Über Alkoholmissbrauch und Sommerkater.

Es gibt Dinge, die regen mich wahnsinnig auf. Fracking, Angela Merkel, meine Nachbarn und die Wollmäuse unter meinem Bett. Im Prinzip jeder Mensch, der um mich herum existiert. Jedenfalls manchmal. Der Ärger kocht meistens schneller über, als mir klar ist und mein Umfeld reagiert dementsprechend mit Unverständnis. Zumindest zum Teil. Die ständigen Rechtfertigungen, was meine Person betrifft sind auch einer der Gründe, die mich diesen kleinen Ausflug in den menschlichen Wahnsinn machen lassen.

„Warum machst du diese Ausbildung?“

Ja, gute Frage. Die stelle ich mir auch oft und nicht nur ich, meine Kollegen zweifeln ebenfalls. Nicht nur, dass die Aussicht auf gute Bezahlung und persönliche Erfüllung utopischt ist, ist die Ausbildung nicht einmal bezahlt. Unterstützung vom Staat? Fehlanzeige. Was will man machen, man hat sich eben entschieden, dann wird das schließlich durchgezogen. Nicht schon wieder abbrechen, auch wenn man weiß, dass man bei Aldi ungelernt mehr Geld zur freien Verfügung hätte als in meiner Ausbildung. Dafür haben wir sehr viel Freizeit. Jedenfalls macht es auf den ersten Blick auf die Jahresübersicht den Anschein. Schulferien, so weit das Auge reicht, Sondertermine ohne Unterricht. Nie nach 16 Uhr Zuhause sein und wenn wir ehrlich sind, beginnt das Wochenenden bei vielen neuerdings Donnerstags: Das Wochenende des kleinen Mannes.

Ein Phänomen, das sich durch alle Schichten zieht.

Warum? Freitag ist quasi Wochenende und alle haben gute Laune, verzeihen einem dem Kater. Ich weiß nicht, wie vielen es tatsächlich so geht aber ich kann spätestens Donnerstagnachmittag ein Aufatmen hören: Endlich ist es (fast) geschafft. Anscheinend sind die Deutschen Spitzenreiter im Alkoholvernichten, auch wenn die Werbung uns mittlerweile ausreichend Alternativen zur Verfügung stellt, in Form von schmackhaften antialkoholischen Alkoholen. Cool denke ich und frage mich, an wen dieses Produkt adressiert ist. Den trockenen Alkoholiker? Den gesundheitsbewussten Mädels aus der Werbung, die sich um ihre Fitness sorgen? Leute, die nichts vertragen?Trinken wir, wegen dem Geschmack des Biers? Immerhin gibt es doch zahlreiche Modelle im Kühlregal, die adäquaten Erstatz schaffen. Mir persönlich geht es um den Rausch. Aber nicht um den Rausch, den man im Suff hat. Ich fühle mich einfach besser, wenn ich zumindest irgendwas intus habe. Ein bisschen eine Abwechslung, eine andere Spur, auf der man durch die Straße der Realität cruist. Von verdrängen halte ich nichts, ich konsumiere nicht, um zu vergessen, ich komsumiere um die Leere zu füllen. Ich habe nichts zu verdrängen und mein Leben ist oberflächlich betrachtet so spannend wie der Inhalt eines Kühlschranks. Schon irgendwie interessant, aber man schließt dann doch desinteressiert und gelangweilt die Türe und widmet sich den Medien: Facebook, RTL und Porno. Klar, ich versuche mich kreativ zu betätigen. Ich wollte so gerne die Welt verändern, doch wie nur. Irgendetwas hinterlassen, etwas mit Sinn und Tiefgang. Doch irgendwie fühlen sich diese Zeiten so ausgelutscht an. Alles hat es schon mal gegeben, keine Idee ist neu und noch schlimmer, keine Idee hat je richtig funktioniert. Man kann eine Familie gründen, aber mit wem? Reicht dann das Geld und war das dann wirklich alles? Ein Eigenheim bauen, was einem als Retner unter dem Arsch weggepfändet wird… Fragen über Fragen und dazwischen die chronische Müdigkeit, das Resultat aus Langeweile und sozialer Kälte. Kopfschmerzen, weil einem alles auf den Sack geht. Früher oder später wird dich auch das neue Auto ankotzen. Optionen über Optionen, die suggerierte Freiheit und die Aussicht auf Reichtum und ewigen Rum versüßen einem diese leeren Zeiten. Du kannst alles erreichen, was du willst. Sei fleißig, flexibel, belastbar und ohne Seele, dann wird das schon. Klar, es gibt gute Phasen, schöne Phasen. Erfolge, Liebe, Sonne und ein Eis. Und dann ist wieder Montagmorgen, das Statement für mein Leben kotzt mich an. Montag.

Und doch brauchen wir eine Struktur, einen Sinn, den Weg zum Glück.

Lieber chillen, aber was mit der freien Zeit anfangen? Irgendwann ist auch das nicht mehr genug. Ohnmacht: Ist doch sowieso alles kaputt, gib mir die blaue Pille und lass mich chillen (Die Orsons)

Gebt mir lieber ein Bier und gute Gespräche, wenigstens die Option aus meinen eigenen nüchternen Gedanken raus zu kommen. Na sicher, einige Kollegen würden mir nun sagen: „Es gibt ja auch noch Jesus. Alles wird gut, so lange du glaubst.“

Schön.

Letztes Jahr um diese Jahreszeit, es war schön und es war sonnig, warm und das ergrünen der Bäume hatte einen Hauch von Hoffnung auf eine bessere Episode. Oft waren wir draußen, alle zusammen um ein, zwei oder auch einen Kasten Bier zu trinken. Die Welt war schön und es war Sommer: Wir waren permanent betrunken und oder bekifft und es war in Ordnung, wir waren es ja alle. Es war ein Lacher, wenn jemand sich mit Restpromille in den Unterricht geschlichen hat. Es war immer amüsant, wenn der Kollege beim Wandertag einen Schnaps ausgepackt hat. Die Bier-Witze waren super, die Dichtgespräche der Hammer. Es hatte etwas von Schwerelosigkeit und man befand sich schließlich in bester Gesellschaft. Sonntagnachmittag und schon einen sitzen? Kein Ding, geht doch vielen so. Immerhin geschieht es in deutschlands Gärten und immerhin war auch irgendwann die WM.

So lange es im Kollektiv geschieht, kann es doch nicht verwerflich sein.

Dann kam der Winter, die Akzeptanz war längst gesunken. Auf den Vorschlag, etwas trinken zu gehen kam ein verhaltenes Lächeln, aber kein lauter Aufschrei des Jubels mehr. Scheint, sich morgens um 6 einen Amaretto in den Kaffee zu kippen ist nur ein Ding der Möglichkeit, wenn es Sommer ist. Im Winter ist es traurig und hat irgendwas von: Hast du ein Problem? Nein, habe ich nicht. Gebt mir irgendwas, aber hauptsache manchmal nicht mehr Opfer meines Selbst zu sein. Ständige kritische Selbstreflexion führt zwangsläufig zu Depressionen. Und dabei ist es doch wichtig, sich zu reflektieren, doch es wird schnell zu einer Obession.

Zwischen Selbstverbesserung und Selbsthass liegen unter Umständen nur zwei Gläser Wein.

Jetzt ist es wieder warm und wieder kann man dabei zusehen, wie moralische Standards wie die Sonne am Himmel verschoben sind und schließlich sehr spät untergehen. Wir werden wieder diese Schwerelosigkeit des Sommers zelebrieren und im kollektiv das ausleben, das jeder in sich hat: Die Auszeit von der Leere des Seins. Es wird laut, spaßig und fröhlich. Dann kommt der Herbst und darauf folgt der Sommerkater, wo jeder sich heimlich das holt, was er braucht.

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