Mit Pandabären durch die Nacht: Ein Rückblick auf den Wahnsinn

Kennt ihr das Gefühl, dass man zu nichts zu gebrauchen ist? Dass man irgendwie einen Knall hat und zwar einen sagenhaften? Wer glaubt, grenzenlose Freiheit wäre die Antwort auf alle Probleme, der irrt gewaltig. Es folgt ein Rückblick:

„denn erst bleibt uns der Wahnsinn
und dann das pure Vergnügen“ Frittenbude – Von allem zu viel

Die Birne dröhnt und ich habe das Gefühl, mein Gehirn ist angeschwollen. Ich glaube, eine falsche Bewegung und ich platze wie ein Wasserballon auf heißem Asphalt.

Man könnte meinen, es ist ein Sonntagmorgen. Aber nein, es ist Donnerstag und die Vögel zwitschern, die Sonne scheint und ich muss mich übergeben. Ich lasse die Rolläden herunter und erfreue mich am halbdunklen Elend meines Chaos. Zwischen Pizza Kartons und leeren Flaschen stiefele ich ziellos umher, um mir einen Überblick zu verschaffen. Zumindest grob. Mein Handy ist ausgeschaltet, schon seit Tagen und als ich das Fenster öffne habe ich Sorge, dass meine Lunge die frische Luft nicht ertragen würde. Ich möchte eine rauchen, weiß aber ganz genau, dass das Nikotin mich zurück in meinen Restsuff katapultieren wird.

Draußen herrscht hektisches treiben, ich schaue auf die Uhr und stelle erstaunt fest, dass es neun Uhr morgens ist. Fast noch mitten in der Nacht, denke ich und setze mich auf mein Schlafsofa. Obwohl ich weiß, dass ich keine Tabletten habe, suche ich hoffnungsvoll nach Ibuprofen oder Ähnlichem. Ich finde nichts.

Ich seufze und bin kurz davor, in Selbstmitleid und Verzweiflung zu verfallen, als ich das Glitzern in den Augenwinkeln sehe. Die Sonne dringt beharrlich durch die Jalousie und spiegelt sich schimmernd auf der grünen Flasche wieder. Ich weiß, dass ich die Flasche nicht leer gemacht habe. Dazu war ich bei Gott nicht mehr in der Lage. Die Flasche glitzert verführerisch und ich kämpfe gegen den Drang an, sie zu leeren. Die Situation hat schon eine gewisse Komik und ich frage mich unweigerlich, wer ich bin. Als ich in den Spiegel sehe, fällt es mir wieder ein. Ich weiß nicht, wer ich bin. Zumindest das weiß ich und das ist ein solider Anfang. Ich meine mich zu erinnern, dass ich mich vor Monaten stolz auf den Weg gemacht habe: Auf den Weg zu mir selbst.

Leider oder zum Glück ist dies ein Pfad der Irrungen und Wirrungen, es ist ein manipulativer Marsch und kein Sonntagsspaziergang. Es ist ein Drill und doch kann man stehen bleiben oder auch mal in ein Loch fallen und liegen bleiben. Ich lege mich wieder hin, die selbst gedrehte Zigarette im Mundwinkel, Asche fällt auf mein Kissen und ich fühle mich wie ein Schwein, dass sich im Dreck suhlt. Dabei bin ich doch gar nicht so. Ich liebe Ordnung, meine Kleidung ist nach Themen (Party, Emo, Posh, Normal) kategorisiert und sauber gefaltet in dem riesigen Schrank, der den meisten Platz einimmt. Als ich hier eingezogen bin, hatte ich noch überhaupt keine Ahnung, wohin das führen würde. Ich war gerade mit dem Abitur fertig, für das ich einen extra Anlauf gebraucht habe, nur um sogar noch schlechter zu werden. Ich kratze mich am Kopf und freue mich, dass ich es trotzdem ohne zu Lernen und mit all dem Scheiß im Hintergrund gepackt habe. Voll gut, denke ich und stöhne auf, als mir klar wird, dass das nun auch schon Monate her ist. Ein kleiner Schritt für mich und das war es dann auch schon. Kein großer Schritt für die Menschheit. Wieso auch, ich bin eine von Tausenenden dieses Jahr und das nicht mal mit Auszeichnung und Sternchen. Dafür sehe ich jetzt Sternchen, als ich die Augen schließe. Ich muss nicht in Freizeitparks, um den freien Fall zu erleben. Ich schließe einfach die Augen und alles dreht sich wunderbar, bis der schwarze Nebel mich einhüllt und in seiner unendlichen Gänze verschluckt.

Es sollte ein Ausflug werden, ins Nichts.

Ich bin keiner dieser „Straight Forward“ Typen, die den Masterplan haben und mit dreißig spätestens in einer überbezahlten Führungsposition sind. Auch keiner dieser „Alles im Griff“ Menschen, bei denen es bei einem Glas Wein bleibt und die so perfekt durchstrukturiert sind, dass sogar im Bad ein Handtuch mit der Aufschrift Gäste hängt. Mein Leben ist nicht durchtaktet. Ich gehe nicht studieren, weil ich nicht aus diesem „Mein Kind soll…“ Haushalt entspringe. Meine Eltern bezahlen nicht mein Studium. Nicht, weil sie es nicht könnten, keineswegs. Sie sind geschieden und jeder macht so sein Ding. Irgendwie falle ich aus dem Rahmen und fühle mich wie eine unsichtbare Figur am Rand. Ich bin seit längerem krank geschrieben und finde es völlig legitim, so wie es ist. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Auf keinen Fall bin ich eines von diesen fleißigen Bienchen, diese Arbeitstiere für die die Arbeit der gesamte Lebensinhalt darststellt. Ich bin aber auch keiner von diesen „Indie Hipster“ Gestalten, die durch die Welt mit dem Rucksack reisen und sowohl intellektuell als auch sozialkompetenztechnisch dem Rest der Welt überlegen sind. Die Frage „Wie kann man nur so leben“ ist mitunter einer der Gründe, warum die Flasche mein bester Freund ist. Sie versteht mich. Und am Ende der Nacht ist sie genau wie ich: Leer.

Ich vertrete keine Position und will auch im Moment nicht. Ich bin Single und nehme mir was ich brauche. Alles ist wie eine große Bücherei, ich will nichts Festes und leihe mir aus, was ich gerne möchte, auch Menschen. Es kann sein, dass man mich besucht und ich nach fünf Minuten keine Lust mehr habe, in Gesellschaft zu sein. Aber ich gebe wahnsinnig gerne Partys, am liebsten mit irgendeinem Motto und wenn ich nicht mehr will, dann gehe ich ins Bett. Das Einzige, was mein Glück perfekt machen würde, wäre ein Balkon. Ich wohne in einer WG in der Innenstadt, die so idyllisch wirkt, dass man fast schreien möchte. Die Meisten aus meinen Jahrgängen in der Schule sind längst abgehauen und ich verfolge ihre Storys auf Facebook, während ich mir gelangweilt Nudeln mit Erdnussbutter in den Mund schiebe.

Das war glaube ich der Punkt, an dem ich fast den Verstand verloren hätte. Man könnte meinen, ein Leben ohne Inhalt sei mit all dem zu füllen, was man immer schon tun wollte. Keine Verpflichtungen, keine Termine, keine Kompromisse. Das war doch auch einmal der Slogan der Jever Werbung? Mein Leben ist zur Werbung mutiert und meine Ziele und Ideale wechseln so oft, dass ich nicht mehr klar denken kann. Meine Gedanken gleichen einem Springball, der von Hirnhälfte zu Hirnhälfte geschleudert wird. Viele davon sind gut, aber ich kann sie nicht festhalten. Das passiert meistens nachts, ich sitze an meinem Fenster und starre auf die leeren engen Gassen, das fahle Licht der alten Laterne beleuchtet die niedlichen kleinen Fenster der Nachbarn, unter denen ab und zu ein Penner gröhlend „Ich seh den Sternenhimmel“ singt. Da ich wusste, dass ich sowieso nichts einhalten würde, habe ich mir erst gar nichts mehr vorgenommen.

Ich ziehe mir diese ultra schöne Kulisse Nacht für Nacht rein, wenn das Internet nichts mehr hergibt, was mich im Moment interessiert. Ich starte einen Film und klicke ihn sofort wieder weg. Sämtliche Staffeln bekannter Serien kenne ich auswendig. Die Leere erdrückt mich, ich habe Angst, dass ich keine Luft mehr bekomme. Der fatale Fehler war, dieser Angst nachzugeben und sich „Hilfe“ zu holen. Da mich niemand mehr so recht verstanden hat, besser gesagt, ich habe mich unverstanden gefühlt oder wollte auch gar nicht, dass irgendwer verstehen könnte, was da los ist, habe ich der Versuchung nachgegeben, alles auf eine Karte zu setzen. Vielleicht bin ich ja verrückt, vielleicht brauche ich Medikamente, um das Chaos und die Leere in den Griff zu bekommen.

Das ging so gründlich schief, wie man es nur erwarten hätte können und ich war so ein wahrhaftiges Opfer meiner Selbst, dass ich sogar noch tiefer gefallen bin, als ich es für möglich gehalten hätte. Wer glaubt, der Boden sei das Limit, der irrt gewaltig. Unter dem Erdboden brodelt die Hölle. Der unkontrollierbare Wahnsinn, Psychosen und das Gefühl, der Verstand sei ein karierter Raum, der immer enger wird. Das kam aber (zwar nicht ausschließlich, aber zum größten Teil) von den Psychopharmaka, die ich keinem so richtig empfehlen kann. Antidepressiva, die die Egalität des Seins noch verstärken und diverse Beruhigungsmittel, die einem das letzte bisschen Gefühl rauben. Innerlich tot starre ich in den Spiegel und erschrecke nicht einmal vor dem traurigen Anblick. Als ich das erste Mal diese Medikamente eingenommen habe, habe ich mir damit erlaubt, mir einzureden, dass ich krank sei. Das ich ein so großes Problem habe, dass ich es nur auf diesem Wege lösen könnte. Ich leide zum Teil auch heute noch unter posttraumatischem Stress und gelegentlichen Depressionen, aber am Meisten leide ich unter den Gedanken und Bildern, die sich mir tief in die Seele gebrannt haben. Die unendliche Verzweiflung, die mit der Freiheit kam, das man alles tun könne, was man wollte. Ich will alles und doch will ich gar nichts. Ich fühlte mich innerlich so tief gespalten, dass ich sogar dachte, ich würde mich in zwei Persönlichkeiten aufspalten. Eine schwarz, die andere weiß. Dazwischen gibt es nichts, außer die Depersonalisation, die vollständige und schleichende Auflösung meines Ichs. Es wurde so schlimm, dass ich wirklich extreme Situationen brauchte, um mich zu spüren. Lange Zeit konnte ich mit niemandem darüber sprechen, da ich mich dafür geschämt habe. Ich habe mich so sehr vor mir selbst gefürchtet und mich vor anderen geschämt, dass ich geglaubt habe, einen Ausflug unter meinesgleichens würde die Lösung sein. Ich war in einer Klinik, eigentlich zum Schutz vor mir und meiner Umwelt, aber hauptsächlich wollte ich endlich wissen, was mit mir los ist.In einer Kleinstadt auf einen guten Therapieplatz zu warten ist irgendwie so, als würde man auf einen Lottogewinn hoffen. Es dauert unter Umständen Jahre, bis man in festen Händen ist und noch länger, bis man das Kernproblem identifiziert hat. Mit ein bisschen Glück und einem fähigen Therapeuten schafft man es irgendwann, sich in den Griff zu bekommen.

Rückblickend fällt es mir gar nicht schwer, dies zu schreiben. Ich habe in den vergangenen Jahren gelernt, dass ich nicht so unnormal bin, wie ich immer geglaubt hatte. Der springende Punkt ist, dass niemand diesen Irrsinn aussprechen möchte. Immer muss man sich profilieren und bestmöglich darstellen, dass gar keine Kongruenz, keine Echtheit mehr da ist. Wer erzählt schon beim ersten Date, dass man ein notorischer Fremdgänger oder absolut größenwahnsinnig ist? Und irgendwann haben auch die besten Freunde es satt, sich verrückte Gedanken anzuhören. Oder über die schlechten Seiten der Welt zu sprechen, wie Politik, Kriege und die wirtschaftliche Misere. Aber diese Dinge beschäftigten mich nun mal, ich hatte so lange verdrängt,wer ich eigentlich sein wollte, dass ich es beinahe geschafft hätte, meine Persönlichkeit von eingebildetem Wahnsinn und Tabletten zu zerstören. Ich hatte dann am Ende meines Wahnsinns auch nicht mehr viele Freunde, viele wandten sich von mir ab, als es mir zusehends schlechter ging. Das war auch ganz gut so, denn in Wahrheit waren das nie meine Freunde gewesen.

Der Wandel kam durch einen unglaublichen Zufall, als ich mich erneut am Tiefpunkt wieder einmal dem freien Fall mit Rausch und Müll hingegeben hatte. Ich bin durch diverse Feiereien an wahrlich schlechten Umgang geraten, zumindest behaupteten dies ein paar meiner ehemaligen Freunde. Dieser schlechte Umgang konsumierte Drogen, zumeist Aufputschmittel und psychedelische Substanzen. Ich dachte mir, da es sowieso nicht mehr schlimmer kommen könnte und ich sowieso bereit zur völligen Selbstaufgabe war, ich probiere das auch mal. Zu meiner sonstigen Lethargie und dem Gemüsemodus, der sich durch sämtliche Wochentage zog war dieses Gefühl von absoluter Wachheit und Tatendrang ein so befreiendes Gefühl, dass ich zunächst überhaupt nicht wusste, was man damit anfangen könnte. Und so fing ich an, meine Wohnung wieder in den Griff zu bekommen und mir ernsthafte Gedanken zu machen. So richtig, mit Papier und Stift begann ich, meine Ziele aufzuschreiben und suchte mir jemanden, der mir dabei half, diese Ziele umzusetzen.

Das Beste und Hilfreichste waren jedoch die Menschen, mit denen ich mich umgab. Auch sie hatten eigentlich nichts zu verlieren und wir verbrachten die Nächte mit Diskussionen über das Leben und den Sinn eben diesens. Ich erfuhr, dass ich nicht alleine mit diesen Gefühlen dastehe und dass ich im Grunde das Produkt meiner Gefühle bin, mit denen ich nie richtig gelernt habe, umzugehen. Meine Weltanschauung ist nicht die der Norm, das weiß ich, aber das Wichtigste ist: Ich bin nicht allein.

Das alles ist nun lange her und ich habe eine Struktur gefunden, mit der ich gut Leben kann. Gelegentlich wache ich immer noch an einem Donnerstagmorgen mit einem dicken Kopf auf, aber der Unterschied zu damals ist, dass ich aufstehe und meiner Ausbildung nachgehe. Mittlerweile habe ich auch wieder die Worte für meine Gedanken gefunden und die Lust, etwas zu tun. Ich bin endlich in der Lage, mich auf Menschen einzulassen und vor allem auf mich selbst. Ich hatte auch die Wahl, ob ich in eine andere Stadt ziehen sollte oder nicht, eine größere Stadt, wo es mehr so verrückte Persönlichkeiten gibt, wie mich. Aber ich bin noch hier und das auch bewusst. Ich kenne zwar jeden Backstein auswendig und zu jeder Parkbank gibt es eine irre Geschichte, doch ich erzähle sie gerne und bin mir auch darüber klar, dass ich diese Geschichten zwar nicht umschreiben, aber  neue Geschichten auf mich zu kommen lassen kann.

Ich habe auch keinen Kontakt mehr zu den Leuten von damals und würde es auch nicht mehr wollen aber eine Lektion nehme ich für immer mit: Der Boden der Tatsachen ist hart. Vor allem wenn man mit voller Geschwindigkeit aufprallt. Aber man sollte dort auch einmal gewesen sein und nichts und niemand ist so schlimm, als dass die Zeit nicht auch diese Wunden heilen kann. Ich schwirre immer noch gerne hoch oben am Himmel rum und hänge verrückten Gedanken nach, aber ich halte mich gerne am Seil der Realität fest, nur zur Sicherheit.

Träume groß, arbeite hart und sei kein Arschloch – Mike Shinoda

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