielleicht war ich im Ausland um meinen Horizont zu erweitern. Vielleicht habe ich Praktika absolviert, um mir über meine Arbeitssituation Gedanken zu machen. Ja, vielleicht. Ich habe irgendwann versucht, wieder einzusteigen, zumindest irgendwo, aber es stellte sich heraus, dass unsere Leistungsgesellschaft sogenannte „Arbeitsverweigerer“ nicht duldet. Die Chancen stehen ultra schlecht, sogar für einen Nebenjob mit einem großen klaffenden Loch von einem ganzen wertvollen Jahr, dass man verschwendet hat, um sich selbst zu finden. Und dann stellte sich mir die Frage: Was jetzt?

Ist euch schon mal aufgefallen, dass es immer heißt, die Ehe sei irgendwie wie ein Gefängnis und man solle sich verdammt gut überlegen, mit wem man den Rest seines Lebens Seite an Seite in einem Bett verbringt? Verdammt, bis dass der Tod uns scheidet? Oder ein guter Anwalt (und danach ist man pleite.) Aber man soll sich mit 16 Jahren spätestens ernsthafte Gedanken machen, was man den Rest seines Lebens arbeiten möchte. Für welche Branche du dich verknechtest. Geld verdienen, für später. Für das Alter vorsorgen. Sich absichern und seinen Beitrag leisten. Ehrlich gesagt fällt es mir manchmal schon extrem schwer, mich in der Eisdiele für eine der scheinbar endlosen kulinarischen Geschmackserlebnisse zu entscheiden. Oder beim Döner um die Ecke, die Entscheidung, was ich morgen anziehe bringt mich manchmal fast um den Verstand.

Umso erstaunlicher ist es doch, dass wir nur Millisekunden brauchen, um jemanden zu klassifizieren: Tussi, Macho, Penner, Drecksau… Sympathisch? Wenn die Chemie stimmt und die chemischen Botenstoffe Dopamin und Endorphine ausschütten und so ein ekliges Gefühl entsteht, so ein warmes, als hätte man sich eingenässt, dann ist man verliebt. Dann hat es einen erwischt, so wie eine Erkältung. Die Erkältung wird man irgendwann los, den Liebesirrsinn nicht. Nicht mal mit Wodka und Gras. Man hat da eben keine Wahl und es kann so wundervoll sein, wenn das soziale Objekt deiner Begierde diese Gefühle erwidert. Umso schrecklicker ist es, wenn dies nicht der Fall ist. Es ist sogar richtig scheiße und ich frage mich, wieso man sich nicht ausschließlich in jemanden verlieben kann, der dasselbe empfindet. Ich denke, Abweisung bildet auch irgendwie den Charakter und erwachsen sein bedeutet, sich dann ganz auf die Karriere zu konzentrieren, die Gefühle auf das Abstellgleis zu schieben und es zu ertragen. An alle, die das schaffen, meinen dicken Respekt. Ich bin für das ganz klassische Bad in Selbstmitleid, tiefes Bedauern zu ekelhafter Musik und die Selbstbeweihräucherung, dass das Gegenüber uns sowieso nicht verdient hat. Sollte  das soziale Objekt die Zuneigung erwidern und es entsteht ein romantisches Verhältnis, dann heißt das leider nicht gleich, dass das auch funktionieren wird. Viele ziehen an dem Punkt, an dem das Gegenüber bereits klammheimlich Sachen im anderen Haushalt einschleust die Notbremse: Ich kann mich auf nichts Ernstes einlassen. Ich weiß ja nicht, aber für mich klingt das nach Ausrede. Aber vielleicht ist es eben keine, wer kann das schon wissen. Zum Leben gehören beschissene Erfahrungen, die hat jeder von uns aber ich bin der festen Überzeugung, dass alles irgendwie seinen Grund hat. Der Nativismus, es ist in uns, kommt, lassen wir es raus!

Lässt man sich doch auf etwas Ernstes ein, dann stellt sich hier die Frage, was ist Ernst?

Den anderen so kennen lernen, wie er ist und den damit verbundenen eigenen Wahnsinn aushalten lernen? Wieso tust du das STÄNDIG? Dann kommen die Macken raus, die wir bei uns als keine empfinden. Wir sind eben so und wir wissen alle, dass wir Menschen nicht unbedingt Kritik gut einstecken können. Vor allem nicht vom Partner. Niemand hört gerne, dass es eigentlich voll scheiße ist, ständig kindische Witze zu reißen, oder dass die Kumpels im Prinzip dumme Affen sind. Aber man nimmt es hin und man „arbeitet“ daran, an „Problemen“ die zwangsläufig immer entstehen, wenn man etwas „Ernstes“ beginnt. Man hat eine sichere Ebene gefunden und kann (endlich) auspacken; man muss nicht mehr hinter dem Berg halten, dass einen das nächtliche Gefresse auf den Keks geht oder dass die Socken im Eisfach eklig sind. Die Wiege der Sicherheit: Auf einmal kann man sagen, was einen stört und muss nicht mehr fürchten, dass die zarte Romantik zerbricht.

Du weißt, dass du in einer Beziehung bist, wenn du einen Fahren lässt und nicht sofort das Land verlassen musst. In dieser Hinsicht hat es etwas wahrlich Schönes und ich für meinen Teil finde es schade, dass eine Art mystische Zauber um die Liebe gekünstelt wird, der eigentlich nicht existieren sollte. Wenn einen etwas grundlegend stört, sollte man es aussprechen. Denn niemand ist perfekt und noch grundlegender: Niemand wird je perfekt sein.

Mir hat mal eine Frau gesagt, dass es doch toll sei, dass ich Erzieherin lerne.

Warum? Man kann sich die Männer „zurecht erziehen“. Ich staune immer noch über diese Aussage und ich wurde auch augenblicklich wütend darüber. Man kann sich Menschen nicht zurecht biegen und sollte man das doch tun, ist man ein manipulativer Soziopath und wäre in Politik und Wirtschaft gut aufgehoben, keineswegs aber in einer Beziehung. Was ist an einer Beziehung denn ehrlich, wenn man im Prinzip die Autorität und die Persönlichkeit des anderen untergräbt. Tanz, Püppchen, tanz!

Ich muss nicht um Erlaubnis fragen, wenn ich etwas tun möchte, dann tue ich es. Sollte dieses Tun meinen Partner verletzen, dann beende ich die Sache und gehe meines Weges. Das klingt so einfach, es ist auch wirklich einfach, aber es fühlt sich nicht einfach an. Ich hatte seit Beginn an immer Angst vor Beziehungen, gleichermaßen so, wie ich mir eine gewünscht hätte. Mein Umfeld hat mich was Zwischenmenschlichkeit teilweise schlecht sozialisiert: Entweder war Verliebtsein ein Eiertanz um einander herum, oder die Ehe irgendwie der Knast. Mit den Jahren würde man sich entweder egal werden oder sogar eine Art Angst entwickeln:

„Wenn das meine Frau erfährt!“ Mal mit den Kumpels heimlich abhängen, das Handy klingelt und Panik macht sich breit. Ohje, das klingt ja super. Ausreden erfinden, um mal weg zu können von Zuhause oder Witze wie „Na, hast du Ausgang bekommen?“ Es schien mir damals so, als ginge mit der Zeit der Respekt und die Achtung voreinander verloren.

Letztens habe ich am Bahnhof in Stuttgart eine soziologisch wahnsinnig interessante Gruppe Männer gesehen, die in jede klassische Bierwerbung gepasst hätte. Nur eben nicht so wohlgeformt und perfekt wie die jungen Männer auf dem Bildschirm. Die Freiheit ruft, ein Fußballspiel: Der Urlaub vom Ehedrachen Zuhause. Die Meisten waren über vierzig und völlig blau, wie es sich an einem Ostersonntag für echte Männer nun mal gehört. Dazu befanden sie sich auf einem Auswärtsspiel und konnten mal so richtig die Sau raus lassen. Hätten die zugehörigen Frauen mitbekommen, was da so abgeht und wie über sie gesprochen wurde, wäre am nächsten Tag der Anwalt konsultiert worden.

Warum sich überhaupt den Scheiß geben? Die Arbeit nervt, die Kinder kotzen einen an, das Eigenheim gleicht Alcatraz und die Ehefrau ist der böse Wärter, der einem den Spaß vermiest. Und umgekehrt: Die Kinder sind undankbare Plagen, die Karriere wurde aus erstgenannten nix, das Haus ist doch eh viel zu klein und der Ehemann ein faules Dreckschwein, das nur nervt. Dann gibt es Paare, bei denen läuft es scheinbar perfekt: Die ewige Liebe, Schwüre und Kitsch auf Facebook. Man sieht sie verliebt im Park, beim romantischem Essen am Valentinstag. Vielleicht erkennt man sie nocvh offensichtlicher am Partnerlook. Die Verschmelzung vom ICH zum WIR. Die Medien suggerieren ebenfalls zwei Szenarien: Happy End, der Traumprinz steht im Regen stundenlang vor deiner Türe und wartet geduldig wie ein Esel mit deinen Lieblingspralinen, bis du nach Hause kommst. RTL erzählt hingegen die andere Geschichte: Ehefrau wird verarscht, abgezockt und pleite, Frau vögelt den Chef des Mannes. Ein Amen für unsere Gesellschaft.

Wie also, wie nur sollen wir denn überhaupt selbstbestimmt und glücklich leben können? Und das vor allem in einer Beziehung? Es fällt mir schon schwer, nach meinen eigenen Bedürfnissen zu schauen. Plötzlich gibt es davon auch noch zwei.

Wenn alle Stricke reißen denke ich oft an meine kleine Blockhütte in Kanada, einsam im Wald mit meiner wunderschönen Katze (ich liebe meine Katze sehr). Das schöne ist, ich bin noch jung genug, um mich diesbezüglich eines Besseren belehren lassen zu können und alt genug, um zu wissen, dass ich immerhin die Option habe, in Einsamkeit zu leben. Ich muss im Prinzip gar nix. Und das ganze Gejammer über die böse Arbeit kotzt mich an. Ich kotze mich selber an. Und ich wette, es geht vielen da draußen so, es traut sich nur keiner zu sagen: Wir kotzen uns alle gegenseitig gewaltig an.

Ich habe Angst davor, alleine zu enden. Ich habe aber noch größere Angst davor, mein Leben mit jemandem zu verschwenden. Oder noch schlimmer: Wegen jemandem. Angst, dass aus dem Liebeszauber doch eines Tages der Knast wird.


Vielleicht ist das ganze Leben ein Knast und man findet die große Knastliebe, mit der man den Ausbruch vorbereitet.


Manchmal vermisse ich es, es niemandem recht machen zu müssen. Keine Verpflichtungen und keine Sorgen, mit Spannung und Wohlgemut in jeden neuen Tag starten. Ich konnte es kaum erwarten, groß zu werden und die Welt zu sehen. Eigene Entscheidungen zu treffen und selber Post zu bekommen. Und eigentlich wäre ich gerne wieder dieses blonde kleine Mädchen, das bei jedem Wetter draußen war und es geschafft hat, sich immer sinnvoll zu beschäftigen. (Sagte sie und öffnete Facebook.)

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