O du fröhliche Rotznase: Zwischen Vorweihnachtsbasteln und Zwangsschließung

„Ich glaube, mir geht’s nicht gut“, sagte ich noch.


Eigentlich wäre jetzt die Zeit, sich über die Weihnachtsdeko Gedanken zu machen. Wer wird den Nikolaus spielen? Wann wollen wir backen? Der Dezember ist bald, da ist Planung nötig. Aber diese Fragen sind eher zweitrangig, wenn auf politischer Ebene weiterhin Uneinigkeit herrscht wegen des Singens im Morgenkreis. Ihr wisst schon, die berühmte Infektionskette, die mit dem Nichtsingen unterbrochen wird. Es ist ja nicht so, dass Kind X sich die mit grünem Sekret verschmierte Nase mit bloßer Hand abwischt, um dann nach dem Spielzeug zu greifen, das Kind Y gerade noch im Mund hatte.
Wie gewöhnlich das doch war, Kinder mit Rotznase in die Kita zu bringen und wie ungewöhnlich es plötzlich wurde, als ein Wort, ein leiser Verdacht, ja gar blanke Angst immer lauter geworden ist: Corona.


Aber von kranken Kindern möchte ich heute nicht erzählen.


Wir Deutsche gehen gern zur Arbeit. Wir sind effizient, nichts lieben wir so sehr, wie eingehaltene Deadlines. So sagt man jedenfalls. Und damit das Uhrwerk weiter fleißig tickt, wird schnell ignoriert, was derzeit schlimmer in den Medien grassiert, als an der Supermarktkasse: die ersten Anzeichen einer Krankheit. Im Herbst ja nichts Ungewöhnliches, oder?
Mal rumort es im Bauch, mal kratzt der Hals. Was solls – war eben das Essen nicht mehr gut oder das Fenster im Auto zu lange auf. Dann quält der gute Arbeitnehmer sich – krank sein kann man auch in der Freizeit.
Und tatsächlich: Wie oft werden wir am Wochenende krank? Wir kurieren uns im Schnellverfahren aus, dass es Montagmorgen wieder geht. Eben gerade so. Geht ja nicht anders, wir sind unverzichtbar. Und überhaupt, was sollen die anderen sagen? Dann wird doch im Flur getuschelt: schon wieder krank? Also in den gesunden Apfel beißen oder ab zur Apotheke, wo noch für jedes Wehwehchen ein hübsches Werbeversprechen lockt. Die Branche Nahrungsergänzungsmittel boomt, Titel wie ‚Super Human‘ rangieren auf den höchsten Bestsellerlisten und gesunder Schlaf war noch nie so wichtig. Schnell bekommt man den Eindruck, es doch irgendwie selbst in der Hand zu haben. Selbst schuld zu sein, wenn aus dem langsamen, aber stetigen Kratzen plötzlich ein Brennen und das Schlucken von wohltuendem Tee zur Unmöglichkeit wird. Hättest du eben mehr Sport getrieben, auf deine Ernährung geachtet, Stress vermieden, wärst früher ins Bett gegangen …
Die Liste mit den Selbstbeschuldigungen ist endlos.


Und war da nicht noch etwas mit Abstand halten? Hände waschen? Maske tragen?


Seit April bestimmt das Bild der Maske unseren Alltag und es fühlt sich seltsam an, Filme zu sehen, in denen die alte Realität uns unverblümt in die maskenbedeckten Gesichter grinst.
Vieles hat sich geändert, vielleicht viel mehr, als uns jetzt klar ist.
Aber eines sicher nicht: Die Unverzichtbarkeit am Arbeitsplatz.
Ich bin Erzieherin, ich weiß, wovon ich rede.

Nichts ist mehr gefürchtet, als der morgendliche Anruf. Kollegen und Kolleginnen fallen wie die Fliegen. Sätze wie „du sahst gestern schon nicht gut aus“ fallen gleich mit. In Wahrheit ist es nämlich so, dass wir vieles einfach wegstecken, aushalten, aussitzen, über uns ergehen lassen. Kranke Kinder markieren dabei erst den Anfang einer langen Reihe, über die in den Medien kaum gesprochen wird. Weil Kinder keine Infektionstreiber sind. Viel wird derzeit getan, um den Regelbetrieb aufrecht zu erhalten. Maskenpflicht im Unterricht, wenn er nicht digital stattfindet. Aber Maskenpflicht in der Kita? Eher nicht. Dann lieber nicht singen und bei kühlen Temperaturen in alten Gemäuern das Fenster offen lassen. Immerhin haben wir gesehen, was passiert, wenn dieses System ausfällt. Noch mehr wird derzeit getan, um (arbeitende) Risikogruppen zu schützen. Diese gehen ins Homeoffice oder sind (zu Recht!) freigestellt. Es gibt viele Erzieherinnen, die sich stetig dem wohlverdienten Ruhestand nähern; Babyboomer. Wir alle wissen um unseren Fachkräftemangel, beklagen ihn und zählen die Jahre, bis sich die düstere Prophezeiung endlich erfüllt.
Nun kommt es mir so vor, als wären die Probleme (zu Recht!) ins Homeoffice vorverlegt worden. Die Personalnot ist groß, die Ansage der Politik aber klar: „Der Betrieb muss weiter gehen.“ Dumm nur, dass unser Produkt den Sprung im Rad nicht einfach wegstecken kann. Weil es Kinder sind. Eure Kinder. Unsere Zukunft.
Was also tun, wenn der Hals den dritten Tag infolge kratzt, der Kopf gleich springt, mit dem Wissen, dass bereits zwei andere krank sind? Ihr ahnt es sicher. Sprichwörtlich abwarten und Tee trinken. So lange, bis die anderen wieder fit genug sind, den Regelbetrieb aufrechtzuerhalten, wenn man selbst nicht mehr kann oder es eben vorher gar nicht mehr geht.

Und dann?


„Ich glaube, mir geht’s nicht gut“, sage ich an einem Donnerstagmorgen mit dem schlechtesten aller Gewissen, das tief in mir nagt und jäh die Übelkeit verscheucht, die mir brodelnd in die Kehle steigt.
Die Kollegin drückt mir meine Tasche in die Hand, verabschiedet mich noch mit Sorgen in ihrem Blick. Wahrscheinlich Magen Darm, geht ja gerade rum, denke ich und lege mich schlafen. Sieben Stunden später wache ich auf, mit meinen neuen besten Freunden: Fieber und Husten.
Freitag Nachmittag gehe ich zum Abstrich, weil die Symptome inzwischen quälend sind.
„Aber gerade so“, sagt der Doc und unterrichtet mich lächelnd, die Teststrategie habe sich geändert. Primär nur pflegerisches und medizinisches Personal. Die anderen mit Symptomen, die sollen halt einfach daheim bleiben, sich auskurieren.
Es schmerzt. Sind wir Erzieher/innen die anderen? Haben wir denn nicht über Wochen zehrend festgestellt, systemrelevant zu sein?
„Das Ergebnis kommt aber erst so gegen Dienstag, vielleicht Mittwoch. Die Labore sind …“
„Überlastet“, seufze ich und denke an all die Dinge, die ich mir seit März verkniffen habe, damit andere Systeme nicht überlasten. Unter anderem unseres.


Eben weil wir systemrelevant sind. Weil wir wichtig sind. Weil wir Verantwortung tragen, dass es läuft. Weil wir es wollen müssen, weil wir sozial sind.


Dienstags fühle ich mich etwas besser, matt noch und erschlagen, bekomme kaum Luft, wenn ich die Treppen empor steige, denke, das bilde ich mir sicher ein. Ein Kaffee, vielleicht ein weiterer super green Smoothie, etwas Ruhe und morgen bin ich wieder fit. Immerhin steht eine Teamsitzung an, da wollen wir doch die Vorweihnachtszeit besprechen. Wie absurd mir das im Moment vorkommt. Doch ich schiebe den Gedanken beiseite, bleibe positiv. Morgen bin ich wieder da. Bereit, meinen Dienst an der Gesellschaft zu erfüllen. Denn das tue ich, und das aus Liebe.
Doch es kommt anders. Und plötzlich wird aus meiner Einstellung ein Befund:

Positiv.


Ich bin nun eine von diesen derzeit 15.000, die das Land in spannungsvollen Atem halten. Der Atem, der mir seit Donnerstag irgendwie fehlt. Ich denke an die Kinder und deren direkte Angehörige, die nun in Quarantäne müssen. Hätten meine Kolleginnen und ich uns gleich aus einem diffusen Unwohlsein heraus krank melden sollen? Gelte das für jedes Mal, wären die Straßen morgens sicherlich leer.
Aber dann überlege ich, rechne nach, wo ich mich bei wem hätte anstecken können. Die Kontaktliste ist nicht lang; der eigene Haushalt und der Betrieb, der doch unbedingt am Laufen hatte bleiben sollen.
Der Rattenschwanz beginnt, wo war ich wann mit wem, wer muss in Quarantäne, wer nicht? Datiert ist die Wiedereröffnung des Betriebs auch schon, ohne zu wissen, wen es noch erwischt hat und mit welchen Konsequenzen.


Ich wünsche es keinem.

Gut geht es mir nur, wenn ich ganz ruhig da sitze. Sobald ich in Bewegung bin, muss ich schnaufen, brummen wie ein Maikäfer, der sich aufbläht, aber nicht mehr fliegen kann. Spaßig ist das nicht, gleichzeitig vor Hitze einzugehen und zu frieren. Zu husten, als würde ich wieder zum ersten Mal rauchen, was ich vor 4 Jahren aufgegeben habe. Den Kindern zu liebe. Du stinkst, haben sie gesagt. Recht haben sie gehabt.


Ich bin nicht für flächendeckende Schließungen, das ist ungerechtfertigt. Aber ungerechtfertigt ist ebenfalls, Restaurants, Saunen und Sonstiges zu schließen. Die haben gute (und überwachte) Hygienekonzepte. Ich würde meinen, bessere als so manche Kita. Hier kommt nämlich niemand und kontrolliert, wie gut wir das bisschen umsetzen, das wir noch in der Hand haben.

Ich bin für mehr Achtsamkeit, Respekt, ein wenig Verständnis, dass die Welt auch für uns aus den Fugen geraten ist. Dass Elternabende leider ausfallen müssen. Dass Ausflüge, Sankt Martin und Weihnachtsfeiern anders ablaufen, wenn überhaupt. Dass Kinder in neue Gruppen aufgeteilt wurden. Dass Betreuungszeiten eingeschränkt wurden. Dass Elterngespräche sich anfühlen, als säße man auf Station. Dass Eingewöhnungen unter Pandemiebedingungen irgendwie seltsam und deshalb vermeintlich weniger herzlich sind. Dass aus dem netten Tür- und Angel-Gespräch kurze Abrisse des Tages und Post im Täschchen mit spärlichen Informationen geworden sind. Dass wir schließen müssen, weil dieses System eben nicht, wie von oben diktiert, unfehlbar ist.

Aber wir tun auch weiterhin unser Möglichstes.
Für die Kinder.
Unsere Zukunft.
Für euch und für uns.

2020 – ein Nachruf

Ich weiß noch genau, wie ich am 02. Januar 2020 morgens zwischen Müdigkeit und dem eigenen Ärger, nicht Urlaub eingereicht zu haben, zur Arbeit gefahren bin. Die Nachrichten waren noch spärlich gespickt von einer unbekannten Lungenkrankheit, die sich langsam aber stetig in China ausbreitete. Ich weiß noch wie ich scherzhaft dachte: So fängt es also an. Das Ende.

Ich lüge, wenn ich sage, ich hasse Jahresrückblicke. Die Kitschigen schon, so mit Blümchen-Filter, Herzen und dem Gedöns, das einem Jahr wie jedes andere auch eine ganz besondere Note verleihen soll. Dieses Jahr ist allerdings anders, als die anderen, so viel steht fest. Dieses Jahr erwarten uns nicht wie üblich Montagen abenteuerlicher Urlaubsreisen, grandioser Zusammenkünfte, vermeintlich sinnbefreiter Feiereien. Stattdessen verpatzte Frisuren, an denen selbst Hand angelegt worden war, versteckt unter winterlichen Wollmützen, frisch gestrichene Wände, weil Baumärkte das frühlings Highlight waren. Keine Kinder in gruseligen Kostümen an Halloween. Leergefegte Straßen, in denen kein Gesang zwischen einsam illuminierten Weihnachtsbäumen hallte. All diese Dinge kommen euch bekannt vor, ich muss sie nicht aufzählen. Aber irgendwie doch, denn es hat mich berührt, irgendwo tief da drinnen.
Von der ganz persönlichen Seite war dieses Jahr ein Arschloch. Aber vielleicht tue ich ihm auch Unrecht, diesem Gauner, getarnt als Jahr. Vielleicht auch nicht; schließlich gab es Krankheit, Verzweiflung, Neid und den Wunsch, die Zeit zurückzudrehen.

Aber auf welches Datum? Der letzte Urlaub vor Covid? Die süße Unwissenheit, was da auf uns zukommt? Aber liegt die Schönheit einer Erinnerung nicht tatsächlich darin, dass sie längst vergangen ist?


Und genau so ist es. Manchmal erkennen wir Schönheit nicht, auch wenn sie direkt vor uns liegt. So oft gehen wir achtlos vorbei an Menschen, die uns eigentlich nur ein freundliches Lächeln schenken wollen, ignorieren die Anrufe unserer Freunde, weil es gerade nicht passt. Einmal, zweimal. Einmal zu oft. Dann werden sie zu Bekannten, die wir schließlich zwischen Erinnerung und Vergessenheit wiederfinden. Endstation Einsamkeit. Es heißt, es sei so einfach, neue Freunde zu finden. Man muss nur rausgehen. Und dann spazierte Covid19 durch die Tür, machte es befangenen Erwachsenen noch schwerer, Kontakte zu knüpfen, riss verheilt geglaubte Wunden auf und lachte einer überzivilisierten Gesellschaft auch noch frech ins Gesicht.

Und das war’s dann mit dem ohnehin schwierigen Neujahresvorsatz, neue Bekanntschaften zu knüpfen. Kinder haben es da etwas leichter. Es reicht ein Hallo. Selbst während einer Pandemie. Apropos Kinder.


Das wollte ich lange schon klarstellen: Sind Kinder die Verlierer der Pandemie? Das ist doppelt ungerecht. Sie sind angeblich keine Treiber, nun aber sogar die Verlierer? Beschämend, dass ausgerechnet jetzt das Schlagwort Kindeswohl auf den blank polierten Tellern der Politiker als das heiße Tagesgericht serviert wird, waren doch Kinder aus prekärem Verhältnissen jahrzehntelang nur eine nicht erwähnenswerte Beilage im strukturellen Wandel, in der lieblos herumgestochert wurde, sobald der Blick darauf fiel. Und jetzt ganz ehrlich: Schämt euch.

Aber davon mal ganz abgesehen; zuhause mit den Kindern sein, ist das wirklich so schrecklich? Sind Eltern tatsächlich nicht imstande, ihre eigenen Kinder zu betreuen? Provokante These, ich weiß. Aber öffentlich wurde sie in diesem Jahr tausendfach diskutiert und unverfrorenerweise mit „wie in der DDR“ betitelt. Die Mehrheit meiner Kindergarten-Eltern meldete mir in diesem Sommer jedoch zurück, wie angenehm die Zeit mit den Kindern daheim doch gewesen sei. Nochmal wie Elternzeit.

Aber der Ruf der Gesellschaft ist lauter als das leise Flüstern von verunsicherten Frauen, zwischen den Vorwürfen, der Emanzipation nicht genüge zu tun und dem verzweifelten Wunsch nach finanzieller Unabhängigkeit. Der Vollzeitjob ist zu wichtig, ihn aufzugeben. Supermärkte besitzen zwar die Frechheit, Geld zu verlangen. Aber ist der ganze Luxus sonst nötig? Und müssen wir uns 2020 immer noch fragen, ob eine gesicherte Rente für jeden wirklich Luxus ist? Tja, zum Glück gibt es den Fortschritt und den Frauen steht es angeblich selbst frei, welchen Weg sie nehmen. Und der ist doch so bequem. Und so kam das mit den Kitas, die 2020 plötzlich ihre volle Bedeutsamkeit entfalteten, wie die Flügel einer Motte im Licht der LED Straßenlampe.

Kitas blieben plötzlich geschlossen, Erzieher wurden scharf kritisiert, Eltern wurden endlich laut. Die Politik stimmte schließlich mit ein und begann ein Mantra zu beten, das selbst den vermeintlichen Verlieren alsbald sehr auf den Sack ging: Bildungsstätte bleiben offen. Bildung (auf einmal) als Grundrecht der Kinder. Aber um jeden Preis?
Ich, wie viele andere Erzieher*innen fing mir Covid ein, begann sogar streckenweise selbst zu beten. Bitte lass es aufhören. Lass es irgendwann wieder normal werden. Aber normal ist eine Illusion. Ganz wie vorher ist es noch immer nicht und darüber bin ich erstaunlicherweise froh. Corona legt nicht nur die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Defizite bloß, sondern auch die persönlichen. Mein Leben vor Covid war geprägt von einem ewigen Rennen, dessen Ziel mir nie ganz klar gewesen ist.

Wir arbeiten uns halbtot, weil wir vermeintlich unverzichtbar sind. Optimieren uns unaufhörlich selbst, um neben all der Arbeit und den lästigen Verpflichtungen, die das als Kind so eilig herbeigesehnte Erwachsensein mit sich bringt, noch Energie für ein Quäntchen überbewerteten Spaß zu haben. Für all die schönen Dinge, die wir gar nicht vermissen, wenn es wirklich drauf ankommt. Meine Ärztin stellte die entscheidende Frage: Sind Sie nicht müde?
Oh, und wie ich das bin.
Um wirklich zu 100 % zu funktionieren, hörte ich im August auf, die von der Gesellschaft akzeptierte Dosis Alkohol zu trinken. Mitten in einer globalen Pandemie verzichtete ich auch noch darauf. Nicht, dass es unbedingt nötig gewesen wäre. Das bisschen ist doch nicht schlimm? Aber Selbst reflektiert, wie ich nun mal bin, stellte ich mir die entscheidende Frage: Wie unterbewertet cool ist Nüchternheit?


Und die Antwort lieferten mir, wie so oft schon, die Kinder. Kinder sind so unbeschwert, dass ich mich manchmal dabei ertappe, wie ich sie im Stillen um dieses rosige, liebenswerte, gelöste Wesen beneide. Kinder konsumieren keinen Alkohol, sie netflixen nicht den ganzen Tag, rauchen nicht und denken keineswegs über die allgegenwärtige Schwere des Lebens und des darauffolgenden Todes nach. Sie sind einfach. Selbst in einer richtig beschissenen Krise sehen sie in einem simplen Stock das begehrenswerteste Objekt der Welt. Und das macht sie zu den echten Gewinnern, immer.


Ich verzichtete also auf meinen Freitagabend und mein Bier. Ich befürchtete das Schlimmste: Langeweile. Das Gegenteil trat ein und ganz ehrlich; gelangweilt habe ich mich eigentlich nicht. Eigentlich. Aber es liegt in unserer Natur, gelegentlich eine Leere zu spüren, die wir unbedingt zu füllen versuchen. Mit den schönen Dingen oder großmütigen Taten, bis wir feststellen: Sie vergeht nicht. Nicht wirklich jedenfalls. Doch wenn wir sie akzeptieren, als Teil des Menschseins wirklich annehmen, dann verändert sie sich. Dann sehen wir, was wirklich zählt. Nicht das Shopping in der City. Nicht die Restaurantbesuche. Nicht die Filter, die wir suchen, um den Strand von den vielen anderen abzuheben. Und genau da begann ich die Schönheit zu sehen, die zwischen all den aufregenden Posts, dem vermeintlich verpassten Leben und dem kleinen Scheiß untergangen waren, über den ich mich viel zu oft beklagt habe und der über die Jahre schlicht in Vergessenheit geraten war.


Die Sprachnachrichten einer Kollegin, die in der Krise zu einer echten Freundin geworden war, die mir lebhaft von ihrem Tag berichtete. Das häusliche Stiefkind, der karge Balkon, der plötzlich erblüht, weil man die Zeit für ihn hat (und keine andere Wahl). Das Lachen der Mama, das sie sich in schwerer Krankheit bewahrt hat und das plötzlich zum Leuchtfeuer in der Nacht wurde, das mir zeigte: Das will ich auch.

Und so kehre ich ab vom Arschloch und sage Danke 2020.

Du hast mir gezeigt, das bin ich auch. Wenn ich nur will. Vielleicht, weil ich keine andere Wahl hatte, als das Beste aus dem herauszuholen, das ich habe. Und das ist großartig, weil ich es mir selbst irgendwann sogar ausgesucht habe. Und wie stark ich bin. Ich hatte es nur vergessen, weil ich es so bequem hatte. Danke, dass ich erwachsen geworden bin. Weil ich es musste.


In diesem Jahr habe ich gegen die Drachen einer eingeschlafenen Bürokratie gekämpft. Gegen die Ungerechtigkeit, dass die vielen Überstunden einfach im Lockdown verschwunden sind. Gegen die Vorurteile, dass Erzieher lieber zuhause bleiben würden, als zu arbeiten. Gegen Urgesteine, die nicht wahrhaben wollen, dass die Zeiten sich geändert haben. Dass meine Generation auch eine Stimme hat, die nicht nur Unsinn postet.


Ich habe verloren.


Daraufhin habe ich gekündigt. Meine Wunden geleckt. Die Situation neu bewertet. Es wird immer jene geben, die lieber Schweigen, als sich den Tatsachen zu stellen. Und dann gibt es jene wie mich, die das Schweigen innerlich zerreißt. Aber nicht dieses Jahr, diesmal nicht. 2020 habe ich meine Wut auf das Jahr zusammengekratzt und ordentlich auf den Tisch gehauen. So geht es nicht – nicht mit mir, nicht mit uns! Es ist nicht fair, unter den Erwartungen des guten Kita Gesetzes zu arbeiten, den der Personalschlüssel selbst in guten Zeiten nicht hergibt. Es ist ungerecht, Tyrannen zu dulden, nur weil sie lauter sind. Es war zu spät; meine Entscheidung, woanders neu anzufangen und diesmal einfach den Mund zu halten, gefällt.


Die ehemaligen Kollegen, von denen manche inzwischen meine engsten Freunde geworden waren, zogen mit, prangerten ebenfalls an, was nicht länger stillschweigend hinzunehmen war. Dass sich die Dinge daraufhin tatsächlich änderten, bewies mir, dass nichts so starr und unveränderlich war, wie ich immer angenommen hatte. Weil ich den Anfang gemacht habe. Und dann alle zusammen. Dass alte Systeme wohl zusammenbrechen können, wenn man nur bestimmt und gezielt genug an ihnen rüttelt. Zusammen.

Und so kam ich, 2020 sei Dank zu einem neuen Ethos, dass das Gras auf der anderen Seite eben nicht grüner ist, nur weil es sich um unbekanntes Territorium handelt. Ich weinte, aber nicht aus Bedauern. Diesmal aus Überzeugung. Ich nahm meinen Mut und meine Hoffnung auf ein neues, besseres Jahr zusammen und bat, wieder nach Hause zu kommen. Denn nach allem, ist diese Kita genau das für mich geworden. Zuhause.

Und plötzlich ist alles möglich. Denn wir sind viele, eine Gesellschaft, vereint in Solidarität, die 2020 das schönste Comeback überhaupt erlebt hat. Wir sind nicht nur Kitapersonal. Wir sind Kita.

Und so begrüße ich ganz ohne Feuerwerk ein neues Jahr, voller Chancen, alten Freunden und der Demut, nicht aufzugeben. Niemals.

Grüße aus den „Corona-Ferien“ – ein Fazit

Ich hatte Pläne für den Sommer. So geht es vielen, ich weiß. Mal ganz unabhängig davon, dass wir das Land vielleicht nicht verlassen können, gibt es doch andere Dinge, die man im Sommer tun könnte. Urlaub im Spreewald oder vielleicht an der Ostsee? DDR Style – warum nicht?
Tja, darum: Corona. Können Sie es auch schon nicht mehr hören? In meinem letzten Eintrag habe ich beschrieben, wie der letzte Tag vor der flächendeckenden Schließung eines der unzähligen Kindertagesstätten abgelaufen ist. Ich bin Erzieherin und für all die, die es nicht wissen: Unsere Arbeit besteht nicht nur aus der Zeit am Kind. Oh nein. Da gibt es so viel zu dokumentieren, dass die Stasi sich gewiss ein Scheibchen davon hätte abschneiden können. Beim Stichwort Personalmangel wird jedoch klar, dass die Ressource Zeit so knapp bemessen ist, wie damals angeblich Bananen. Was all die DDR-Anspielungen sollen? Dazu später mehr.

Jedenfalls wäre jetzt die Zeit gewesen, all das aufzuarbeiten, damit bis zum Ende des Kindergartenjahres doch etwas Vorzeigbares entstanden ist. Wenn nämlich keine Dokumentation hängt, entsteht schnell der Eindruck, dass keine Bildung umgesetzt wurde. Wie, ihr habt heute nur gespielt? Weil es auch so einfach ist, das Freispiel einer alters-gemischten Gruppe, bestehend aus (wenn es gut läuft) 20 Kindern alleine zu koordinieren, nicht wahr?
Ich denke, und das meine ich nicht wertend, viele (Eltern) begreifen erst jetzt, wie essentiell diese Arbeit ist. Da ist nichts mit mal kurz Pause machen, schon gar nicht im Homeoffice, wenn es ständig an der Türe klopft oder im Nebenzimmer das Geheule darauf hinweist, dass die Situation unter Geschwisterkindern alleine nicht mehr tragbar ist. Noch einmal zur Klarstellungen: Natürlich wissen Eltern das, aber die Krise verändert nun mal die Sicht auf die Dinge, auch auf unsere Arbeit.
Unser ‚Homeoffice‘ ist unsere Verfügungszeit in einem Büro mit einem PC, den sich 8 Leute teilen. Ich verstehe, wenn Eltern sagen, dass man gefühlt zu nichts kommt, weil andauernd MAMA/PAPA durch die Flure gebrüllt wird, denn so geht es mir (nach einer heftigen Kündigungswelle 2019) seit Monaten und anderen seit Jahren.

16. März
Als uns die Nachricht ereilte, dass Kitas geschlossen werden, herrschte Unsicherheit. Bei den Eltern, ganz klar. Aber auch bei uns. Wie geht es weiter? Werden wir weiter bezahlt? Klar war nur eines: Wir haben definitiv nicht frei. Ein wenig bitter, wenn man aus dem Bekanntenkreis erfährt, wie andere Träger mit dieser prekären Situation umgehen – Freistellung bei voller Lohnfortzahlung.
Auf anfängliches Erstaunen folgte im Team die Euphorie. Ein leeres Haus mit nichts weiter außer Zeit. Reichlich Zeit. Man, was hätten wir alles tun können. Portfolios auf den neusten Stand bringen, Fotos ausdrucken, Themenkisten richten, den Garten (endlich) so gestalten, dass wieder Bildungsarbeit möglich ist, den Dachboden entrümpeln, Speisepläne überarbeiten, dem Auftrag des Datenschutzes, so lächerlich er manchmal auch sein möge, gerecht werden. Die Liste lässt sich endlos fortsetzen. Also ran ans Werk!

18. März
Die Euphorie, nach der Krise gut gerüstet in ein neues, besseres Zeitalter zu starten, zerbrach jedoch bald darauf. Wie sieht es mit Arbeitsschutz aus? Auf einmal wurden diese Themen wichtig, rückten in den Vordergrund, statt nur auf dem Papier zu existieren. Die Folge: Nur 2 Personen pro Raum, unklare Anweisungen, die Einführung von Schichtdiensten, um sich nicht unnötig zu begegnen. Dabei vergessen wurde, dass sich 8 Erzieherinnen dennoch eine Toilette teilen und dass sämtliches Desinfektionsmittel bereits übergeben wurde an jene Einrichtungen, die bereits den Notbetrieb aufrecht erhielten. Warum arbeiten wir nicht in der Notgruppe?
Überschlagen Sie mal grob, wie viele systemrelevante Menschen Sie kennen, die entweder beide dort in Vollzeit arbeiten oder ein allein-erziehendes Elternteil, das sonst keine Möglichkeit der Betreuung zur Verfügung hat. In der Summe macht das 26 Kindergartenkinder, umgerechnet auf 180 Erzieher/innen. (Wir in unserem Haus arbeiten derzeit 8:83, 3 in der Krippe insgesamt 5 Leute in Teilzeit und ganz sicher niemals immer 8, da Krankenstand, Urlaub, usw …). Der Rest soll dennoch seine Stunden leisten und Aufgaben erledigen, die immerzu protokolliert werden müssen. Man will ja nicht, dass die Leute nur Stunden absitzen, denn, wo kämen wir dann hin?

19. März
Die Anweisungen änderten sich stündlich und schürten die Unsicherheit, gepaart mit der Angst, was da auf uns zurollt. Auf uns als Gesellschaft. Die Einen waren dagegen, dass wir den Anweisungen folgten und pünktlich zur Arbeit erschienen. Die Nächsten kontrollierten das Geschehen umso schärfer, je mehr Zeit in den Einrichtungen verging. Weil man muss ja was tun für sein Geld! Dann sollten plötzlich sämtliche Überstunden abgeleistet werden, wie in vielen anderen Branchen auch. Es ist eben eine noch nie dagewesene Krise; selbst während der Weltkriege lief die Wirtschaft eifrig weiter. Also, alle verlassen mit einem Mal das Haus.

20. März
Irgendjemand muss vor Ort sein, um mögliche Einbrüche zu verhindern oder um Eltern telefonisch für Fragen zur Verfügung stehen. Und überhaupt, wer lässt die Bauarbeiter ins Haus? Das war eigentlich für die Schließtage im Sommer angedacht gewesen, aber jetzt ist es besser. Warum, erfuhren wir eine Woche später.
Ein ausgeklügeltes System musste her, #Infektionsschutzgesetz. Kollegin X leistete ihre Stunden von 8-14 Uhr, manchmal sogar mutterseelenallein bis 16 Uhr, da sie neu ist und folglich keine Überstunden angesammelt hat. Kollegin Y löste sie ab, immer mit dem Wissen im Hintergrund, dass sich in den nächsten Minuten sowieso alles ändern kann. Und wieder die blanke Panik, wenn das Telefon klingelt. Das E-Mail Postfach quoll über, Regeln über Regeln, Paragraphen von ganz oben, so wirr, als hätte Kafka selbst sie verfasst. Kafkaesk!

26. März
Die Situation wurde allmählich bizarr; eine einheitliche Regelung musste her. Es folgte etwas, das selbst ich nicht glauben wollte. Und ich habe viel gesehen. Viele Dinge, die ich an dieser Stelle lieber für mich behalte. Ich will Ihnen keine Angst machen, Ihre Kinder sind in besten Händen, #GutesKitaGesetz. Nur dass diese Hände eben nicht reichen, weil ein Mensch eben nur zwei hat. Ich will Ihnen eine Ahnung geben, womit wir es im Kita-Alltag zu tun haben und das hat nichts mit der Krise zu tun. Denn, diese kommt erst noch, wenn das erste Beben vorüber ist.
Sie (die Arbeitgeber) nennen es Solidarität. Wir (die Arbeitnehmer) nennen es Totalitarismus: Der Jahresurlaub muss jetzt auf einmal genommen werden, denn so viele Aufgaben gibt es pro Kopf angeblich nicht, um zu rechtfertigen, dass man trotzdem arbeitet. Das bedeutet: Zwangsurlaub, der übrigens nicht rechtens ist und sogar einem erfahrenen Anwalt die Sprache verschlagen hat, aber was will man machen? Unsolidarisch sein? Also, neue Agenda – alle gehen in die Betriebsferien. Wir streichen den Sommerurlaub, dafür dürfen wir ausharren in einer Zeit, in der man aufgefordert wird, grundsätzlich zuhause zu bleiben. Und was ist daran solidarisch? „Um jenen Eltern eine Betreuung zu ermöglichen, die im Sommer noch Arbeit haben werden.“ Solidarität ist ein schönes Wort, doch wird es nur real, wenn man auch einverstanden ist. Und ich bin froh, dass der Großteil der Elternschaft das auch so sieht, wie wir.

30. März
Und so verbringe ich meinen Jahresurlaub, der mir zur freien Erholung dienen soll, zuhause, weil #WirBleibenZuhause. Wenigstens ist das Wetter angenehm, kaum auszumalen, wäre es ein verregneter dunkler November. Wie gesagt, ich, wie so viele andere auch, hatten Pläne. Wenn schon nicht ein anderes Land, dann wenigstens hier. Warum denn auch nicht, wir leben in einem sehr schönen Land. Wir sollten die ansässigen Branchen unterstützen, anstatt immer nach dem Kick woanders zu suchen. (Billigflüge ab neun Euro, muss das sein?) Aber: Was sollen wir tun, wenn nichts außer systemrelevanten Geschäften geöffnet hat? Shoppen im Baumarkt, nicht bloß aus Langeweile, sondern um dem drohenden Lagerkoller aufzuschieben.

01. April
Und so vergehen die Tage, in denen ich über wie leergefegte Landstraßen düse, immer der Sonne nach, um einen Platz zum Spazierengehen zu finden, wo man nicht Gefahr läuft, gegen das Infektionsschutzgesetz zu verstoßen. Alle meine Jahresprojekte sind abgeschlossen. Die Terrasse ist geschliffen, lasiert und so schön eingerichtet, dass ich mich auf den Sommer und die paar Urlaubstage freue, die mir hoffentlich bleiben werden. Ich bin introvertiert, mein Lifestyle ist irgendwie schon immer Quarantäne gewesen. Trotzdem geht es mir an die Substanz und ich frage mich, wie es diejenigen aushalten, die von Natur aus eher extrovertiert sind. Ich gehe einkaufen, um irgendwie ein bisschen unter Menschen zu kommen, ärgere mich, dass es nicht einmal mehr Nudeln gibt, wundere mich über die neuen Regeln und leiste mir beim Bezahlen mit Bargeld immer wieder einen Fauxpas, weil es bei mir noch nicht richtig angekommen ist. Ich möchte informiert bleiben, aber gleichzeitig jeden Funken von Panik im Keim ersticken. Es ist ja schließlich Urlaub. Aber wie soll das möglich sein, wenn 80 % der sozialen Medien, sogar die Werbung sich einzig um Corona dreht? Schon wieder Tote – keine Besserung in Sicht. Ich darf meine Familie nicht sehen, weil #Risikogruppe. Ich darf meine Freunde nicht sehen, weil keine ‚unnötigen‘ sozialen Kontakte, überlege ganz genau, wie ich wann wen sehen kann. Vielleicht wie zufällig beim Einkaufen? Oder doch heimlich mit zugezogenen Vorhängen? Diesen Urlaub habe ich mir anders vorgestellt.

04. April
Ein wenig Urlaubsflair kommt doch auf. Vor meinem Haus befindet sich eine riesige Baustelle, die pünktlich zum Urlaubsstart eröffnet hat, nachdem sie ein Jahr lang brach gelegen hatte. Jeden Morgen um 7:00 legt der Verdichter los, die Wände wackeln, als wäre ich in San Francisco. Nur, dass Erdbeben irgendwann aufhören. Der Verdichter aber nicht. Es geht immer weiter, unaufhörlich, bis mir Samstagmorgen um 6:59 endgültig der Kragen platzt. Soll das Erholung sein? Wir sind gereizt, alle, keine Frage. Die Vorstellung, die Krise verlängert sich, macht mir Angst. Irgendwann werden keine Urlaubstage mehr übrig sein – und dann: unbezahlt. Es gibt keinen Ausweg, kein Entkommen und wenn doch, dann nicht für uns, die ach so solidarisch waren. Irgendwann geht das Leben nämlich weiter, wenn auch (hoffentlich) anders, als gewohnt. Wenn wir Glück haben, bleibt ein Fitzelchen übrig, sicher weniger als ein Fliegenschiss am aus Langeweile geputzten Küchenfenster, für ein verlängertes Wochenende in einem Hotel, das nicht durch die Krise pleite gegangen ist.

Was hat die DDR damit zu tun?
Ja, über die kann man schimpfen und jubeln, dass dies längst Geschichte ist. Ein totalitäres System, wo die Politik seine Bürger nicht für voll nimmt, wo große Themen über die Köpfe der kleinen Leute hinweg entschieden wird, wo man nicht frei sagen darf, was Sache ist. Wo immer die gleiche Partei regiert. Wo die Regale leer sind und man nichts weiter tun kann, und der Schwarzmarkt mit Banalitäten floriert*. Wo Grenzen geschlossen sind. Wo Nachbarn denunzieren.
Wie zum Beispiel einen Mann, der Bußgeld bezahlen muss, weil er mit seinen Kindern auf dem Spielplatz spielt. Ach halt, das war doch erst vergangene Woche in Bayern.
*Mit einem Mythos möchte ich noch gern aufräumen. Es hat in der DDR sehr wohl Bananen gegeben. Nur eben nicht aus allen Herren Ländern, mit LKWs, Schiffen und Flugzeugen gefühlt im Minutentakt geliefert, und eben nicht rund um die Uhr verfügbar, um ein trauriges Ende im Müll zu fristen, weil #Überflussgesellschaft. Es war nicht wie heute, wo China Zwiebeln aus Australien importiert und Australien Zwiebeln aus China. Sprudelwasser wurde nicht nach Italien gefahren, um dort Etiketten aufgeklebt zu bekommen. Rinder wurden nicht quer durch die EU gekarrt, um irgendwo billig geschlachtet zu werden.

Fazit:
Nach der Krise ist vor der Krise. Nicht nur wirtschaftlich, sondern auch bei uns betroffenen Erziehern. Unmut regt sich, nicht nur bei uns, auch Eltern (und dafür bin ich wie gesagt sehr dankbar) sind entsetzt. Die, die genügend Arbeit gehabt hätten und jetzt wieder mit einem Saustall starten müssen, den die Handwerker hinterlassen werden oder der sich die letzten Monate aufgrund der Gegebenheiten aufgetürmt hat? Was ist mit denen, die in diesem Jahr bereits Urlaub genommen haben? Was ist mit denen, die selbst Kinder haben? Vielleicht rollt, genau wie letztes Jahr, eine Kündigungswelle herein, weil kleinere Kitas bei kleineren Trägern attraktiver sind, denn je. #Fachkräftemangel? Für kleine Träger ist es selbstverständlich, seine Leute eben nicht in den Zwangsurlaub zu schicken, sondern tatsächlich die Chance wahrzunehmen, nachhaltig Veränderungen in den Tageseinrichtungen für Kinder zu schaffen. Und das geht eben nur mit Zeit. Die Schulen werden in den Ferien (hoffentlich) geschlossen haben. Unsere Schulkinder üben sich nun darin, was in Deutschland jahrelang wissentlich verpennt wurde: Homeschooling. Und es klappt gut. Selbstgestaltetes Lernen, eine größere Übernahme der Eigenverantwortung gibt es kaum. #SchlussMitFrontalunterricht
Die Krise als Chance wahrnehmen, lautet das Credo.  Venedig erfreut sich an glasklarem Wasser in den Kanälen. Deutschland erreicht endlich seine Klimaziele. Nachbarn helfen sich (das ist übrigens echte Solidarität). Es wird wieder regionaler gedacht. Wer etwas kleiner statt immer größer denkt, verliert die Details nicht aus den Augen. Und die Details, das sind wir. Nicht nur wir Erzieher. Es sind die, die den Wohlstand geschaffen haben und die nun nicht mehr kaufen können, weil die Läden geschlossen haben. Die kleinen Leute, ganz unten in der Nahrungskette. Wir haben die Macht, unser Stimmzettel ist das, was wir konsumieren, die Art, wie wir leben, wen wir wie wertschätzen. Berufsgruppen, die bislang kaum wahrgenommen wurden, treten plötzlich in den Vordergrund. Ich spare mir an dieser Stelle Applaus und überschwängliche Dankesreden an die Pfleger*innen, Kassierer*innen und alle anderen, die das System am Laufen halten, denn sie wissen, was sie leisten, jeden Abend, wenn es keinen Muskel im Körper gibt, der nicht schmerzt. Und sie wollen nicht unbedingt mehr Geld. Sie wollen und verdienen verdammt nochmal, was auch wir wollen und verdienen: Respekt, der sich in besseren Arbeitsbedingungen niederschlägt. Nicht nur in der Krise, sondern vor allem in der Zukunft. Und das wäre eigentlich so einfach, aber wirtschaftlich ist es leider nicht.

 

 

 

 

 

 

 

Corona in der Kita – ein System macht schlapp

7.15; das Telefon klingelt. Ich zucke zusammen. Bitte nicht, wispere ich leise durch die langen Flure. Die Neonröhre flackert in einem unregelmäßigen Takt, von dem ich Kopfschmerzen bekomme. Warum ist das noch immer nicht repariert? Draußen höre ich sie schon, nervös mit den Füßen scharrend und mit den Fingern gegen die Türe trommelnd. Ein wenig wie bei The Walking Dead, die Grimassen, die sie schneiden, der Beschlag ihres Atems an der Glasscheibe, weit aufgerissene Augen, die mich stumm fixieren, während ich die erste und sicher nicht letzte Hiobsbotschaft des Tages in Empfang nehme.
„Tageseinrichtung für Kinder“, melde ich mich.
Mein Puls rast, denn ich ahnte es.
Ein Rasseln, als hätte ich die Kiste mit den Instrumenten liegen gelassen. Dann ein Husten, hartnäckig wie das Trommeln von Kinderfäusten, gefolgt von einem Seufzer, tiefer als die Kluft von der Vorstellung brav spielender Kinder, die alles aufsaugen wie ein Schwamm und der Wirklichkeit absurder Wünsche, dass wir alles auffangen, was heutzutage nicht mehr üblich ist. Nase putzen zum Beispiel.
„Ich bin krank.“
Das ist mir klar gewesen und eigentlich hatte ich mit diesem Anruf schon Montag gerechnet. Wir haben Freitag und schreiben den Tag, der mir als Tag der Corona-Krise für immer im Kopf bleiben wird. Sie fallen wie die Fliegen. Schnell lege ich auf, falls noch so ein Anruf kommt, zücke den Tip-Ex, mache mich über den Dienstplan her. Drei Leute.
Die Türen schwingen auf, denn es ist 7:30. Gelächter, Getrappel, hier und da ein heulendes Kind oder eine Brotdose, die aus viel zu großen Rucksäcken fliegt. Ella* stolpert über ihre Schnürsenkel. Sie ist drei Jahre alt, wie soll sie eine Schleife binden? Was wundere ich mich; schließlich ist es mein Job. Und da wird es kritisch.
Ich liebe meinen Job, warum sonst hätte ich drei Jahre die Schulbank zu hoch komplexen Inhalten gedrückt und dafür auch noch selbst bezahlt? Ein Jahr, um mich staatlich anerkennen zu lassen. Gottseidank ist das vorbei, habe ich gedacht. Nie wieder Papierkram, endlich Verantwortung. Ich beiße mir auf die Lippe.
„Heute wird in den Räumen gefrühstückt, die Kollegin kommt gleich.“
„Ist nicht ihr Ernst?“ Ellas Mutter funkelt mich an.
Unter normalen Umständen hätte ich ihr erklärt, wieso, weshalb und warum das heute so ist. Aber es ist eben nicht nur heute so. Wir arbeiten nach einem offenen Konzept mit Bildungsbereichen. Was habe ich im Laufe meiner vielen Praktika über Gruppenarbeit geschimpft? Nicht fortschrittlich genug, erinnere ich mich. Ich fühle mich zurückversetzt in die Steinzeit, alles ist auf ein Minimum reduziert. Nicht nur, weil Leute krank sind, weil sie am Limit laufen. Das geht bereits Monate so und es ist erschreckend, wie nur eine fehlende Fachkraft das gelobte Land der Kindertagesstätte zum Wanken bringt. Und immer die Angst, dass es Corona ist.
„Schon wieder nur ein Raum auf? Wie soll mein Kind da lernen?“ Keine Ahnung, denke ich, zucke die Schultern.
7.35 und bereits 25 Kinder im Haus. Die Kollegin ist so weit, hat die fünfzehn Minuten am Morgen genutzt, um wenigstens irgendwas vorzubereiten. Verfügungszeit? Gestrichen, kompromisslos, um den Betrieb aufrecht zu erhalten. Das bedeutet, 39 Stunden am Kind (wenn es „gut“ läuft, was es nicht tut), ausschließlich, manchmal und immer öfter keine Pause, nicht einmal Toilette, denn vierzig Kinder in einem Raum, zwei Minuten ohne Aufsicht …?
Realität und die bittere Pille, die wir alle zu schlucken haben. Ja, alle. Eltern, Fachkräfte, später dann Lehrer (wo es sicher nicht anders ist), und noch viel später diejenigen, die einmal ausbilden. Was ist das für eine Welt, in der Kinder ab einem Jahr entscheiden müssen, was sie lernen wollen? Verantwortung übernehmen sollen schön und gut, aber die Realität spricht nun mal eine andere Sprache.
„Das Geficke heute fress ich nicht!“ Ach Rudi. Ich setze mich zu ihm. Jeden Tag das Gleiche; Gemüse ist der Feind, doch er steht nun mal auf der Speisekarte. Er öffnet seine Vesperbox. „Menno, nur ein Kinder Bueno?“ Dann Tränen, weil das mit den Emotionen gelernt sein will.
Um ihn herum basteln die Kinder, versuchen sich an Brettspielen oder prügeln sich um die gekaufte Knete, weil inzwischen die Zeit fehlt, selbst welche herzustellen. Ironisch, dass bald ein Flyer in Druck gehen wird, der Bildung von Anfang an beschreibt, mit Fotos aus diesem Haus, mit Bildungsprozessen wie aus dem Lehrbuch. Auch ich werde darin zu sehen sein; die treu sorgende Erzieherin, die niemals nein sagt, sich niemals aus Verzweiflung im Ton vergreift.
„Wann ist endlich ein anderer Raum auf? Mir ist so langweilig.“ Rudi pfeffert das Lego in die Ecke. Lego im Atelier – irgendwie doch Gruppenarbeit. Mit dem Unterschied, dass ich alleine bin.
8:00, ich zähle grob durch. 35 Kinder. Wo ist Ella? Bestimmt auf Toilette, rede ich mir gut zu. Ich kann nicht mehr. Mein Lächeln schmerzt, denn es ist festgefroren. „Um neun“, sage ich. „Das ist in einer Stunde.“ Ich halte einen Daumen hoch.
„So ein Geficke.“
„So etwas sagen wir nicht“, mahne ich, denke jedoch dasselbe. Nur würde es mir nie über die Lippen kommen. Verdammt, ich muss mal.
Es ist nicht so, dass diese Zustände gänzlich unbekannt sind. Sie sind sogar so transparent, dass ich mich durchschaubar fühle. Eltern wissen es. Kinder spüren es. Und dann noch dieses Corona-Virus. Wie mit Kindern besprechen, was ich selbst nicht weiß? Stichwort Händewaschen. Es erschüttert mich, dass Kinder, die ab Herbst in die Schule gehen, offenbar nicht wissen, wozu es Seife gibt. Würde ich das auch noch kontrollieren, wäre ich nur noch im Bad. Das Desinfektionsmittel geht zur Neige; alles ausverkauft und gehortet in Abstellkammern von Menschen, die es eigentlich nicht brauchen. Bestellt habe ich, doch was alle ist, ist eben alle. Wir teilen es uns ein, wägen ab, welche Rotznase wir putzen und welche wir der Kinderhand und Taschentuch selbst überlassen.  Infektionsschutzgesetz, schießt es mir durch den Kopf.
Es ist mir bewusst, in welchen Zeiten wir leben. Ist das Kind krank, kann der Elternteil nicht arbeiten. Das ist nun mal nicht wirtschaftlich rentabel und gefährdet unter Umständen den Arbeitsplatz. Aber verdammt nochmal?
Ella kehrt zurück, das T-Shirt ist nass. Elf Grad Außentemperatur und sie trägt ein T-Shirt. Mütze? Fehlanzeige. Die warme Jacke? Seit Wochen in der Wäsche. Wie, Sie waren heute schon wieder nicht draußen? Klappe jetzt! Ich werde wieder wütend und das will ich nicht mehr sein.
„Duhu …“ Ella kuschelt sich an mich. „Ich habe letzte Nacht gespuckt.“
„Das darfst du doch nicht erzählen“, wispert Lisa, die große Schwester. „Nein nein, das war der Tag vor dem gestern.“ Lieb, wie sie wiederholt, was Mama ihr ängstlich eingetrichtert hat. Macht aber keinen Unterschied, denn vorgestern waren sie ebenfalls hier, denn sie sind, wie die Meisten, immer hier.
Fiebersaft, das Wundermittel, wenn einfach niemand mehr übrig bleibt, außer die Kita. Blöd, wenn da auch niemand mehr übrig geblieben ist. Die Liste mit den meldepflichtigen Krankheiten ist lang. Jeden Morgen wie ein Mahnmal. Und jetzt auch noch Corona?
Familie Spierling tritt ein. Schnappatmung auf den Gängen.
„Die waren doch in Südtirol?“ Angespanntes Nicken. Alle Augen richten sich auf mich. Ich staune. Datenschutz, das Fremdwort des Tages.
„Na, sind Ihre Kollegen wohl krank?“ Herr Spierling drückt mir seinen weinenden Sohn auf den Arm. Ich kann ihn verstehen, dieser Tage mehr denn je.
„Außer Haus“, antworte ich knapp, denn ich bin es leid. „Wollen wir die Quarantäne-Tage mal zählen gehen?“
Er schüttelt den Kopf, zeigt mir den Wisch vom Gesundheitsamt und erzählt, wie langweilig häusliche Isolation sein kann. Dann folgt ein Lachen. Ich stimme mit ein. Surreal, wenn einem ein Kleinkind dabei ins Ohr brüllt. Sie mögen es überstanden haben, aber ich nicht. Ich bin zwar noch jung und gesund, aber auch ich habe Eltern, Großeltern, die zur Risikogruppe gehören. Wie hoch mag wohl die Dunkelziffer sein, weil aus Angst um den Job vertuscht wird?
Ich habe Schnupfen, zwar kein Fieber, aber stellen Sie sich einen Presslufthammer vor dem Büro vor, wenn sie Kopfschmerzen haben. Nur, dass der Presslufthammer aus 80 Kindern besteht und dies kein Büro ist, sondern der Alptraum jedes Arbeitsschutzgesetzes.
Ich liebe Kinder. Aber die letzten drei Wochen waren hart, verdammt hart und so lang. Nix mit 39 Stunden, die halbe Stunde Pause, die entfällt, merke ich, wenn ich den Stundenzettel ausfülle. Von Hand, jede Minute wird aufgedröselt. Wann bin ich das letzte Mal im Büro gewesen? Anfragen für Elterngespräche häufen sich.
8:30 – ich muss aufs Klo. Ich nehme all meinen Mut zusammen, wage mich hinaus in die Grauzone der Aufsichtspflicht. Die Kollegin ist früher gekommen und wird länger bleiben. Springkräfte? Träumen Sie weiter. Aber was soll’s; scheiß aufs Privatleben.
Erste Gerüchte um Schulschließungen machen die Runde. Sechs Wochen Pause, darf das wahr sein? Ist es nicht eigentlich schon zu spät, das Virus noch einzudämmen?
„Gell, alte Menschen werden sterben.“ Steven schaut mich an.
Er hat ein Bild von sich und seinen Großeltern gemalt. Ich hatte vorgehabt, das Thema in der Morgenrunde zu besprechen. Schon wieder. Und immer mit der Frage im Hinterkopf: Was kann ich sagen? Wie erkläre ich das den Kindern? Und warum wird das nicht zuhause besprochen?
„Weil die Zeit mit den Kindern möglichst schön sein soll“, erklärt meine Kollegin. Sie beißt kurz in ihr Brötchen, nutzt die drei Minuten, die ihr offiziell bleiben, um mir die Hälfte der Kinder abzunehmen. Dann hat jeder ungefähr dreißig, das ist sicher nicht richtig und definitiv nicht fair. Nicht gegenüber uns und todsicher nicht gegenüber den Kindern. Bildung, Erziehung, sogar die Basics – wir fangen auf, was andere nicht mehr schaffen können oder wollen.
„Du blöde Fotze!“, brüllt David, als Anna ihn beißt.
„Ich mach das“, sagt die Kollegin und legt ihre Vesperdose auf den Schrank. Da wird sie dann bleiben, bis zum Dienstende. Wieder protokollieren und innerlich für die nächste Beschwerde wappnen. Und wo waren Sie?
9:00 – auf den Toiletten schallt es Happy Birthday im Kinderchor. Die schnelle Version, ohne Schnickschnack. Im Vorbeigehen sehe ich, wie Mario die Toiletten mit Klopapierrollen verstopft. Bevor er spült, stelle ich ihn zur Rede.
„Mir is halt langweilig, man.“ Wo sind die Einweghandschuhe? Und wo zum Teufel steckt Ella? Rudi reibt sich inzwischen den Bauch, klagt über Schmerzen und Durchfall.
„Du kannst übrigens doch Pause machen, die Morgenrunden fallen aus.“
Ich atme auf; das ist das Schönste, das ich seit Wochen gehört habe. Die dritte und letzte Kollegin für heute übernimmt, fischt die Toilettenrollen aus dem Klo. Wir wissen, dass da mehr dahinter steckt, als chronische Langeweile. Wir wissen es und sind dennoch außer Stande, zu reagieren.
Mit ungutem Gefühl setze ich mich ins Büro. Unerledigte Arbeit in jedem Regal, das E-Mail Postfach quillt über. Wichtig, steht im Betreff. Die Mail kommt von oben, wieder neue Informationen über das Virus, die wir ausdrucken und aufhängen müssen. Doch niemand bleibt stehen, niemand liest sich wirklich durch, was andere da verfasst haben.
Von umliegenden Gemeinden weiß ich, dass sie Kinder nach Hause schicken, die Schnupfen haben. Rigoros und ohne festgefrorenes Lächeln. Inzwischen immun gegen jede Attacke, denn auch sie können nicht mehr.
Über WhatsApp sage ich meinen Großeltern ab, mache mir Gedanken, wann es an der Zeit ist, die Reißleine zu ziehen. Zu kündigen. Aber was dann? Ich erinnere mich an die Worte eine Woche zuvor, beinahe tadelnd, als säße ich einem in die Jahre gekommenen Lehrkörper gegenüber: „Woanders ist es auch nicht besser. Es wird noch schlimmer, glauben Sie mir.“ Der Big Boss meinte nicht nur mich, er sprach zu allen Erzieherinnen und Erziehern, die noch geblieben sind. Nur die Hälfte war anwesend. Das machte ihn wütend, schließlich hat er sich die Zeit ja auch genommen – lange nach Dienstende. Mit Fieber im Bett, raunte es aus dem Publikum, doch einen Kommentar wert war dies nicht.
Gespannt blicke ich auf mein Handy. Stündliche Updates, Weltuntergangsstimmung. Kafkaesk; Kinder, die aus dem Atelier ins Bad gehen, spielen auf dem Gang Zombie-Virus. Rote Farbe tropft auf den Kautschuk Boden.
11:30 – das erste Kind wird abgeholt. Früher als sonst, das macht mich stutzig.
„Wir wissen es schon“, meint Frau Bäcker und nickt eindringlich. Wohl, um sich selbst zu beruhigen.
„Ist es beschlossen?“, frage ich, beinahe hoffnungsvoll.
„Noch nicht offiziell. Aber die Schulen.“ Hastig packt sie alles ein, Wechselklamotten, Matschhose, die viel zu kleinen Gummistiefel.
Nicht, dass ich es mir wünsche. Aber verdammt nochmal, eine Pause wäre gut. Das Telefon klingelt; Order von oben: „Sie haben definitiv nicht frei!“ Gerüchte machen die Runde. Kurzarbeit?
Erste Eltern trudeln ein. „Bitte nehmen Sie alles mit“, muss ich sagen, ohne zu wissen, was das bedeutet, für die Kinder, die Familien, uns Fachkräfte.
„Kein Ding – ich schicke Frederic zu Oma und Opa.“
Unverständnis. Sind wir nicht dazu angehalten worden, die ältere Bevölkerung zu schützen? Und wieder stellt sich die Frage danach, wie weit es eigentlich gekommen ist. Was, wenn mal alle Fachkräfte auf einen Schlag den Gang zum Arzt wagen würden?
13:00 – langsam wird es offiziell: Die Schulen und Kitas bleiben bis nach den Osterferien geschlossen. Ein Gedanke jagt den nächsten. Panik wollte ich keine verbreiten, schon gar keine verspüren, aber das Getuschel auf den Gängen wird lauter. Die Angst ist nun greifbar. Die eigene Existenz wird bedroht, denn die 25 Milliarden sind nicht für Kleinunternehmer oder Alleinerziehende gedacht.
„Frohe Ostern“, wünsche ich. Im März. Komisches Gefühl. Langsam beginne ich, die Osterbücher wieder wegzupacken. Bestellungen müssen storniert, Lebensmittelzustellungen auf April datiert, der Küchenkraft abgesagt werden.
„Komm Ella, auf in die Coronaferien!“ Bilder aus Portugal schießen mir durch den Kopf,  wo sich Körper an Körper am Strand tummelt, die freie Zeit in der Sonne zu genießen. „Mensch, nun haben Sie ja 6 Wochen frei. Erholen Sie sich gut vom Spielen!“
Ich balle die Faust, bittere Bemerkungen liegen mir auf der Zunge, doch ich schlucke sie, wie ich es immer tue. Nicht noch ein Beschwerdeformular ausfüllen auf Überstunden. Notgruppen soll es geben, der Begriff Systemrelevanz fällt immer wieder. Systemrelevante Berufe, also Polizei, Ärzte, Feuerwehr, Lebensmittelproduktion, alles, um das System am Laufen zu halten. Ein wenig wie bei uns in der Kita: Der Betrieb darf unter keinen Umständen zu Ende gehen. Aber jetzt schon.
14:00 – es ist offiziell. Während alle anderen Bescheid wissen, und schon mit Taschen und Säcken bewaffnet Einzug erhalten, sind wir noch immer ahnungslos, wie es weitergehen wird. Ideen machen die Runde, denn der Optimist in uns ist unermüdlich. 6 Wochen ohne Kinder. Wir könnten den Dachboden entrümpeln, alte Schätze ausgraben, Entwicklungsbögen ausfüllen, Fotos ausdrucken. All das, das uns im Alltag abhandengekommen ist und das zu unserer Arbeit gehört, wie das Amen in die Kirche.
15:00 – die letzten Kinder versammeln sich für einen Snack. Es gibt Obst, reichlich Obst, denn es verdirbt ja sonst. Wie sage ich ihnen, dass wir uns für eine lange Zeit nicht wiedersehen? Trauer weicht Angst, denn ich liebe diesen Job wirklich. So sehr, dass ich jeden Tag bereit bin, nicht zu wissen, was kommst – auch ohne Corona. So sehr, dass ich nicht aufs Klo gehe und mich abends schlecht fühle, weil ich immer strenger werde und mein liebstes Wort Nein ist.
„Bis dann“, sage ich. Es ist 16:00; Zeit, die Schotten dicht zu machen. Fürs Erste, aber irgendwie endgültig. Geht aber nicht, denn wir warten noch immer auf die Order von oben, die uns über Dritte zugestellt wird.
16:10 – endlich ist die E-Mail da. Ein weiteres Mal macht sich Ratlosigkeit breit – was sagen wir wem und wann? Was sollen wir sechs Wochen lang tun? Was, wenn das Gehalt gekürzt wird zwecks Kurzarbeit? Meine Knie zittern, ich kann nicht mehr stehen. Ich setze mich, alles tut weh. Ich spüre jeden Muskel, jede Faser, jeden Knochen und jede Synapse, die allesamt so überlastet sind, wie unser Gesundheitssystem.
Nun ist Samstagabend und seit gestern weiß ich auch nicht mehr. Nur, dass die Lage ernst ist. Nur, dass Toilettenpapier ausverkauft ist. Ich fühle mich im Stich gelassen, ganz vorne an der Front. Ich salutiere vor den Pflegerinnen und Pflegern, den Ärztinnen und Ärzten, vor den kommenden Renigungstrupps und vor der letzten Frau an der Kasse im Aldi, die die Leute daran erinnern muss, dass Mehl die Krise nicht aufhalten wird.
Haben wir zu spät reagiert?
Ganz sicher. Aber wann?
Als wir die Digitalisierung des Bildungswesens verschlafen haben. Als wir es nicht für nötig hielten, unser Gesundheitssystem auf den Prüfstand zu stellen. Als wir vergessen haben, unseren Kindern beizubringen, was uns von den Tieren unterscheidet. Es bleibt zu hoffen, dass die ‚Coronaferien‘ uns eine Lehre sind. Dass wir sie klug nutzen können, einmal zu überdenken, was wir für selbstverständlich hielten und was davon noch übrig ist.
*alle Namen wurden geändert

‚Ablage B‘ – Zwischen Wäschechaos und Weihnachtsstress

Ich weiß nicht viel über Romantik. All mein Wissen habe ich aus Filmen, Büchern. Ich folge keiner Linie; mein Leben verläuft im Zickzack. Hier lang, da lang, Stillstand. Wie ein Hase, der Schüssen ausweicht. Der Jäger: Das Leben.
Ich will keine Klischees bedienen, doch überkommene Vorstellungen halten den Geist lebendig. Deswegen sind Filme nahezu perfekt, denn sie treffen immer irgendeine Form der Wahrheit.
Immerzu verknüpfen wir all unsere Inputs, um ein stimmiges Gesamtbild zu erhalten. Er ist so, sie ist so. Ich denke, also bin ich. Ich bin, also denke ich. Ich bin so, denke ich. Ich bin, denke ich. Ich bin. Ich denke. Ich.
Was ist mit uns? Wie war dein Tag? Hast du an die Wäsche gedacht?
Handgemenge.
Wie können wir Romantik leben, wenn unser Tag derart getaktet ist? Acht Stunden Arbeit, zwei Stunden Autofahrt, eine Stunde einkaufen, acht Stunden schlafen. Jede einzelne Tätigkeit lässt sich in Sekunden aufdröseln und wir wären überrascht, wie viel Zeit wir wirklich haben. Doch wo ist die Freizeit? Alles was ich sehe, ist Arbeit. Essen kochen. Die Wäsche machen.
Ein Stöhnen geht durch das Wohnzimmer. Diese gottverdammte Wäsche. Die Waschmaschine ist schnell eingeschaltet. Doch man muss sie aufhängen, abhängen, bügeln und einsortieren. Ein Schritt nach dem anderen. Alles Zeitfresser?
Abends übermüdet auf das Sofa fallen. Jetzt Netflix. Oder Musik hören. Essen. Aufs Handy starren und das alles zeitgleich. Eben möglichst viele Reize in kurzer Zeit. Schließlich muss man nachholen, was man verpasst hat. Beim Arbeiten, dem Endboss aller Zeitfresser.
Dahin gleiten die Tage, Wochen, Jahreszeiten und Dinge, von denen du geglaubt hast, sie wären selbstverständlich. Freizeit. Freunde. Romantik. Zwischen ungleichen Socken mit Löchern und der nächsten unvollständigen Lieferung ‚hellofresh‘ bleibt eben nicht viel.
Ich meine auch nicht die Romantik zwischen zwei Menschen generell, sondern vor allem die, die man früher mit sich selbst geteilt hat. Gut zu sich sein, das Geld zum Fenster raus werfen, weil einem danach ist. Rauchverhangene Freitagabende mit deiner Lieblingsmusik und einem Whiskey Cola; entbunden von jeder Form der Verantwortung. Am nächsten Tag nichts weiter geplant außer schlafen.
Heute ist der Samstag ein Begriff, den ich mit Staubsaugen verbinde. Alles, was unter der Woche liegen geblieben ist, holt mich an einem strahlend schönen Samstagmorgen ein. Die Wäsche. Die, die ich noch bügeln muss und die, die schon wieder fällig ist. Ein Teufelskreis, den ich auf keinen Fall noch länger aufschieben kann.
Zeit mit anderen sind Termine, die es akribisch zu planen gilt. Am besten verbindet man das Angenehme mit dem Nützlichen. Auf dem Weg zu Mutti schnell noch einkaufen. Danach zur Post und ups … es ist schon wieder Weihnachten. Eine besinnliche Zeit, die in 24 kleinen Türchen gemessen wird. Es ist da, was gestern noch so weit weg erschien.
Und plötzlich frage ich mich: Schaffe ich das dieses Jahr noch? Und was denn überhaupt? Es ist wie das Ende eines weiteren Kapitels, das man gar nicht hatte schreiben wollen. 10, 9, 8.
Wie würdest du dein Jahr mit nur einem einzigen Titel zusammenfassen?
‚Fast & furios‘
Es ging schnell herum, all meine Langzeitziele hatten sich erfüllt (endlich) und die Frage hinterlassen, was als Nächstes folgen mag. Ein neues Ziel muss her, das nichts mit Wäsche zu tun hat. Und wenn, dann mit ein wenig mehr Romantik. Alltagsromantik. Dinner for one. #gönndir. Vielleicht revolutioniere ich den Samstag und erkläre ihn zum romantischsten Tag der Woche. Mach was für dich. Mach es. Und dann mach etwas für die anderen.  7, 6, 5. Vermutlich wird der Samstag dennoch immer der Tag bleiben, den ich als ‚Ablage B‘ bezeichne, so wie wir alle diesen einen Tag in der Woche haben, an dem wir all das nachholen, was liegen geblieben ist.
So wie auch das berühmte Weihnachten; das unvermeidliche Einholen aller Besuche und Anrufe, die man das ganze Jahr über verschoben hat, nur eben mit Glitzer, Glühwein und Tannenzweigenduft. Ach ja und die Aussicht auf vermeintliche Freizeit, ganz ohne die lästige Wäsche, die wir in die Abstellkammer verbannen, bis an Silvester die Korken knallen und die Einsicht naht: Es gibt eben Dinge, die sich nie ändern werden. Und diese Gewissheit beruhigt auch irgendwie. 4, 3, 1.
In diesem Sinne: Frohe Feiertage und ein gesundes neues Jahr (sobald der Kater vorüber ist).

Unlust vs Narzissmus – vom Stimmungstief und Glauben

Kennst du das, du bist voll Tatendrang, drauf und dran endlich das Unmögliche zu erreichen? Und dann? Nichts. Ich seufze und lasse wieder einmal die Schultern hängen. Es hat mich wieder heimgesucht, dieses Stimmungstief. Kein Wunder, sich unzivilisiert und wie ein unzufriedenes Kleinkind zu fühlen, wenn man schon morgens um fünf keinen Bock hat. Woher kommt diese Null-Bock-Stimmung eigentlich?

Manche Wissenschaftler bezeichnen dies als das Schulgebäude-Syndrom. Klar, ich muss auch gähnen, wenn ich an meinen Geschichte Leistungskurs denke. Schon wieder Hitler, alles schon mal gehört und entschieden, darauf keinen Bock zu haben. Manchmal kommt es erst mit den Lebensjahren und bringt deinen Khan beinahe zum Kentern: Tiefgang. Jahrelang müht man sich ab, oder auch nicht, um endlich den Abschluss zu machen. Entweder du hast es früh drauf, oder du musst nehmen, was übrig bleibt.

So ähnlich verhält es sich mit dem, was folgt, wenn dir unter Tränen nach langem Schwitzen von Blut und literweise Wasser, das langersehnte Abschlusszeugnis überreicht wird. Du gratulierst dir selbst und klopfst dir für einen Moment auf die Schulter. Unbezwingbar dein Wille und unerschöpflich deine Ressourcen für eine überaus glanzvolle Zukunft. Denn ja, du kannst alles werden. Wenn du nicht gerade dein Leben durchgeplant hast, überkommt dich vielleicht dieses Gefühl. Es ist nur eine Ahnung. Erst kommt sie einmal an einem öden Nachmittag, der die Schnauze voll von träger Freizeit hat, dann vielleicht bei einem Besuch in deinem Lieblingsclub, und irgendwann kommt sie dann täglich; eben diese Ahnung. Habe ich mich richtig entschieden? Was, wenn ich es doch nicht schaffe?

Wir denken in Leveln und das ist auch richtig so. Kategorisiertes Denken ist wunderbar, denn es erleichtert die Dinge in so vielen Dingen. Ich bediene mich eines Klischees, anstatt die Wahrheit dahinter zu erkennen. Zum Beispiel habe ich mich immer auf der Naivität der Christen ausgeruht, obwohl (!) ich Mitglied nicht nur im Kirchenchor, Zeltlagern und freitäglichen Treffen am frühen Abend der Jugendgruppe gewesen bin, habe ich mich nie damit identifiziert. Mit diesen Leuten. Ihr wisst schon; eben jene gutgelaunte Botschafter, die immerzu eine ungestimmte Gitarre und einen lebensbejahenden Ratschlag parat haben, wenn man eigentlich nur jemanden braucht, der „Scheiße, was?“ sagt und einem mitleidig die Schulter tätschelt. Oder Rachepläne schmiedet, weil man gescheitert ist.

Immerhin ist man nicht Modedesigner geworden und schon gar nicht der Rockstar, dem alle hätten zujubeln sollen. Schuld sind unsere Eltern, diese Spießer. Hollywood, diese Lügner und die Werbung, diese Blender. Warum zum Teufel läuft es nicht? Muss ich vielleicht doch an Gott glauben, um endlich meinen Weg zu finden? Oder muss ich erst meinen Weg finden, um wahrhaft glauben zu können?

Es ist ein wenig wie Akte X, zumindest was mein Gottesbild betrifft: I want to believe. Vielleicht, um im großen Stil auf den Mann oder die Frau oder was auch immer da oben oder darunter zu schimpfen, wenn ich wieder meinem Stimmungstief erliege. Dabei ist alles, was ich will, mich abends glückselig ins Bett legen und darauf vertrauen, dass morgen alles gut wird. Das ist naiv und unterscheidet mich demnach kaum von den gitarreschwingenden Sonnenscheinen da draußen. Was aber nicht? Die Laune.

Kennt ihr diese verstörenden Bilder von lächelnden Menschen, die es ins Fernsehen geschafft haben, weil deren Anblick ein seltener ist? Pfeifen in ihren gewaschenen Wägen an überfüllten Kreuzungen, als wäre der Montag schlicht nichts. Eben nicht der Endboss des traurigen erwachsenen Daseins. Das macht mich wütend und je tiefer ich grabe, stelle ich fest, dass es Neid ist. Ein kleines grünes Monster sitzt auf meiner Schulter und beobachtet jene Zeitgeister, die das Leben der anderen ein wenig erträglicher machen. Ich wäre gern mehr so wie du, ein bisschen weniger wie ich, treffen es Kraftclub auf den Punkt. Bin ich auch so ein Neinsager? Keine Sorge, es folgen keine Lebenstipps.

Um es mit den Worten meiner Großmutter zu sagen: macht doch, was ihr wollt. Aber nehmt euch ein paar Minuten, um tief in euch zu gehen. Ist es normal, keine Lust darauf zu haben, keine Lust zu haben? Und wie überhaupt passt Gott in das alles? Mein Fazit: Gar nicht. Es geht um etwas, was allen Menschen innewohnt, Atheist oder nicht. Hoffnung. Das mag abgedroschen klingen, aber sieh dich einmal selbst mit den Augen des Kindes, das du einst gewesen bist. Warst du unbeschwert? Hast du dich auf Morgen gefreut? Damals wolltest du noch Geburtstage feiern. Weihnachten war toll. Ging es wirklich nur um Geschenke? Oder war es das Gefühl von Familie, das die Feiertage zu etwas besonderem macht?

Als Erzieherin habe ich oft das Gefühl, ein Animator zu sein. Mamas und Papas mögen mir an dieser Stelle vielleicht nickend zustimmen. (Übrigens nicht zu verwechseln mit Amateur, auch wenn das manchmal vollkommen zutrifft.) Egal was ich tue, es stellt immer einen gewissen Unterhaltungswert dar. Ich bespaße, um das Bedürfnis nach Unterhaltung zu stillen. Die des Partners, der Familie; eben jene Rollen, die wir uns selbst geschrieben haben oder die uns zufällig zugeteilt worden sind. Doch was, wann es nicht reicht? Wenn wir uns nicht mehr erfüllen können, sondern nur noch auf den Input von außerhalb angewiesen sind? Hallo Netflix & chill. Liebst du, was du tust?

Egal was du antwortest, der Punkt ist folgender: Es vergeht. Hin und wieder fühlen wir uns doch schlecht. Einsam, überfordert, verlassen. Eben gottlos. Da ist eben nichts in uns, der Funke will einfach nicht mehr überspringen. Wir wollen es doch so sehr, unsere Bemühungen sind doch so groß. Radikale Diäten, entschlossene Sparpläne, irrsinnige Zielvorgaben; alles führt irgendwie ins Nichts. Und selbst wenn ich morgen besser bin, was ist mit übermorgen und überübermorgen? Was will ich noch tun; nein, was muss ich noch tun, um endlich die fertige Version dessen zu werden, die irgendwann stolz doch einen kargen Raum im Keller irgendeiner stickigen Turnhalle voller Gestalten betritt, die ich seit meiner Abschlussfeier nicht mehr gesehen habe? Ich wollte doch Ärztin werden – was ist daraus geworden? Tick tack. Je älter wir werden, desto mehr fällt es uns auf. Die Zeit vergeht zu schnell, um alles zu werden. 

Das Leben ist doch irgendwie wie Level. Uni, Karriere, Ehe, Kind. Scheidung und gebrochener Freigeist, füge ich in Gedanken hinzu, denn wirklich gönnen kann ich niemanden etwas. Sie alle verbergen doch etwas; wirklich niemand kann so glücklich sein. Ich fühle mich niedergeschlagen, uninspiriert und das macht mir Angst, weil ich keinen Bock darauf habe, mich selbst nicht ertragen zu können. Wie nur soll ich mich motivieren, glücklich zu sein? Was fehlt mir denn noch?

Und dann plötzlich sah ich es. Es war ein gewöhnlicher Elternabend im Kindergarten, als ich endlich die erschöpften Mienen zu sehen bekam, die sich unter all dem großen Stöhnen einer Generation verbergen. Und dann sehe ich ihn: Ihren Neid auf die kinderlosen. Ich kann ausschlafen und habe viel Zeit, mir all diese Gedanken zu machen. Chapeau an alle Eltern, die es im Griff haben. Ihre Jobs. Ihre Finanzen. Ihre Kinder. Sich selbst.

Vielleicht muss es nicht der Glaube an Gott sein, der wieder gut macht, wo der morgendliche Kaffee gnadenlos versagt hat. Vielleicht ist das allgegenwärtige Kreuz ein Symbol für etwas anderes: Nichts geschieht durch Zufall. Aber nicht, weil Gott es so will. Dinge geschehen, weil wir gehandelt haben. Weil wir das Richtige getan und die Familie besucht oder einen alten Groll aus der Welt geschafft haben, um nachts ruhig schlafen zu können. Warum also ist Narzissmus so schlecht, wenn wir doch alle dasselbe Bedürfnis haben? Und da ist sie plötzlich wieder: Die Motivation, die regelrecht beflügelt, um doch noch darauf zu vertrauen, dass Morgen alles besser ist. Frei nach dem Motto: Ich brauch keine Revolution, ein Aufstand reicht mir schon. 

In der City am Fenster – ein Spaziergang durch den Osten

Das ist doch gar nicht wahr.“ Normalerweise kann ich es nicht leiden, ständig unterbrochen zu werden. Doch das, was mein Großvater mir sagen will ist es wert, gehört zu werden. Wie so oft geht es um Politik, denn das ganze Leben ist nichts anderes. „Das kannst du doch gar nicht wissen, du warst doch gar nicht dabei.“ Dann folgt dieses erhabene Lächeln, das ich schon kenne, seit ich ihn kenne. Dieser Satz ist typisch von einem, der von ‚drüben‘ ist. Original dort geboren und aufgewachsen. Ich bin dort geboren, auf aufgewachsen bin ich ‚drüben‘. Das andere ‚drüben‘. Ja, wir sind die, die von ‚drüben‘ gekommen sind, um im Westen unser Glück zu finden. Doch wo ist denn dieses ‚drüben‘?

Seit ich ein Kind war, gibt es diese Grenze. Wir passierten sie oft, wenn wir ab 1991 regelmäßig zurück in die Heimat gefahren sind. „Haben alle ihre Papiere?“ wurde oft gelacht. Nachdem wir unseren himmelblauen Trabant durch einen Golf ersetzt hatten, waren wir frei. Wir waren nach all den Jahren vermeintlicher Unterdrückung endlich frei, alles tun und lassen zu können. Wir konnten fahren, wohin wir wollten. Und was taten wir? Wir fuhren beinahe jedes Wochenende nach Hause. Und da war er endlich wieder, unser Osten.

Der Zeitgeist hat sich in den vergangenen achtundzwanzig Jahren ständig gewandelt; man hat sie gefürchtet, verspottet und schließlich gehasst, diese Ossis. Doch aus Bananenwitzen wurde schließlich Ostalgie und erst mit den Jahren begriff ich, dass ich besonders bin. Dass wir Wendekinder besonders sind.

Zwei Länder, zwei Werte, zwei völlig unterschiedliche Vorstellungen vom Leben. Irgendwann hörten die regelmäßigen Besuche ‚drüben‘ auf und mein Zuhause war nun jener Teil Deutschlands, der einst stolz für Einigkeit und Recht und Freiheit gestanden hatte. 1990, um genau zu sein. Da ich bereits ein Jahr zuvor auf die Welt gekommen sind, macht mich das zu einem von ihnen. Zumindest in den Augen der anderen. Was ist denn nun dran an all den Bananenwitzen, die ich als Kind nie verstanden habe?

Das ist doch ganz einfach.“ Opa schiebt sein Glas beiseite. Gleich werde ich sie hören, die echte Wahrheit und nichts als das. „Es gab eben keine Bananen. Es hat viele Dinge nicht gegeben. So einfach ist das mit der Planwirtschaft.“ Damit tut er es ab, als wäre es nichts. Einige Gäste heben interessiert den Kopf. „Aber was die meisten Leute nicht erzählen ist, was wir alles hatten.“ Und dann erzählt er vom Sozialismus, wie man ihn nicht in den Geschichtsbüchern findet. „Der Arbeitgeber konnte einen nicht einfach so raus schmeißen. Da wurden Konferenzen einberufen, es gab Mentoren und man konnte noch miteinander reden. Um Hilfe anbieten zu können, muss man eben alle Fakten kennen. Und das nennt man dann heute Spitzel und Stasi und alles.“ Er lacht. „Wenn man sich anständig verhalten hat, ist einem auch nichts passiert.“

Was ist denn anständig?“, frage ich.

Dasselbe wie heute. Unauffällig seinen Weg geben. Im Westen gab es das auch – Jugendknast, Kinderheime. Priester haben kleine Jungs vergewaltigt und Schüler wurden noch bis in die Siebziger zur Strafe von den Lehrern geschlagen. Drüben meine ich.“ Opa meint das andere ‚drüben‘, denn wirklich angekommen sind wir vielleicht nie ganz. Zumindest, was die Werte betrifft. Er fährt fort: „Ich wurde nie geschlagen. Hier wurde sich noch um die Leute gekümmert und zur Kur geschickt. Kinder wurden regelmäßig untersucht und deren Entwicklung eben dokumentiert. Das tun die Leute heute auch – nennt sich Facebook. Jetzt ist alles genau umgekehrt und es ist erst nichts!“

Er hat Recht. In vielen Dingen war die DDR gut. Kindergärten, Elternzeit, flexible Arbeitsmodelle. Arbeit für jeden generell. Ein Pech, dass sie nur nicht richtig entlohnt wurde. „Man muss den Leuten einen Anreiz schaffen. Ein Arzt, der dasselbe verdient wie eine Krankenschwester – wo gibt’s denn sowas?“ Er zeigt den Vogel. Aber nicht mir, ferner dem System. Er ist wütend. Nicht, weil es die DDR nicht mehr gibt. Eher, weil alles verteufelt wurde. Vor allem die Faulheit. Und dann höre ich etwas, das meine Ostalgie ein wenig trübt. „Das hat den Staat schließlich in den Ruin getrieben – weil alles bezahlt wurde. Auch die Faulheit.“

Und so ist es entstanden, dieses Klischee, das die Nation nach wie vor spaltet. Die Geschichte vom faulen Ossi kennen wir schließlich alle. Doch stimmt das? Ich sehe mich um. In den wenigen Tagen hier hat mein romantisch verklärtes Bild von Heimat hässliche Risse bekommen, genau wie die Fassaden vieler Häuser. Vieles wirkt heruntergekommen und wenig nostalgisch. Als kümmert sich einfach niemand mehr darum. Plötzlich sehe ich den Alltag derer, die viele belächeln. Ob Dialekt oder nicht, die Hochhäuser flüstern das Klagelied vom Mindestlohn.

Man muss den Leuten einen Anreiz geben. Da studiert einer jahrelang auf Kosten des Staats und haut einfach ab. Weil der Lohn drüben besser ist! Was sollte man da machen – es blieb doch gar nichts anderes übrig, als eine Mauer zu bauen. Natürlich wurde man im Betrieb gut behandelt, aber das war nicht das, was die Leute wollten: Auch ein schnelles Auto, Ferien auf Mallorca und Bananen, so viel man will. Und dann war die Grenze eben dicht – einfach so. Davon haben wir uns nie erholt.“

Da war es wieder: Wir. Der Funke ist nach all den Jahren ‚drüben‘ also doch noch da. Heimaturlaub an der Ostsee, weil man es sich noch leisten konnte. Das ist Ostalgie, denn unsere Erinnerungen sind wie ein guter Wein – sie brauchen Zeit, um besser zu werden. Die lose Attitüde ist jedenfalls etwas, das geblieben ist. Ich nenne es Zeitgeist, denn es ist im Wandel und nie wirklich greifbar. Eben nur ein Gefühl.

Man muss den Leuten eben einen Anreiz schaffen. Egal ob hier oder ‚drüben‘ das ist das wichtigste im Leben – ein Anreiz. “ Ich nicke, denn er hat Recht.

Aus dem Geschichtsunterricht ist mir übrigens von vielen Dingen, Daten und Ereignissen ein Satz ganz deutlich im Gedächtnis geblieben. Und wenn ich die verlassenen Häuser und Löhne, die ins Nichts führen, so vor mir sehe, ergibt er Sinn: Der letzte macht das Licht aus.

Über Selbstoiptimierung oder: wie du deine Neujahresvorsätze garantiert umsetzt

Wer kennt das nicht: Der Jahreswechsel ist endlich vollzogen und nun geht es guten Gewissens daran, seine obligatorischen Vorsätze auch wirklich umzusetzen. Ihr wisst schon, dieser ganze new year – new me Schwachsinn, mit dem vor allem Fitnessgurus und Lifestylecoaches werben und unfassbare Umsätze einfahren. Und überhaupt… Berufe gibt’s… Freelancer im E-Comerce? Ist das überhaupt ein Beruf? Ich meine, verglichen zum Handwerk oder am Ende doch „nur“ Berufung? In Zeiten von „arbeiten, um zu leben“ ist jedenfalls nichts mehr weiter ungewöhnlich. Warum dann nicht Vollzeit ein Hater im Internet sein? Gezielt Leute und Produkte denunzieren, das wäre genau mein Ding, feixt das Teufelchen auf meiner Schulter. Ich habe mich aber irgendwann entschieden, Erzieherin zu werden. (Kindergärtner sagt man übrigens nicht. Nein, wirklich nicht. Das ist das degradierende Äquivalent zur „Tipse“) Der Kindergarten ist der Spiegel der Gesellschaft und gibt eine schwammige Ahnung auf den Bruchteil einer Zukunft, der mir Sorgen macht.

Anforderungen kollidieren mehr und mehr mit einer Welt, die sich auf einen freien Willen beruft. Freie Entscheidung zum Geschlecht, Schule, Beruf, Lebensstil. Kein Wunder, dass wir Lifestyleberater brauchen. Jedenfalls bin ich ganz ohne einen eben solchen zu dem Entschluss gekommen, dass ich meine Vorsätze mit einem ganz einfachen Prinzip garantiert und frustfrei auf die Reihe bekomme: Erst gar keine machen. Mein Vorsatz war, dieses Jahr darauf zu verzichten. Überhaupt mehr zu verzichten. Klingt simpel, ist es aber nicht. Phrasen wie: Aber du musst doch irgendwelche Vorsätze haben fallen. Nö, ich muss gar nichts. Immerhin gehöre ich zur Generation Y, die das Recht hat, Gott und die Welt zu hinterfragen. Das hat übrigens jeder; Gebrauch davon machen, tun allerdings nur die wenigsten von uns. Das war schon immer so. Das macht man aber nicht. Jeder tut es.

Gibt es denn nichts, was ich gerne ändern möchte? Doch, aber diese Dinge sind vermeintlich unabänderlich und führen dann schließlich doch wieder zu Resignation und gemütlichen Wochenenden auf dem Sofa, statt draußen in der echten Welt etwas zu erleben. Du bist doch, was du erlebst?! Und wenn ich nichts erlebe, bin ich dann nichts? Oh je. Ich bin faul, mein Wille ist schwach; wozu lügen? Für Faulpelze wie mich, sind diese Zeiten wahrlich florierende: Wenn man nicht will, muss man das Haus tatsächlich nicht mehr verlassen. Nicht einmal, um zu arbeiten, denn immerhin ist man im E-Comerce tätig und kann bequem vom Bett aus arbeiten.

Traumhafte Vorstellung, morgens nicht aufstehen zu müssen. Oder? Die NASA bezahlt übrigens wirklich solides Geld für Probanden, die einen Monat lang nur im Bett liegen müssen. Das Ergebnis ernüchtert: Langeweile macht krank und ist überaus gefährlich, vor allem für uns selbst. Tatsächlich gibt es mehrere Experimente, die etwas erschreckendes zutage gefördert haben. Die Versuchsteilnehmer wurden gebeten, einzeln in einem Raum auf einem Plastikstuhl Platz zu nehmen. Fünfzehn Minuten mussten sie aushalten, mit nichts weiter, als ihren Gedanken. Die einzige Ablenkung, die ihnen zur Verfügung gestellt wird: Stromstöße, die sie sich selbst verabreichen können, um der Langeweile zu entgehen. Schmerzen als Form der Unterhaltung? Wer denkt, das sei absurd, der täuscht gewaltig. Bereits nach fünf Minuten haben die ersten Probanden den roten Knopf gedrückt; mehrfach. Allein aus Langeweile heraus. (Ein interessanter Fakt: Männer halten diese Leerlaufphasen allen Anschein nach weniger aus, als Frauen.) Fünf Minuten ohne Bespaßung reichen also dem ein oder anderen (Männlein wie Weiblein), um sogar Schmerzen in kauf zu nehmen.

Aber was sagt das über uns Menschen aus? Sind wir derart verwöhnt, dass wir es nicht schaffen, uns selbst auszuhalten? Was wird dann erst aus den Kindern, die mit Alexa und Co aufwachsen? Alexa, spiel Musik. Alexa, erzähl mir einen Witz. Alexa, plane mein Leben. Alexa, bitte erschieß mich. Was würdest du denn bei einem Stromausfall tun, etwa um sieben Uhr abends ins Bett gehen? Vielleicht ein Buch lesen und es genervt in die Ecke pfeffern, weil es eben EIN Buch ist und nicht sieben Tabs nebenher offen stehen. Ihr wisst schon, wenn der eine Artikel mich nach drei Zeilen langweilt, schaue ich eben kurz ein YouTube Video, bevor ich die sinnfreien Kommentare lese.

Die Rede ist von der optimierten Gesellschaft. Cookies erleichtern dir dies, Alexa organisiert dir jenes und dank Google musst du so gut wie nicht mehr selbst denken. Diese grenzenlose Freiheit ist ziemlich beengend, denn kaum einer weiß damit etwas anzufangen. Warum denn auch mit dem zufrieden sein, was man hat? Ganz einfach: Das ist schließlich nicht ökonomisch. Das Geschäft mit dem Glück hingegen schon. Und genau da kommen nun die Neujahresvorsätze ins Spiel. Ich muss mir keine Ziele stecken, nur weil jeder ein Ziel hat, um irgendein Ziel zu haben. Der Fünfjahresplan zum perfekten Ich? Wisst ihr, wer damals auch einen Fünfjahresplan hatte? Nein? Dann schnell mal googlen.

Ich will nicht anderen mein Denken und Fühlen überlassen, auch wenn ich zugeben muss, dass es oft der Fall ist. Zu leicht lässt man sich beeinflussen, zu einfach gibt man nach. Leitbilder, Schönheitsideale und Normen sind im Wandel und mit ihnen auch unser Bild auf die Welt und uns selbst. Die Werbung ist allerdings kein Spiegel deiner Seele und das grüne Gras des Nachbarn auch kein Ebenmaß für einen Standard, den du zwingend einhalten musst. Hast du je an dir herabgesehen und dir gedacht: Eigentlich geht es mir gut und ich bin schön genug für diesen einen besonderen Menschen, der mich bedingungslos liebt?

Nein, denn stattdessen gehen mit den verbissenen Selbstoptimierungstrends auch unsere Vorstellungen nach dem perfekten SOLL auf unsere Umwelt über. Er oder sie könnte auch mehr tun. Für sich selbst. Im Job. Für die Umwelt.

Das ist verdammt anstrengend und irgendwie auch ziemlich anmaßend, Ideale für alle festzusetzen. Also: Weg mit den Vorsätzen, die man schmiedet, nur weil ein neues Jahr begonnen hat. Stattdessen solltest du wissen, dass sämtliche Zellen deines Körpers in sieben Jahren vollkommen neue sein werden. Im Prinzip wirst du von heute an in sieben Jahren eine ganz andere Person sein; ob du willst oder nicht. Es ist nie zu spät und bestimmt nicht an einen Tag oder Trend gebunden, damit anzufangen, auch zufrieden mit Langeweile zu sein.

Ich hasse, also bin ich! Wie simpel ist Glück?

Es ist wieder so weit, es ist Sommer. Und woran erkennt man das? Ganz genau, nämlich daran, dass sich wieder jeder beschwert. Erst war es zu kalt, nun ist es zu warm. Ich glaube, heutzutage definieren sich die Leute lieber über das, was sie hassen. Es gibt auch eine Dating-App, basierend auf dem, was man nicht leiden kann. Das wären doch mal Themen für ein erstes Date, wo man gemeinsam schimpfen kann, wie die Rohrspatzen. Warum auch eigentlich nicht, Feindschaften sind doch die Beziehungen, in die man seine meiste Liebe steckt. Diejenigen, die kontinuierlich und ambitioniert darum bestrebt sind, einen Weg zu finden, es einem irgendwann, in einem passenden Moment heimzuzahlen. Ich fürchte und verehre diese Leute wirklich sehr. Apropos kontinuierliche Ambitionen. Ich habe es schließlich fertig gebracht, meinen Abschluss zu machen, aber die Bewunderung gilt nicht alleine mir, sondern auch all denen, die mich all die Jahre über ertragen haben. Der Weg war bestimmt kein leichter, denn mein Berufsfeld ist auch bestimmt kein Leichtes. Für alle, die es nicht wissen, ich bin Erzieherin und nein, man sagt heutzutage nicht mehr Basteltante. Man könnte vielleicht den Eindruck gewinnen, es wäre so, aber es steckt viel mehr dahinter, als man glauben mag. Ich würde generell jedem zumindest ein wenig soziologisches und psychologisches Grundlagenwissen empfehlen, wenn man in der Welt gut zurecht kommen möchte. Denn, wer eine Gruppe brüllender, tobender, tauber und dickköpfiger Kinder im Griff hat, dem sollte doch eigentlich die Welt zu Füßen liegen? Aber dem ist nicht so, denn ich bin ein Meister darin, die Dinge kommen zu sehen, sehe mich aber außer Stande, sie zu verhindern. Ich weiß, dass es vielen da draußen so geht, die sich gefangen sehen zwischen dem grenzenlosen Willen und der absoluten Ohnmacht gegenüber sich selbst. Das Schlüsselwort heißt Selbstwirksamkeit. Also, das Wissen darum, dass ich mit meinem Handeln etwas erreiche, mich selbst befähige, weiter zu kommen. Wer kennt das nicht, ein Blick auf den Kalender und man stellt fest, dass schon wieder ein Jahr vergangen ist. All die Dinge, die man nach hinten verschoben hat, sind auf einmal nur noch in weiter Ferne zu sehen. Ich besuche dich dieses Jahr noch. Ich fange in drei Wochen an mit lernen. Doch dann sind sie um, diese drei Wochen, man macht die Augen auf muss erkennen, dass es keinen „morgen“ mehr gibt, an dem man diese Dinge ganz bestimmt tun wird. Denn, dieser Tag ist heute. Und warum soll er nicht der beste deines Lebens werden? Mit Elan an die Sache heran gehen, diese Mediationsgurus in Talkshows und Interviews nicht mehr belächeln, sondern wirklich zuhören. Kann das heute wirklich der beste Tag meines Lebens sein? Nein, schließlich regnet es. Außerdem habe ich Termine, es ist Montag und ich würde viel lieber auf einer einsamen Karibikinsel leben. Du sagst, mach doch einfach? Gerne, aber mein Konto sagt nein. Und überhaupt, was ist das nur mit dem Geld? Wir können ganz sicher nicht mit, aber eben auch nicht ohne. Was können wir also tun, mit den begrenzten Möglichkeiten, an denen wir auch noch selbst Schuld haben? Vielleicht wäre es an der Zeit, diesen „ich will alles und sofort“ Habitus abzulegen und die Überholspur zu verlassen. Meine Dozentin hat mich unlängst gefragt, was das mit uns jungen Leuten nur sei, dieser ambitionierte, verbissene Ehrgeiz, der uns da antreibt. Brauche ich das Diplom für meine Arbeit, oder steigert es nur meinen Selbstwert? Muss ich gleich fünf Bücher schreiben, oder reicht vielleicht erst mal eins? Bestimmt kennst du die Bücherserie „Conni“? Es würde mich nicht wundern, wenn demnächst ein „Conni hat Burnout“ erscheinen würde. Ich meine, in Zeiten, wie diesen würde mich das nicht wundern, jeder Vierte in Deutschland sieht sich sogar als Burnout-gefährdet an, mich mit eingeschlossen. Conni hat viel erlebt, sie war Reiten, lernte das Lesen, hatte abenteuerliche Urlaube und hat ganz und gar Erstaunliches und Fantastisches gelernt. Da sieht man es mal wieder, ohne Fleiß kein Preis. Aber was ist denn der Preis? Kann eigentlich irgendjemand da draußen die Ruhe bewahren, vor allem am Steuer? Schaut euch doch mal um, im Straßenverkehr. Da schlägt einem tagtäglich der pure Hass entgegen. Von wegen „one world, one love“, es sollte eher heißen „one fucked up world, one burning hate“. Ich hasse, also bin ich. Hass und Ehrgeiz im Herzen und die falschen Ziele, willkommen in Zeiten, wie diesen, liebe Freunde. Ich habe Anfang des Jahres den guten Tipp bekommen, von Tag zu Tag zu leben. Man muss dazu sagen, dass die Situation keine Einfache gewesen ist. Es gab das Studium, die Praxis und theoretische Abschlussprüfungen mit Themen, die sich gewaschen haben, hochkomplexe theoretische Ansätze der kognitiven Entwicklung, um nur einen Auszug zu nennen, Referate und dann hat man vielleicht noch ein Privatleben und so etwas wie Hobbys. Sammelt eigentlich noch irgendjemand Briefmarken? Das ist doch schön, sich die Stunde zu nehmen, etwas mit Leidenschaft und Konzentration zu machen. Also lebte ich nach diesem Leitsatz, genauer gesagt, das habe ich schon immer gemacht. Das funktioniert auch ganz gut, abgesehen davon, dass plötzlich überraschend wieder ein Sommer vor der Tür steht. Es gibt Vögel, die verstecken irgendwo auf der Welt Nüsse, als Vorrat für den Winter. Jahre können vergehen, aber sie finden ihr Versteck immer wieder. Dann gibt es Menschen wie mich, die ihren Schlüssel verlieren. Nicht einmal. Drei Mal in einem einzigen Jahr. Das war noch nicht einmal mein bestes Jahr, das muss ich an dieser Stelle zu meiner größten Schande hinzufügen. Aber diese Vögel haben diesen Urtrieb danach, denn sie wissen, sie würden verhungern, wenn sie sich keinen Vorrat anlegen. Doch was für ein Vorrat braucht der Mensch? Ich denke, der Mensch braucht vor allem Hoffnung. Einen Sinn, einen Motor, der einen antreibt. Ich denke, das ist es, was Selbstwirksamkeit meint. Auch Julius Caesar hat das schon gewusst, denn er kam, sah und siegte. Denn er wusste, was er wollte. Aber ihr wisst ja, wie es mit ihm zu Ende gegangen ist. Man sollte sich eben keine unnötigen Feinde machen. Wie oft wolltest du schon einen Ort nicht aufsuchen, weil du dort vielleicht auf jemanden stoßen könntest, mit dem es noch eine offene Rechnung gibt? Das ist auf Dauer ziemlich anstrengend und schränkt einen zum Teil sehr massiv ein. Wir sind also keine freien Menschen, wenn wir hassen. Zusammenfassend kann man sagen, dass die Formel des Glücks aus drei einfachen Teilen besteht. Denke ruhig groß, arbeite umso härter, es zu erreichen, aber und vor allem dieses Aber möchte ich an dieser Stelle wirklich betonen, sei kein Arschloch. Genießt den Sommer und schenkt euren Mitmenschen ein Lächeln und damit die Hoffnung auf so etwas wie einen gesunden Ethos des Miteinanders, der glücklich macht.

Kenne deinen Scheiß oder: Wieso du nicht befördert wirst

Heute habe ich ein langes Gespräch über Datenschutz geführt. Eigentlich dachte ich, ich wäre im Bilde, denn Debatten diesbezüglich gibt es ja zuhauf. Zum Beispiel die allgemein anerkannte Tatsache, dass Daten gesammelt werden. Wer kennt das nicht: Sammeln Sie Punkte? In meiner Stamm-Apotheke werde ich oft gefragt, ob ich nicht endlich eine Kundenkarte haben möchte. Das würde das Leben angeblich um so vieles erleichtern. Der Apotheker hätte gleich Einsicht in alles, was man konsumiert und kann über mögliche Wechselwirkungen aufklären, nachbestellen und irgendwann bekommt man den langersehnten Rabatt oder einen tollen Preis.

Aber ich wollte bisher nie. Maßgeblich, weil ich schlicht viel zu faul bin, meine Daten vollständig auszufüllen und den Wisch anschließend auch noch wieder abzugeben. Außerdem habe ich kaum mehr Platz in meinem Geldbeutel für noch eine Karte, da ich schon vor Jahren sämtlichen Mist unterschrieben habe. Selbstverständlich, ohne groß darüber nachzudenken. Also gut, wir wissen, dass unsere Daten in irgendeiner Cloud gespeichert werden. Nicht nur Fotos und Anschrift, sondern eben auch „sonstiges“ über das sich kaum jemand Gedanken macht. Ein beliebtes Ausweichargument an dieser Stelle ist oft sollen die ruhig sammeln, ich habe nichts zu verbergen. Ich frage: Bist du sicher?

Weißt du noch, was du am 17. April 2013 besoffen gegooglet oder schlimmstenfalls gepostet hast? Was wäre, wenn jemand all deine Chat-Verläufe ausdrucken und im Supermarkt aushängen würde? Wenn deine Kollegen wüssten, was für kranken pornografischen Mist du dir rein ziehst, weil du dich in anonymer Sicherheit wiegst? Ja, deine Kamera am Laptop mag abgeklebt sein. Was wäre aber, wenn dein Chef Zugang zu deinen Unterlagen aus der Apotheke hat? Wie viel Aspirin du täglich schluckst, sagt tatsächlich mehr aus, als du vielleicht glauben magst. Wissen deine Freunde eigentlich, was du in Wahrheit über sie denkst? Stell dir vor, irgendjemand verschafft sich Zugriff auf all diese vermeintlich banalen Daten.

Dann wissen sie nämlich, dass du damals in Costa Rica bei der Happy Hour am Partystrand derart über die Strenge geschlagen hast, dass du einen Sanitäter gebraucht hast. Ja, du warst erst siebzehn. Früh übt sich, nicht wahr? Chefs wollen den perfekten Mitarbeiter, Makler den perfekten Mieter, Versicherungsheinis den perfekten Klienten. Eine Risikolebensversicherung mit Hang zum Burnout abschließen? Undenkbar! Und wenn doch, dann wird das verdammt teuer. Bankenauskunft und Schufaeinträge waren gestern.

Was sagt es schon über dich, dass dein Konto ab und zu überzogen ist. Es ist doch viel interessanter zu wissen, weshalb du über deine Verhältnisse lebst. Was du hinter verschlossenen Türen treibst. Warum du auf dem Weg von der Arbeit einen Umweg machst. Wie viele Flaschen Wein du monatlich in Wahrheit kaufst. Findest du das immer noch harmlos?

Vor einigen Monaten habe ich gehört, dass manche Arbeitgeber in den USA sich in die Fitnessdaten ihrer Untertanen eingeklingt haben, um an Informationen zu kommen, die sie im reinen Vorbeigehen und höflichen salutieren nicht bekommen. Du weißt schon; die Rede ist von Smartwatches. Oder wie wir damals sagten: Armbanduhr mit integriertem Schrittzähler. Wie ist es um dich bestellt? Ich meine gesundheitlich. Packst du den ganzen Stress oder machst du demnächst vielleicht sogar schlapp? Vielleicht steht demnächst wieder eine Beförderung an und sollte sich herausstellen, dass du dir gerne einen genehmigst, dann bist du aus dem Rennen. Aber woher sollen die das denn wissen? Du machst deine Sache doch gut; du bist stets pünktlich und höflich zu all jenen, die dich tagtäglich umgeben.

Aber plötzlich haben sie Einsicht in dein Kaufverhalten. Du ernährst dich nur von Fertigprodukten und schluckst Ibuprofen wie Bonbons. Dazu drei Flaschen Rotwein in der Woche… Auf lange Sicht bist du nicht die Aktie, in die man investieren würde. Bist du auf Wohnungssuche? Vielleicht kennst du das: Auf eine Wohnung in relativ guter Lage kommen schlappe achthundert Mitbewerber. Wer bekommt die Wohnung? Vielleicht wohnen in diesem Haus Ärzte und gut betuchte Rentner. Die mögen es bekanntlich ruhig, also muss der neue Mieter ein eben solcher sein. Am besten kinderlos und das dauerhaft. Wie gut, dass es Einsichten in Krankenakten, Chatverläufe und Kaufverhalten gibt.

Fakt oder Fiktion? Fakt jedenfalls ist, dass Datensammeln nicht nur (d)einem optimierten Kaufverhalten gilt. Fakt ist auch, dass Daten auf Vorrat gespeichert werden, um potenzielle Gefahr zu verhindern. Dabei bleibt die Frage, wie gut das bislang gelungen ist und noch gelingen wird. Ebenfalls Fakt: Du sammelst Punkte, die sammeln Daten. Deine. Das persönlichste, was du hast und unter Garantie niemals einfach ausplaudern würdest.

Wer sind die? Tja nun, hier scheiden sich die Geister. Die Bank. Großkonzerne. Mark Zuckerberg. Versicherungsgesellschaften. Die Polizei. Supermärkte, Tankstellen, Autobahnmautpassierhäuschen. Das örtliche Schwimmbad. Was bringt ihnen der sagenumwobene gläserne Bürger?

Kontrolle. Es sind ja nur ein paar Daten und ich brauche diesen Fußball wirklich dringend, den ich bekomme, wenn ich nur die fünfhundert Marke knacke. Vielleicht ist es auch ein Kasten Bier extra, immerhin bist du doch ein Alkoholiker oder warum kaufst du jeden zweiten Freitag eine Flasche Sekt? Glaubst du, du bekommst mit deiner Vorgeschichte die langersehnte Beförderung oder gar deinen Traumjob?

Vielleicht ist es am Ende auch schlicht die Tatsache, dass du ein Fan der Nine Inch Nails bist, der dich zum Scheitern bringt. Immerhin hast du sie auf Facebook geliked. Industrial Rock ist out, genau wie du. Geh mit der Zeit, sonst überrennt sie dich. Ist das alles am Ende moderne Sklaverei, die als freier Wille verkauft wird? Wohin soll das führen? Und was ist mit all jenen, die im Punkte Score schlecht abschneiden? Wo sollen die wohnen, arbeiten und an welche Versicherung sollen sie sich wenden? Ich meine, bei Ihrer Vorgeschichte…

Man sollte sich fragen, wer eigentlich davon profitiert und wer (wie meist) leer ausgeht. Auf das Internet verzichten? Nein. Nachdenken? Ja, wenn ich mal Zeit habe. Oder dann, wenn es bereits zu spät ist. Zum Glück braucht es noch ein bisschen Zeit, bis es so weit ist. Sie mögen zwar deine Daten haben, aber noch kaum passende Filter, um sie zu verwerten. George Orwell hat mit seinem Schocker 1984 jedenfalls eines nicht bedacht: Wir kaufen die Kameras selbst, die uns komplett überwachen und unsere größte Sorge ist es, dass niemand zusieht. Was für den einen die Goldmiene der Neuzeit ist, kann einem Ottonormalverbraucher schnell das Genick brechen. Ich sage: kenne deinen Scheiß, denn glaub mir, er kennt dich bereits bestens. Wie schneidest du denn im Gesamtbild deiner Datenflut ab?